Festnahme von Jaber Albakr Wachsame Geheimdienste, mutige Syrer, zögerliche Polizei

Die Pläne des Terrorverdächtigen Albakr sind in letzter Minute vereitelt worden. Der Fall zeigt: Der Informationsaustausch der Geheimdienste funktioniert - aber Sachsens Polizei hat ein schwaches Bild abgegeben. Mal wieder.

Polizist in Chemnitz
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Polizist in Chemnitz

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Deutschland ist nur knapp einem islamistischen Terroranschlag entgangen. "Es war fünf vor zwölf", sagt Hans-Georg Maaßen, Chef des Bundesverfassungsschutzes. Jaber Albakr hatte mehrere hundert Gramm des hochexplosiven Sprengstoffs TATP hergestellt, der auch bei den IS-Anschlägen in Paris und Brüssel eingesetzt wurde. Außerdem arbeitete der Syrer offenbar mit Hochdruck an der Herstellung einer Sprengstoffweste - kurzum: Er hatte offenbar fast alles, was ein Terrorist für einen Anschlag mit vielen Opfern braucht.

Dass der Anschlagsplan des 22-Jährigen vereitelt wurde, ist dem mutigen Einsatz mehrerer Syrer zu verdanken, die Albakr in ihrer Wohnung in Leipzig fesselten und die Polizei alarmierten. Die zuvor geglückte Enttarnung des Gesuchten war das Ergebnis gelungener Geheimdienstarbeit.

Anfang September erhielt das Bundesamt für Verfassungsschutz einen ernstzunehmenden Hinweis darauf, dass die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) Attentate gegen Infrastruktur in Deutschland plane. Die Information soll von einem befreundeten ausländischen Nachrichtendienst gekommen sein. Der Fall Albakr zeigt, dass die Zusammenarbeit der internationalen Geheimdienste bei der Terrorabwehr offenbar gut funktioniert - trotz der Irritationen um die NSA-Spähaffäre und der Forderungen an die Regierung, die Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten zurückzufahren.

Zunächst war dem deutschen Inlandsgeheimdienst aber noch unklar, wer den Anschlag im Auftrag des IS in Deutschland ausführen sollte. "Wirkliche Detektivarbeit" sei nötig gewesen, um Albakr zu identifizieren und ausfindig zu machen, sagte Maaßen. Erst am Freitag sei es gelungen, den Verdächtigen in Chemnitz zu lokalisieren - dann habe der Verfassungsschutz seine Erkenntnisse umgehend an die Polizei weitergegeben.

Bis dahin lief die Ermittlungsarbeit nach derzeitigem Kenntnisstand nahezu vorbildlich. Dann kam die sächsische Polizei ins Spiel.

Deren Beamte observierten ab Freitagabend das Haus in der Straße Usti nad Labem 97, in dem sich Albakr aufhielt. Doch offenbar verhielten sich die Einsatzkräfte dabei nicht besonders diskret. Mehreren Bewohnern fiel auf, dass Zivilpolizisten das Gebäude beobachteten und fotografierten. Trotzdem gelang es der sächsischen Polizei nicht herauszufinden, in welcher Wohnung sich der Gesuchte aufhielt, weil er nicht in Chemnitz gemeldet war, sondern in der nordsächsischen Kleinstadt Eilenburg. In dem Plattenbau in Chemnitz habe es mehrere Mieter mit arabisch klingenden Namen gegeben, so Jörg Michaelis, Chef des sächsischen Landeskriminalamtes.

Sehen Sie hier eine Chronologie der Fahndung nach Albakr:

AFP/ Landeskriminalamt Sachsen

Deshalb entschied die Einsatzleitung, mit dem Zugriff zu warten, bis Albakr das Haus verlassen würde. Zu diesem Zweck bezog ein Spezialeinsatzkommando Position vor dem Gebäude. Noch während die Vorbereitungen für den Zugriff liefen, verließ ein verdächtiger Mann das Haus. Beamte forderten ihn auf stehenzubleiben. Auch ein Warnschuss hielt den Flüchtenden nicht ab, er entkam. Die Verfolgung des Mannes sei gescheitert, da die Polizisten des SEK eine 35 Kilogramm schwere Schutzkleidung trugen. "Ein erneuter Schuss konnte nicht abgegeben werden, da unbeteiligte Personen in der Nähe waren", sagte LKA-Chef Michaelis.

Nach seinen Angaben ist noch nicht abschließend geklärt, ob es sich bei diesem Mann tatsächlich um Albakr handelte. Es spricht jedoch alles dafür, schließlich wurde Albakr vom Verfassungsschutz wenige Tage zuvor in Chemnitz fotografiert, außerdem hatte der Verdächtige offenbar trotz des Warnschusses Grund zur Flucht vor der Polizei.

So konnte Albakr entkommen - ein Mann, von dem die Polizei in ihrem Fahndungsaufruf selbst sagte, er "schlurfe" und sein Gang sei ohne Körperspannung. Er konnte auch deshalb fliehen, weil es die Polizei versäumt hatte, einen zweiten Ring mit Einsatzkräften um das observierte Wohnhaus zu ziehen.

Syrer fahndeten auf eigene Faust nach Albakr

Noch am Samstag gelangte der Syrer trotz eines verstärkten Polizeiaufgebots von Chemnitz ins gut 80 Kilometer entfernte Leipzig. Dort endete Albakrs Flucht in der Nacht zum Montag. "Wir sind geschafft, aber überglücklich. Der Terrorverdächtige Albakr wurde in der Nacht in Leipzig festgenommen", twitterte die sächsische Polizei.

Doch das war weniger das Verdienst der Ermittler, sondern ist vor allem der Aufmerksamkeit und Entschlossenheit mehrerer Syrer zu verdanken, bei denen Albakr zunächst in Leipzig Unterschlupf gefunden hatte. Sie überwältigten und fesselten den Gesuchten in ihrer Wohnung und übergaben ihn dann den Beamten.

Die Polizei selbst hatte erst am späten Sonntagabend einen Fahndungsaufruf in arabischer Sprache veröffentlicht. Schon vorher hatten Syrer auf Facebook eigene Aufrufe gestartet, in denen sie das Foto des Gesuchten verbreiteten und ihre Landsleute in Deutschland dazu aufriefen, der Polizei Hinweise zu geben.

Kein Lob von de Maizière

Nachdem die Syrer Albakr in ihrer Wohnung gefesselt hatten, bot ihnen dieser nach Angaben der "Bild"-Zeitung 1000 Euro und 200 US-Dollar, damit sie ihn befreiten. Sie ließen sich darauf nicht ein. Ob sie stattdessen nun eine Belohnung von der Polizei erhalten, ist noch unklar.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der nicht nur für die Polizeiarbeit, sondern auch für Flüchtlinge und Integration zuständig ist, dankte in seiner ersten Reaktion ausdrücklich den Polizisten und Geheimdiensten "für die gute Arbeit". Die Syrer, die ihren Landsmann der Polizei auslieferten, erwähnte der Politiker nicht.

Im Video: Verdächtiger Syrer hatte laut Polizei Kontakte zum IS

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