Christentum und Islam Die Unterwerfung

Die beiden höchsten Vertreter der Kirche in Deutschland legen bei einem Besuch des Felsendoms ihr Kreuz ab - aus Respekt vor den Gastgebern, wie sie sagen. Kann man sich eine größere Demutsgeste vorstellen?

Landesbischof Bedford-Strohm, Kardinal Marx mit Scheich Omar Awadallah Kiswani vor dem Felsendom
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Landesbischof Bedford-Strohm, Kardinal Marx mit Scheich Omar Awadallah Kiswani vor dem Felsendom

Eine Kolumne von


Es gibt Fotos, bei denen man erst einmal überprüfen will, ob sie eine Fälschung sind. Das Bild, bei dem ich Zweifel an der Echtheit bekam, ist vor zweieinhalb Wochen während einer Pilgerreise evangelischer und katholischer Bischöfe durchs Heilige Land entstanden. Man sieht darauf die beiden obersten Repräsentanten der deutschen Amtskirchen vor dem Felsendom in Jerusalem: den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, den bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm.

Das Entscheidende an dem Bild ist das, was man nicht sieht. Beide Kirchenvertreter tragen Kleidung, die sie als Männer des Glaubens ausweisen. Aber wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass das Kreuz fehlt, das sie sonst um den Hals tragen. Das ist kein Zufall, wie man erfährt, wenn man die Geschichte zu dem Foto liest. In der Mitte gibt es einen dritten Herren, den ich zu erwähnen vergaß: Scheich Omar Awadallah Kiswani. Die muslimischen Autoritäten hatten die Bischöfe gebeten, das Symbol ihres Glaubens abzulegen, als sie die heilige Stätte betraten; eine Aufforderung, der die beiden umstandslos nachkamen.

Selbst unter Protestanten, die von ihren Kirchenführern einiges gewohnt sind, gibt es Unbehagen über soviel Eilfertigkeit. Es habe sich in keinster Weise um eine Verleugnung des Kreuzes gehandelt, normalerweise trage er dieses auch bei Moscheebesuchen, sagte Bedford-Strohm nach seiner Rückkehr. In der besonderen Situation in Jerusalem wäre es aber falsch gewesen, dem Wunsch der Gastgeber nicht nachzukommen: "Wir haben aus Respekt vor den Gastgebern gehandelt." In einer weiteren Pressekonferenz hat der Bischof am Wochenende nachgeschoben, auch die jüdische Seite habe wegen der angespannten Lage um Zurückhaltung gebeten, weshalb man beim Besuch der Klagemauer ebenfalls auf das Kreuz verzichtet habe.

Merkwürdiges Verständnis von Toleranz und Gastrecht

Ich bin nicht so leicht zu erschüttern, wie jeder weiß, der dieser Kolumne regelmäßig folgt. Aber mich hat der Vorgang sprachlos gemacht. Wie soll man es anders nennen als eine Verleugnung des Glaubens, wenn zwei wichtige Repräsentanten des Christentums bei einer Pilgerreise aus Rücksicht auf die Reizbarkeit muslimischer Glaubensvertreter ihr Kreuz ablegen? Es sind in der Geschichte des Christentums eine Menge Leute gestorben, weil sie genau das abgelehnt haben. Man kann das unvernünftig oder verbohrt finden, in den Kirchen werden sie heute als Heilige und Märtyrer verehrt. So ist das nun einmal mit dem Glauben: Den Gläubigen imponiert Standfestigkeit, nicht die Kapitulation vor fremden Mächten.

Die Geschichte ist in jeder Hinsicht abenteuerlich. Schon das Wort "Gastgeber" verrät ein merkwürdiges Verständnis von Toleranz und Gastrecht. Kann man sich vorstellen, dass von einem Würdenträger des Islam bei dem Besuch der Theatinerkirche in München verlangt würde, Dinge zu entfernen, die deutlich machen, dass er einem anderen Glauben folgt als dem christlichen? Wenn ich jemanden begrüßen würde, wäre jedenfalls nicht das erste, was ich tun würde, ihn zu nötigen, sich des wichtigsten religiösen Symbols zu entledigen, das er bei sich führt.

Tatsächlich ist das Ansinnen, dem die Bischöfe Folge leisteten, Ausdruck eines Islam, der vor anderen Religionen wenig Achtung hat. Michael Wolffsohn hat in einem Kommentar auf "bild.de" daran erinnert, dass in den vergangenen Jahren christliche Geistliche den Tempelberg besuchen konnten, ohne dass das Tragen des Kreuzes ein Thema war. Wolffsohn ist meines Wissens der einzige, der dem Vorgang die Beachtung geschenkt hat, die ihm zukommt. "Kirchen-Sensation" ist sein Beitrag überschrieben. Man kann das für eine typische "Bild"-Übertreibung halten. Ich finde, es trifft den Sachverhalt ganz gut.

Gott hat seinen eigenen Humor

Die Entscheidung der Bischöfe, ihr Kreuz abzulegen, ist in Wahrheit eine politische Entscheidung. Wenn Bedford-Strohm von der "besonderen Situation in Jerusalem" spricht, auf die es Rücksicht zu nehmen galt, kann nur der Anspruch der Muslime gemeint sein, den Tempelberg zu einem Heiligtum zu erklären, auf dem andere nichts zu suchen haben, schon gar keine Juden.

