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Chodorkowski in Berlin: Schöne, freie, wilde Welt

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DPA

Eben noch im Straflager, jetzt bedrängt von Fotografen und Journalisten - für Michail Chodorkowski bringt die Freiheit gewaltige Veränderungen. Geduldig beantwortet er auf einem turbulenten Termin in Berlin Fragen, aber es wird klar: Er braucht Zeit, um sich an sein neues Leben zu gewöhnen.

Berlin - Einfach mal Danke sagen. Viel mehr will Michail Chodorkowski gar nicht. Also macht sich der Kreml-Gegner sogleich ans Werk. Seine Freunde. Seine Familie. Hans-Dietrich Genscher. Angela Merkel. Die Liste seiner Danksagung ist lang. "Und ich will dafür alle Kanäle nutzen", sagt Chodorkowski und lächelt.

Kurzes Innehalten. Alle Kanäle? "Für mich ist das alles ziemlich neu. Facebook und Twitter und all das. Als ich ins Gefängnis kam, gab es das doch alles noch gar nicht", sagt er. Lacher im Publikum.

Es ist ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Termin an diesem Nachmittag im Berliner Mauermuseum unweit des Checkpoint Charlie, dem Symbolort der Ost-West-Konfrontation. Historisch, klar. Bewegend, auch das.

Aber Chodorkowski selbst muss das alles etwas rätselhaft vorkommen, was da vor ihm und mit ihm geschieht. Es ist wie in einer Zeitmaschine. Zehn Jahre lang schmachtete der ehemalige Oligarch in russischen Lagern, abgeschottet von der Öffentlichkeit. Dann, vor nicht einmal zwei Tagen, ging alles sehr schnell. Flugzeug, Berlin, Freiheit, und plötzlich will die Welt, diese veränderte Welt alles von ihm wissen. Wie das war in Gefangenschaft. Was er von Wladimir Putin hält. Und was er so vor hat mit seinem Leben. Seinem zweiten Leben.

"Wenn Sie nicht Platz machen, schmeiße ich Sie alle raus"

"Bitte geben Sie mir ein bisschen Zeit", sagt er. "Mehr als diese 36 Stunden." Chodorkowski genießt seine Freiheit. Aber es wird auch klar, dass er sich an sein neues Leben erst noch gewöhnen muss.

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Freigelassener Chodorkowski: Erster großer Auftritt in Berlin

Man kann sagen, dass dieser Termin im Mauermuseum dafür nicht wirklich der schonendste Weg ist. Es ist alles wahnsinnig übersteigert, vor Chodorkowski haben sich Hunderte Journalisten versammelt, manche knien vor ihm, andere haben Weihnachtsmützen auf, um besser auf sich aufmerksam zu machen. Die, die den Weg nach vorne zur Bühne nicht geschafft haben, filmen mit ihren Kameras oder Mobiltelefonen einen der Bildschirme ab, auf denen der Auftritt gezeigt wird. Willkommen im Kommunikationszeitalter.

Der Saal platzt aus allen Nähten, hinten am Eingang wollen immer noch welche rein. Das geht aber nicht. Die Leute von der Sicherheit lehnen sich gegen die Tür. "Was sind Sie nur für ein Mann", schreit eine der Zukurzgekommenen. Vorne verliert die Museumschefin kurzzeitig die Nerven. "Wenn Sie hier nicht mehr Platz machen, schmeiße ich Sie alle raus", ruft Alexandra Hildebrandt ins Mikrofon. Es dauert ein bisschen, bis die Drohung wirkt.

Gemessen daran gibt sich Chodorkowski erstaunlich souverän. Geduldig beantwortet er die Fragen, jedenfalls so weit er das kann und will. Er hat sich vorgenommen, nicht allzu politisch zu werden, aber das muss er auch nicht, denn der Ort spricht ja für sich. Von einem Boykott der Winterspiele in Sotschi hält er wenig, denn es handele sich dabei ja um ein "Fest des Sports". Julija Timoschenko werde hoffentlich bald freikommen, sagt er, jedenfalls hoffe er, dass sich der ukrainische Präsident wenigstens in dieser einen Frage seinen russischen Amtskollegen zum Vorbild nehme. Zu Wladimir Putin selbst will er nur wenig sagen. Dazu, wie westliche Regierungen sich dem russischen Präsidenten gegenüber verhalten sollen, gar nichts.

