Angebliche Fremdenangst Aufregung um Lindners Bäckerei-Äußerung

Auf dem FDP-Parteitag erzählte Christian Lindner von angeblicher Fremdenangst in der Bäckerei-Schlange: Im Netz sorgte das für so viel Aufregung, dass der Parteichef seine Aussagen noch einmal erläuterte.

FELIPE TRUEBA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Christian Lindner wird wegen einer Passage in seiner Rede auf dem FDP-Parteitag am Samstag in Berlin Alltagsrassismus vorgeworfen. Im Kontext des Themas Einwanderungspolitik hatte der Parteichef nahegelegt, dass es für eine befriedete Gesellschaft notwendig sei, dass sich Menschen, die beim Bäcker in der Schlange warten, sicher sein müssen, "dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält".

"Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen Deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt", sagte Lindner. Wenn einer "mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt", könne man nicht unterscheiden, "ob das der hochqualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer", hatte Lindner das Beispiel eingeleitet.

Auf Plattformen wie Facebook und Twitter reagierten viele Nutzer darauf mit Spott, die Aussagen wurden als rassistisch und rechtspopulistisch kritisiert. Das FDP-Mitglied Chris Pyak etwa kündigte an, wegen der umstrittenen Passage in Lindners Rede aus der Partei ausgetreten zu sein.

"Zunehmende Radikalisierung"

"Ich sehe in Christian Lindners FDP eine zunehmende Radikalisierung", erklärte Pyak später im Interview mit bento. "Dadurch verliert man Leute wie mich, die in politischen Diskussionen Wert auf ein gewisses Maß an Anstand legen."

Marek Dutschke, der Sohn von Rudi Dutschke, twitterte zu Lindners Aussagen, sie seien - so er sie denn richtig verstanden habe - "ein Persilschein, sich aggressiv und unfreundlich gegenüber Fremden zu benehmen".

Christopher Lauer von der SPD fragte derweil, ob Christian Linder wisse, "wie viele per Haftbefehl gesuchte 'Volksdeutsche' beim Bäcker in der Schlange stehen". Dazu verwies er auf aus seiner Sicht realere Ängste beim Anstehen:

Auch manch anderer Twitter-Nutzer verwies darauf, dass die Bäckerei wohl nicht unbedingt der Ort sei, an dem man über Einwanderungspolitik nachdenke:

Christian Lindner reagiert per Video

Im Netz kochte die Debatte rund um die Bäckerei-Äußerungen so hoch, dass Christian Lindner am Sonntag per Kurzvideo auf die Online-Kommentare reagierte:

Der FDP-Chef betont in dem kurzen Video, dass er die Passage, die er als "Anekdote" bezeichnet, "frei entwickelt" habe. Die Bäckerei-Szene leitet sich ihm zufolge aus einer realen Situation ab, die ihm ein Bekannter geschildert habe - ein Zuwanderer, der in den letzten Jahren festgestellt hätte, dass ihm zum Beispiel beim Bäcker Fremdenangst entgegenschlage, "so ein kritischer Blick von der Seite".

Wer in seinen Äußerungen Rassismus oder Rechtspopulismus lesen wolle, der sei "doch etwas hysterisch unterwegs", kommentiert der FDP-Chef die Kritik an seinen Äußerungen.

Die Lösung dafür, dass verschiedene Menschen gut zusammenleben könnten, sei keine Leitkultur, sondern der Rechtsstaat, stellt Lindner zuvor klar. Beruhigung in der Gesellschaft schaffe es, wenn sich alle Menschen auf ein "geordnetes Verfahren im Rechtsstaat verlassen können" - auf "ein Verfahren, das sicherstellt, dass auch sie oder er neben mir in der Schlange beim Bäcker rechtschaffen ist und sich hier legal aufhält".

mbö



insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
mullertomas989 13.05.2018
1. Verstehe ich auch nicht....
... wo hier das Problem sein soll. Ist doch klar, dass ein Vertrauen in den Rechtsstaat - und dass dieser auch beim Bäcker nicht außen vor ist - die Menschen beruhigt, und zwar Einheimische UND Zugezogene. Zuwanderung und Vielfalt finde ich grundsätzlich gut. Aber es wollen eben ein paar wenige auch mit nicht nur positiven Absichten in unser Land.
Child 13.05.2018
2. Unsinn.
"ein Verfahren, das sicherstellt, dass auch sie oder er neben mir in der Schlange beim Bäcker rechtschaffen ist und sich hier legal aufhält" Rechtschaffen also. Da wäre zuerst einmal festzustellen was denn nun einen rechtschaffenen Menschen ausmacht. Darauf folgend stellt sich die Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen einem rechtschaffenen Menschen und einem rechtschaffenen Deutschen? Und letztlich: Kann ein Mensch rechtschaffen sein und trotzdem ohne Aufenthaltsgenehmigung neben mir in der Schlange beim Bäcker in Hinterbuxdehude stehen? Für mich ist die abschließende Frage mit "Ja" zu beantworten und deshalb ist die Anekdote, die Herr Lindner hier zum besten gegeben hat zwar nicht falsch - Misstrauen und Vorsicht gegenüber Fremdem ist etwas sehr menschliches, was jeder einzelne dann daraus macht ist das worauf es ankommt - bringt aber irgendwie die gesamte Debatte nicht weiter. Abgesehen davon, dass nun alle, die sich beim Bäcker bisher nichts dazu gedacht haben jetzt darüber sinnieren wer so mit in der Schlange steht.
neutralfanw 13.05.2018
3.
Da hat sich der selbstverliebte Rhetoriker mal wieder heftig vergaloppiert. Es gibt Momente, da hat sich Herr Lindner nicht mehr unter Kontrolle. Vor lauter Begeisterung, dass es er mal wieder Beifall bekommen hat, versucht er weitere Steigerungen seiner Rede. Dann kommen die typischen Übertreibungen und sein Vortrag implodiert. Der Inhalt der Rede ist vergessen. Es bleibt der übliche Versprecher. Der gesamte Auftritt ist dann unglaubwürdig
hansgustor 13.05.2018
4. German Angst
Ein typischer Lindner. Recht hat er, aber praktikable Lösungen fehlen. Egal was man macht, Auswärtige werden immer schief angesehen. Entweder die aus Syrien, oder die mit dem falschen deutschen Dialekt.
fliffis 13.05.2018
5. Lesekompetenz
ich dachte, den dt. Schülerinnen und Schülern ist erst in den letzten Jahren ein Stück Lesekompetenz verloren gegangen. Wer aus dem von Lindner in der Passage Gesagten diesen Satz zusammenfasst: "Bürger müssen sicher sein, das der Ausländer beim Bäcker kein Illegaler ist.", dem fehlt weit mehr als nur ein Stück der o.g. Kompetenz. Das Problem: auf so eine verfälschende Zusammenfassung reagiert dann "das Netz", anstatt sich die Mühe zu machen, selbst nachzulesen (oder zu sehen). Aber vielleicht war das ja auch volle Absicht...
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