Wie man einem Bericht über die Pilgerreise im "Tagesspiegel" entnehmen kann, folgte auf die Begrüßung ein kleines religionsgeschichtliches Seminar. "Es hat hier oben nie einen jüdischen Tempel gegeben [...] Es gibt keinerlei archäologische Beweise", erläuterten die Hausherren den Besuchern aus Deutschland: Die Anwesenheit von Juden und Christen an diesem Ort sei gegen Gottes Willen.

Für Archäologen steht außer Frage, dass auf dem Tempelberg zwei jüdische Tempel standen, und zwar lange, bevor es den Islam gab. Den letzten zerstörten die Römer im Jahr 70 nach Christus. Aber so ist das im postfaktischen Zeitalter: Am Ende zählen die gefühlten Tatsachen, nicht die nachprüfbaren.

Die Demutsgeste der Bischöfe fällt in eine Zeit, in der es für Christen in vielen Ländern der Erde wohl noch nie so gefährlich war, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Was sich im Nahen und Mittleren Osten unter den Augen der muslimischen Geistlichkeit abspielt, ist eine Tragödie, anders kann man es nicht sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Verzicht auf das Kreuz viele Christen, die trotz Verfolgung und Diskriminierung standhalten, mit Trauer und Ratlosigkeit erfüllt.

Gott hat seinen eigenen Humor, heißt es. Am vergangenen Montag wurde in Deutschland feierlich das Reformationsjubiläum eingeleitet. Ich bin kein Luther-Experte. Aber nach allem, was ich über den großen Reformator gelesen habe, konnte er ein ziemlicher Hitzkopf sein. Wahrscheinlich wäre ein Pilgerbruder Luther den deutschen Bischöfen heute so peinlich, dass sie ihn im Hotelzimmer einschließen würden. Von einem Mann, der seine Thesen an Kirchtüren genagelt haben soll, darf man alles erwarten, aber nicht Respekt vor dem Wunsch der Gastgeber, wenn es ums Kreuz geht.

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Seite 1
unixv 07.11.2016
1. Falscher Weg!
Demutsgeste? vor dem Islam? Da sollte man aber trennen, den friedlichen Islam soweit es den überhaupt gibt?" und den Politischen Islam, vor letzteren bitte keine Demutsgesten!
bobrecht 07.11.2016
2. Das ist jetzt ein Scherz - oder!?
Jo Meister Fleischhauer, die beiden Kirchenmänner hätte wohl besser dem Scheich das Kreuz in die Brust bohren sollen - das hat ja auch bei Drakula geholfen. Das Kreuz - ein Symbol unter dem gemordet, gemeuchelt ud geraubt wurde kann man zwischendurch aber auch mal ablegen und man könnte einfach mal nur dem Galuben anhängen. Unsäglicher Blödsinn, den Sie da schreiben und damit weiter Feuer auf die lodernde Flamme gießen. Kreuzkrutzefix-Himmel-Atsch und Zwirn - ein echte Fleischhauer!
altermann41 07.11.2016
3. unglaublich !
Ich habe es zweimal gelesen. wenn ich solche Kirchenführer habe - brauche ich keine Islamistenkrieger mehr. Man stelle sich nur vor wir würden von Muslimen erwarten das sie ihre traditionelle Kleidung oder ihre Gebetsketten ablegen sollen wenn sie in unsere Gotteshäuser kommen.
Over_the_Fence 07.11.2016
4. Eigentlich ist dem nichts mehr hinzuzufügen
Ein sehr guter Beitrag von Herrn Fleischhauer. Man fragt sich, was diese Vertreter (?) ihrer Kirche eigentlich noch antreibt. Kein Kotau ist tief genug vor der agressiven religiösen Konkurrenz, als das man ihn nicht mit wortreichen Erklärungen hinbekäme. Aber die regelmässige Einübung erleichtert eines Tages dann die Durchführung des Freitagsgebetes für die Herren. Ich bin mal gespannt, ob demnächst umgekehrt die Gäste in evangelischen Kirchen darauf verpflichtet werden ihre Kopfbedeckungen abzunehmen, wenn sie ein christliches Gotteshaus betreten. Der geneigte Betrachter könnte dies sonst als Provokation empfinden.
ackergold 07.11.2016
5.
Demut, Herr Fleischhauer, ist ein zutiefst christlicher Wert und niemand verleugnet seinen Glauben, wenn er kein Kreuz trägt. Wie viele Kreuze tragen Sie und warum? Die Behauptung, es sei "eine Verleugnung des Glaubens, wenn zwei wichtige Repräsentanten des Christentums bei einer Pilgergreise aus Rücksicht auf die Reizbarkeit muslimischer Glaubensvertreter ihr Kreuz ablegen" ist daher fadenscheinig und falsch, denn was sie für im Sinne des Glaubens für richtig halten, entscheidet nicht ein Herr Fleischhauer, sondern diese Leute selbst. Ja, es sind in der Geschichte des Christentums eine Menge Leute gestorben, weil sie genau das abgelehnt haben, aber es sind im Zeichen dieses Kreuzes noch viel mehr gestorben, weil sie anderen gegenüber nicht demütig und tolerant waren. Es ist absolut nichts verwerfliches daran, aus Respekt ein Glaubenssymbol für ein paar Minuten abzulegen. Wenn mehr Menschen auf Erden so wären, die Welt wäre weitaus friedlicher, denn Kriege, Herr Fleischhauer, resultieren immer aus dem Irrwitz der Konsequenz. Respekt, dass die beiden Kirchenvertreter das erkannt haben.
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