Spitzen-Liberaler in NRW Lindner hat mal kurz die FDP gerettet

Christian Lindner beschert der FDP ein überraschendes Ergebnis in Nordrhein-Westfalen. Zusammen mit Wolfgang Kubicki könnte er zum neuen starken Tandem in der Partei werden. FDP-Chef Rösler muss weiter um seinen Posten bangen - trotz der jüngsten Erfolge seiner Partei.

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Düsseldorf/Berlin - Christian Lindner verpasst der gläsernen Drehtür einen kräftigen Schwung, als er in den Düsseldorfer Zollhof zur Wahlparty der FDP kommt. Es wirkt wie ein sorgfältig choreografierter Augenblick mit Symbolwirkung: Der Wahlsieger öffnet die Tür und bringt seinen Parteifreunden frischen Wind.

"Oh, wie ist das schön", singen die Liberalen am Sonntagabend und dehnen dabei das "O" so lang, wie es eben geht. Mehr als acht Prozent für die FDP - es ist ein Triumph für die Partei, der hier im bevölkerungsreichsten Bundesland bereits der klinische Tod attestiert wurde. Zwei, maximal drei Prozent, so lauteten vor einigen Monaten noch die Umfragewerte für die FDP. Dann kam Lindner, der zuvor überraschend von seinem Posten als Generalsekretär der Bundespartei zurückgetreten war, und übernahm die Spitzenkandidatur.

Und jetzt geht er hier geradewegs zu der Bühne mit dem Mikrofon, lächelt gelöst, winkt mit der rechten Hand, zwinkert einem Parteifreund zu, den er unter den Feiernden ausmacht. Nur: Sprechen lassen sie ihn zunächst nicht, die ersten Worte des 33-Jährigen gehen im Jubel und im "Oooooooooh, wie ist das schön" unter. "Das ist ein großes Ergebnis für die FDP in Nordrhein-Westfalen", sagt er dann, das reicht ihm schon als Siegerpose, bloß keine Kraftprotzerei. Seine Partei sei im Wahlkampf "bescheiden aufgetreten", weil sie "den Vertrauensverlust der vergangenen zwei Jahre gespürt" habe. Lindner zeigt Linien auf, die nicht nur dem eigenen Landesverband gelten: Wenn die FDP an die Tradition von Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff und Gerhart Baum anknüpfe, sei mit ihr "wieder zu rechnen". Lindner erinnert damit an Zeiten der Liberalen, in denen sie mehr waren als eine Steuersenkungs- und Wirtschaftspartei.

Es klingt ganz so, als wollte da einer die zentralen Stellschrauben der Partei verdrehen. Lindner erhält für jeden Satz Applaus. Auch Guido Westerwelle, Außenminister und früherer Parteichef, steht vor der Bühne und klatscht. Ausgerechnet Westerwelle, der wie nur wenige in der FDP für den alten Steuersenkungskurs steht. Westerwelle gibt anschließend dem ZDF ein kurzes Interview. Er lobt Lindner, es sei "in allererster Linie" sein Erfolg und der des Landesverbandes. Von Parteichef Philipp Rösler redet er mit keinem einzigen Wort.

Jubel in Berlin

Auch in der Berliner FDP-Zentrale sind sie in Lindner-Stimmung. Als er auf den Bildschirmen erscheint, brechen die Gäste im Thomas-Dehler-Haus in Jubel aus, der Applaus geht minutenlang. Nein, es ist wieder einmal nicht Röslers Erfolg - wie schon eine Woche zuvor, als in Kiel der dortige FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki die Partei auf mehr als acht Prozent brachte. Kubicki ist an diesem Abend auch unter den Gästen in Berlin, beim letzten Mal fehlte er, blieb in seiner Heimat. Schon munkeln manche in der FDP, er werde am Montag neben Lindner und Rösler in Berlin die Pressekonferenz bestreiten. Es wäre eine interessante Kombination: Zwei Männer, die Rösler stützen - und auch bald in die Zange nehmen könnten. Wie auch immer: Ihr Gewicht wird wachsen; sie haben die FDP in einer der kritischsten historischen Situationen vor dem Bedeutungsverlust bewahrt. Kubicki hat schon lange vor der NRW-Wahl deutlich gemacht, dass er die Partei ein Stück weit öffnen will, weg von der Fixierung auf Schwarz-Gelb, hin zu neuen Farbkonstellationen. Was Lindner will, wird sich noch zeigen.

