Krawalle in Chemnitz Wie die Polizei eine Stadt den Rechten überließ

Jagdszenen, schon wieder: Bei gewalttätigen Zusammenstößen sind in Chemnitz mehrere Menschen verletzt worden. Die Polizei hatte den rechten Aufmarsch unterschätzt - und musste den Mob gewähren lassen.

FILIP SINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Aus Chemnitz berichtet


Der Neonazi stürmt los, reißt die Arme hoch, brüllt, winkt Richtung Demonstrationszug, seine Kameraden sollen ihm folgen. Mit einer Gruppe von zehn, zwölf Leuten rennt er die Treppe zu einer Terrasse hoch, die sich vor der Stadthalle ausbreitet. Oben stehen und sitzen Kameramänner, Schaulustige, Gegendemonstranten. Sie sehen die Angreifer nicht kommen. Der Neonazi packt einen jungen Mann von hinten, reißt ihn zu Boden und schlägt zu. Immer wieder.

Erst dann kommen vier Polizisten herbeigeeilt, drängen die Neonazis zurück. Die Beamten sind sichtlich überfordert - so wie die Polizei den ganzen Montagabend überfordert war während der Demonstrationen, die sich irgendwann zu Krawallen auswuchsen.

Jagdszenen. Schon wieder. Mitten in Chemnitz.

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Krawalle in Chemnitz: Feuer und Fahnen

Tausende Menschen hatten sich in Sachsens drittgrößter Stadt eingefunden. Zunächst demonstrierten mehr als tausend Menschen gegen rechte Gewalt. Später marschierten mehrere Tausend Teilnehmer einer rechten Kundgebung am Karl-Marx-Monument auf. Beide Lager waren nur durch eine Fahrbahn und eine überschaubare Zahl an Einsatzkräften voneinander getrennt, die Stimmung war aufgeheizt - und entlud sich mit Anbruch der Dämmerung. Bengalos und Feuerwerkskörper wurden gezündet, Gegenstände flogen in beide Richtungen. Mehrere Menschen wurden verletzt.

Man habe die Teilnehmerzahl unterschätzt, hieß es später von der Polizei. Und das nach den Ereignissen des Vortages.

Am frühen Sonntagmorgen war der 35-jährige Daniel H. auf einem Stadtfest in der Chemnitzer Innenstadt niedergestochen worden. Auf rechten Internetseiten und in den sozialen Medien machten Gerüchte die Runde, von sexueller Belästigung, von Tätern mit Migrationshintergrund. Es wurde gegen Flüchtlinge gehetzt.

Ein rechter Mob versammelte sich, jagte Menschen durch die Straßen. Die Polizei, laut Berichten anfangs nur mit zwei Zügen im Einsatz, wurde zeitweise regelrecht überrannt.

Polizei in der Unterzahl

Das sollte nicht wieder passieren, hatte die Chemnitzer Polizeipräsidentin Sonja Penzel am Montagnachmittag versprochen. Doch am Abend stehen die Einsatzkräfte erneut einer Überzahl rechter Protestler gegenüber, unter ihnen auch Marcel. Der 31-Jährige, groß, breitschultrig, arbeitet als Handwerker. Er sagt von sich, dass er sich nicht leicht provozieren lasse. Aber kürzlich, da sei er mit einer Freundin aus einem Klub in der Innenstadt von einer Party gekommen, als sich von hinten zwei Typen genähert hätten, die "nicht ganz akzentfrei Deutsch sprachen".

Die beiden hätten seine Freundin angepöbelt und ihn angespuckt, woraufhin er einem der beiden ins Gesicht geschlagen hätte, dass es blutete. Als die Polizei kam, nahmen sie jedoch nicht Marcel fest, sondern den Verletzten. Marcel wundert das nicht, er sagt: "Ich habe zwei Freunde bei der Polizei. Die Polizisten hier wissen halt, wie man mit so einer Situation umgeht."

Ein paar Meter weiter, zwei Demonstranten reden auf Polizisten ein: "Lasst uns doch bitte zu den Linken durch. Die wollen das doch!" Sein Kumpel ergänzt: "Ja, die Frauen nach Hause schicken, und dann: Mann gegen Mann!"

Dazu sollte es später noch kommen.

