China-Visite des Kanzlers Doktor Schröder im Schwebezustand

Kurz vor Neujahr versucht Bundeskanzler Gerhard Schröder, das Stimmungstief in Deutschland zu überwinden - von Shanghai aus. In Chinas Megametropole wird er am Silvestertag den daheim ungeliebten Transrapid einweihen. Die Bundesregierung erhofft sich nicht nur lukrative Folgeaufträge, sondern auch eine Demonstration deutscher Leistungsfähigkeit, die bis in die Heimat zurückstrahlen soll.

Von , Peking


Gerhard Schröder mit Zhu Rongji: Endlich mal gute Nachrichten
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Gerhard Schröder mit Zhu Rongji: Endlich mal gute Nachrichten

Hamburg - Zu seinem zweitägigen Arbeitsbesuch traf Schröder am Sonntag Nachmittag (Ortszeit) in Peking ein. Kurz nach seiner Ankunft konferierte er in der Großen Halle des Volkes mit Premierminister Zhu Rongji. Die deutsch-chinesische Zusammenarbeit befinde sich "in der besten Phase der Geschichte", lobte der chinesische Regierungschef. "Die Beziehungen stehen vor allen anderen in der chinesisch-europäischen Zusammenarbeit." Deutschland sei Chinas "verlässlicher Partner".

Auch Schröder pries die Beziehungen zwischen beiden Ländern, die "nicht besser sein könnten als sie sind". Schröder: "Unsere Aufgabe ist es, sie auf diesem hohen Stand zu halten."

Die Chinesen erwarten von den Deutschen, dass diese eine stärkere Rolle in der Weltpolitik zu spielen und den säbelrasselnden Amerikanern Paroli bieten. Die deutsche Industrie versucht derweil, immer stärker auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen. Die Exporte aus der Bundesrepublik wuchsen zwischen August 2001 und August 2002 um 19 Prozent. China könnte schon bald Japan als Deutschlands wichtigsten Exportmarkt in Asien überholen. Deutschland ist wiederum Pekings bedeutendster Handelspartner in Europa.

Minister im Schlepptau

Schröder wird von Arbeits- und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Verkehrsminister Manfred Stolpe begleitet. Ebenfalls im Tross ist der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens Peer Steinbrück. Am Montag stehen kurze politische Gespräche mit Staatspräsident Jiang Zemin und dem neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei (KP) Hu Jintao auf dem Programm. Danach fliegt die Berliner Delegation nach Shanghai weiter, wo Schröder die Ehrendoktorwürde der Tongji-Universität verliehen wird.

Höhepunkt der Visite ist die Jungfernfahrt mit dem Transrapid am Silvestertag. Schröder und Amtskollege Zhu wollen von der U-Bahnstation Longyang-Straße zum Flughafen Pudong und wieder zurück flitzen. Die erste kommerziell genutzte Strecke wurde blitzschnell, innerhalb von nur 22 Monaten, errichtet. Zuletzt flog Thyssen-Krupp über 200 Experten ein, um ein Gelingen der Premiere sicherzustellen. Die Bahn soll auf der 30-Kilometer-Trasse über 430 Stundenkilometer erreichen. Gesamtkosten: rund 1,5 Milliarden Euro. Berlin schoss 100 Millionen Euro zu.

Bewährt sich die Magnetschwebebahn im Alltag, wollen die Chinesen die Deutschen möglicherweise weitere Strecken bauen lassen. Im Gespräch sind die Verbindung Shanghai-Hangzhou, Shanghai- Zhengzhou und Peking-Tianjin sowie die 1200 Kilometer lange Prestigeroute Peking-Shanghai.

Keine konkreten Zusagen

Transrapid in Shanghai (Montage): Bestenfalls als Versuchsstrecke geeignet

Transrapid in Shanghai (Montage): Bestenfalls als Versuchsstrecke geeignet

Premier Zhu wich allerdings nach der Schröder-Begegnung auf einer Pressekonferenz der Frage nach konkreten Anschlussprojekten aus: "Fragen Sie mich am Dienstag noch mal." Siemens-Chef Heinrich von Pierer kommentierte diese Aussage zufrieden: "Das war mehr als bisher."

In den letzten Monaten kam es allerdings zu Verstimmungen zwischen den Partnern. Schuld daran war nicht nur das autoritäre Regime des Shanghaier Bauleiters Wu, der allenthalben "Commander Wu" gerufen wird, sondern auch Pekings Erwartung, die Deutschen würden ihnen das Know-how für die Technologie der Magnetschwebebahn verkaufen. ThyssenKrupp dagegen wollte zunächst einen Folgeauftrag sicherstellen.

Offenbar um ihre Verhandlungsposition zu verbessern, ließen es die Chinesen bei der Abwicklung des Renommierprojektes immer wieder knirschen. Thyssen-Krupp und Siemens müssten die Preise für die Magnetschwebebahn "erheblich senken", wenn sie weitere Verträge wollten, drohte jüngst ein führender chinesischer Manager.

Transrapid-Alternative für Shanghai schon in Planung

Pekinger Politiker ließen kaum eine Gelegenheit aus, sich über die Langsamkeit der Deutschen zu beschweren. Die wiederum beklagten, ihre Partner würden sich nicht präzise an die technischen Vorgaben halten. Inzwischen scheinen sich die Deutschen, wie es heißt, auf die Forderungen der Chinesen nach einem Technologietransfer zumindest teilweise eingelassen zu haben. Wichtig für sie ist vor allem der internationale Durchbruch ihrer Bahn, die auch in andere Länder verkauft werden soll. Kanzler Schröder äußerte sich vor Journalisten in der Großen Halle des Volkes positiv zum Technologietransfer. Er müsse allerdings in dem Rahmen, "wie es vertretbar" ist, geschehen, erklärte er.

Umstritten ist auch der Sinn der Linienführung, denn die Transrapid-Trasse ist nur rund 30 Kilometer lang und endet fünf Kilometer vom Shanghaier Finanzzentrum entfernt. Sie macht deshalb allenfalls als Versuchsstrecke, nicht aber als rasche Verbindung zwischen der Metropole und dem Airport Sinn. Passagiere müssen ihr Gepäck über Rolltreppen entweder in die Metro oder in Autos wuchten. Zudem planen die Shanghaier schon eine billigere Alternative: In wenigen Jahren wird die U-Bahnlinie 2 laut Entwicklungsplan den Flughafen mit dem Stadtzentrum verbinden. Das Transrapid-Ticket soll 50 Yuan (rund 6 Euro 25) kosten.



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