"Schwarz-gelb ist tot", sagt ein Liberaler an diesem Wahlabend. Er sagt es mit Genugtuung. Doch ist das nur eine Stimme unter vielen in der Partei. Es ist noch gar nicht ausgemacht, wohin die FDP sich bewegen wird. Doch genau das wird sie in den nächsten Monaten zu klären haben. Welchen Kurs sie 2013 in einem zunehmend zersplitterten Parteienspektrum einschlägt, hin zu möglichen Koalitionen mit SPD und Grünen? Oder, wie es Anhänger Röslers noch am Wahlabend streuen, einen "Kurs der Mitte" fahren? Es machen wie Lindner und Kubicki und keine Koalitionsaussagen treffen?

Am Wahlabend gibt es keine Personaldebatte über Rösler. Auch der Chef der FDP-Bundestagsfraktion Rainer Brüderle, von vielen als ein möglicher FDP-Vorsitzender gehandelt, lässt die Frage, ob man 2013 mit Rösler an der Spitze in den Wahlkampf ziehen werde, an sich abperlen. Bis zur Wahl sei es noch über ein Jahr hin, man werde sich keine Personaldebatte von außen aufzwingen lassen, sagt er. Es ist Zeitgewinn, was derzeit bei der FDP zu beobachten ist. "Der Bundesvorsitzende muss ruhiger, entspannter werden", sagt ein führender Liberaler. Doch wie soll das der 39-jährige Parteichef, der spüren muss, wie schwach der Rückhalt in der eigenen Partei ist? Wenn es ihm nicht in den nächsten Monaten gelingt, den Erfolg in NRW und Schleswig-Holstein auch auf den Bundestrend der FDP abfärben zu lassen, dürften manche in der Partei noch mächtig unruhig werden. Vor allem in der Bundestagsfraktion, in der viele um ihren Wiedereinzug fürchten müssen, wenn die Umfragen nicht endlich auch einmal für die Bundespartei nach oben zeigen.

Rösler hat sich an diesem Abend entschieden, mit der bisherigen Tradition zu brechen, die da lautet, erst am Tag nach den Wahlen als Parteichef vor die Medien zu gehen. Er erscheint auf dem Podium des Dehler-Hauses. Allein, ganz allein, steht er vor dem Mikrofon. "Wir können heute sagen, die Menschen hören wieder zu, sie vertrauen uns", sagt Rösler über seine FDP.

Die eigentlich spannende Frage bleibt aber auch nach diesem liberalen Wohlfühl-Abend offen: Wie lange hört die FDP noch Rösler zu?



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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
jph_2 13.05.2012
1. Gratulation an die presse
Die presse hat die FDP so hochgehypt das wir tatsächlich glauben das sie lebt. Freiheit... Freiheit. ....
ritotschka 13.05.2012
2. Lindner rettet die FDP
Toll. Ist das das Ziel von Politik, oder geht es vielleicht auch mal um Inhalte?
Bankenkrise08 13.05.2012
3. von wegen Krise
NRW liefert den erneuten Beweis. Die FDP steckt nicht politisch in der Krise sie har nur ein Personalproblem. Deswegen Lindner und Kubicki in den Bundesvorstand. SOFORT!!und endlich die lange hinfälligen Steuererleichterungen durchboxen!!
vineland 13.05.2012
4. ::
Zitat von sysopGetty ImagesChristian Lindner beschert der FDP ein überraschendes Ergebnis in Nordrhein-Westfalen. Zusammen mit Wolfgang Kubicki könnte er zum neuen starken Tandem in der Partei werden. FDP-Chef Rösler muss weiter um seinen Posten bangen - trotz der jüngsten Erfolge seiner Partei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,832947,00.html
Röttgen hat mal kurz die FDP gerettet
Andi Arbeit 13.05.2012
5. Cdu -8,5 >> fdp 8.5
Also so wie ich das sehe, haben da einige Christdemokraten ihren potenziellen Koalitionspartner für die kommende Bundestagswahl am Leben gelassen. Nix Lindner.
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