"Es wäre vermessen, erfahrenen Regierungen Ratschläge zu erteilen, wie sie mit einem so schwierigen Menschen umgehen sollen", sagt er. Es klingt fast schon demütig.

Chodorkowski ist kein Mandela

Seine Zukunftspläne seien vage, sagt er. Der Wirtschaft wolle er aber fern bleiben. "Da habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte." Auch in die Politik wolle er nicht, das habe er Putin in einem Brief auch mitgeteilt. "Es geht mir nicht um einen Kampf um die Macht."

Die Vorsicht, mit der Chodorkowski auftritt, dürfte mehrere Gründe haben, aber einer wird wohl auch damit zu tun haben, dass er seine eigene Bedeutung nicht überschätzen will. Das ist klug. Denn natürlich ist er kein Nelson Mandela. Kein Freiheitskämpfer. Seine Geschichte ist bemerkenswert, aber der schillernde Geschäftsmann hat im Westen nicht nur Freunde, ja es gibt sogar Leute, die sagen, dass er erst in Gefangenschaft gemerkt habe, was für Vorzüge die Demokratie doch so mit sich bringe.

Als Wegbereiter einer demokratischen Veränderung will sich der 50-Jährige nicht verstanden wissen. "Es gibt in Russland viele Menschen, die weiterhin in einer schwierigen Lage sind, es gibt viele andere politische Gefangene", sagt er. Für die wolle er sich nun einsetzen und mit seinen Mitteln dafür sorgen, dass sich die russische Gesellschaft "wenigstens ein bisschen ändert".

Wie er das machen wolle? "Bitte geben Sie mir ein bisschen Zeit", sagt er zum Abschluss. Es ist sein Lieblingssatz an diesem Tag.

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1.
thanks-top-info 22.12.2013
ist nicht auch die Pussy Riot Lady entlassen worden? Hat sie Kind und Ehemann empfangen, wie ist ihre Reaktion?
2. ... und weiter gehts im Chodorkowski Zirkus
aeusserstgenervt1 22.12.2013
Politische Absichten hatte er sowieso nie, es ging immer nur um die Wirtschaft und um seinen Vorteil. Es scheint gar nicht so schwer gewesen zu sein ein paar der ergaunerten Milliarden zu retten. Wie lange bietet man diesem Wirtschaftskriminellen noch ein Forum um sich im Licht der Unschuld zu präsentieren. (... dank der Unterstützung der Deutschen Politik)?
3. erst in der Gefangenschaft ....
spmc-135322777912941 22.12.2013
ich kann mich erinnern dass er dort eine bewegendes Bekenntnis zur Demokratie geschrieben hat aber ansonsten ..... worin hat er sich von allen anderen Oligarchen unterschieden die ihre Nähe zu Jelzin ausgenutzt haben um sich das Volksvermögen der Sowjetbürger unter den Nagel zu reissen ? Ach ja, er kauft keinen Fußballverein. Na dazu reichen die restlichen € 200 Millionen auch nicht es sei denn, vielleicht Eintracht Braunschweig. Ich freue mich für jeden Menschen der seine Freiheit wieder erlangt aber warum die deutschen Medien wieder einmal so ein Theater machen verstehe ich nicht so recht. Weil Genschmann beteiligt war ? Ach so das erklärt die tiefe Sehnsucht der deutschen Elite nach der FDP.
4. Jesus Christ Chodorkowski Superstar
Meinungsfreiheitskämpfer 22.12.2013
Zitat von sysopDPAEben noch im Straflager, jetzt bedrängt von Fotografen und Journalisten - für Michail Chodorkowski bringt die Freiheit gewaltige Veränderungen. Geduldig beantwortet er auf einem turbulenten Termin in Berlin Fragen, aber es wird klar: Er braucht Zeit, um sich an sein neues Leben zu gewöhnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/chodorkowski-gibt-in-berlin-erste-pressekonferenz-in-freiheit-a-940552.html
Jesus Christ Chodorkowski Superstar, jeden Tag drei Artikel über den Messias aus Russland. Gehts noch??? Was gibt es morgen in den Nachrichten, lasst mich raten, Chodorkowski übernimmt Mehrheitsanteile bei Gruner+Jahr???
5. Großes Verbrechen
segelheld 22.12.2013
Mein Uronkel sagte immer, dass einem großen Vermögen immer ein großes Verbrechen vorausgeht. Mehr ist zu Chodorkowski nicht zu sagen.
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