Video: Demonstrationen in Chemnitz

Silvia Faschner (Name geändert) steht etwas abseits. Die 64-Jährige ist mit ihrem Sohn gekommen, der als Altenpfleger arbeitet, sie selbst ist Bestatterin. Sie deutet auf die gegenüberliegende Seite, wo sich diejenigen sammeln, die keine Rechten in Chemnitz wollen. Und wo auch einige junge Männer aus Syrien neben einem Baum stehen.

Faschner zeigt auf die Syrer und sagt: "Ich bin einfach nicht damit einverstanden, dass so viele Ausländer herkommen. Wenn ich die da drüben sehe, frage ich mich, warum meine Steuern für die ausgegeben werden. Die wollen doch alle nur Fußballprofi und Schlagersänger sein, aber wenn die mal einen Tag Bretter schleppen sollen, tut ihnen der Rücken weh!"

Plötzlich bricht der Mob los

Genaue Zahlen kenne sie nicht. Tatsächlich machte der Bevölkerungsanteil aller in der Stadt lebenden Ausländer nach Informationen der "Freien Presse" zu Jahresbeginn knapp 7,6 Prozent aus, der Anteil der Flüchtlinge lag demnach bei 2,41 Prozent. Die Zeitung berief sich auf Angaben des Rathauses.

Und doch, ja, Faschner verstehe schon, dass die aus ihrem Land fliehen, aber es gebe zwei Millionen Kinder in Deutschland, die unter der Armutsgrenze leben. "Warum", fragt sie, "kümmert sich keiner um die?" Es ist vor allem soziale Ungerechtigkeit, die sie wütend macht, wütend auf eine Bundesregierung, die nichts tue. Nächstes Jahr werde sie in Rente gehen, aber nur wenig bekommen. Und ihr Sohn verdiene auch schlecht.

Fragt man sie dann, warum sie gegen Flüchtlinge sei und nicht etwa mehr Umverteilung fordere, sagt sie: "Weil man ja gegen irgendwen sein muss, und mit denen ist es einfach." Sie betont aber, dass sie kein Nazi sei. Nazis seien jene, die körperlich gegen andere vorgehen.

Kurz vor 20 Uhr wird es dann körperlich. Mehrere Hundert Rechtsradikale drücken plötzlich gegen die Polizeikette, brüllen: "Frei! Sozial! Und national!" Ein Böller fliegt in Richtung Gegendemonstranten, explodiert krachend. Die Rechten schleudern Glasflaschen in die Menge. Ein Leuchtkörper geht runter, mehrere Polizisten stieben auseinander. Auch ihre eigene Sicherheit können sie in diesem Augenblick nicht garantieren. Mit Not drängen die Polizisten den Mob zurück, verhindern gerade noch einen Zusammenstoß.

"Nicht störungsfrei"

Die Rechten setzen sich jetzt in Bewegung, marschieren durch die Stadt, skandieren "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!", recken den Arm zum Hitlergruß. Flankiert werden sie nur von kleinen Polizeigruppen. "Es gibt Hinweise, dass massiv Steine ausgegraben werden", werden die Beamten per Funk gewarnt. Ein anderer Polizist kommentiert einen Befehl wie folgt: "Das ist angesichts unserer Stärke nicht sehr klug, aber die Anweisung kam von der Polizeiführung." Auch die beiden bereitstehenden Wasserwerfer wirken da wenig beruhigend.

Zurück am Startpunkt der Demonstration laufen die Rechten in kleinen Gruppen weiter. Im Schutze der einbrechenden Dunkelheit verteilen sie sich über die Stadt, verschwinden in den Seitenstraßen und Parks. Sie beschimpfen Journalisten, greifen Gegendemonstranten an und attackieren ein linkes Hausprojekt. Mindestens zwei Menschen werden verletzt.

Währenddessen verklingen auf der Abschlusskundgebung die letzten Zeilen eines Liedes:

"Blüh' im Glanze dieses Glückes/
Blühe, deutsches Vaterland!"

"Nicht störungsfrei" sei der Einsatz verlaufen, gibt die Polizeiführung später zu Protokoll. Man habe einfach zu wenig Beamte im Einsatz gehabt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, ein Leuchtspurgeschoss sei abgefeuert worden. Tatsächlich handelte es sich um einen brennenden Leuchtkörper, vermutlich aus einer Signalpistole.

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