S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Maßlose Jäger

Wenn sich Journalisten wie Staatsanwälte aufführen, dürfen sie sich nicht wundern, dass sie schlecht aussehen, wenn vor Gericht nichts herauskommt. Vielen Bürgern wird der Fall Wulff als Beispiel für Macht und Machtmissbrauch von Medien in Erinnerung bleiben.

Eine Kolumne von


Der MDR-Redakteur Michael Götschenberg hat in seinem Buch "Der böse Wulff?" festgehalten, wie es an Bord des Regierungsfliegers zuging, als der Bundespräsident im Februar 2012 zu seiner letzten Dienstreise nach Italien aufbrach. Wenn die Details der Affäre längst in die Dämmerung des Vergessens gesunken sind, wird diese Szene bleiben.

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Heft 9/2014
Eine Klage gegen Deutschlands Staatsanwälte

"Treten Sie nur aus Angst vor Mittellosigkeit nicht zurück?" fragte einer der Journalisten, als Christian Wulff die Presse begrüßte. "Glauben Sie im Ernst, dass sich jemand dafür interessiert, was Sie in Italien vorhaben?", lautete später eine andere Frage. Vier Tage blieben Wulff zu diesem Zeitpunkt noch bis zu seinem Rücktritt, aber für die nachbohrenden Redakteure war schon nicht mehr genug Zeit für die korrekte Anrede. Für sie war das Staatsoberhaupt nur noch "Herr Wulff".

"Absolut grenzwertig" sei das Verhalten gewesen, erinnert sich Götschenberg: Einige Kollegen, die dabei waren, hätten aus Scham zu Boden geschaut. Zu denen, die sich besonders hervortaten, gehörte der "Stern"-Reporter Hans-Martin Tillack. "Etwas frech", findet Tillack im Nachhinein seine Fragen, aber es sei das "Kennzeichen einer Untertanengesellschaft", Amtsträgern eine Ehrerbietung unabhängig von ihrem Verhalten zu gewähren. Normaler menschlicher Anstand hätte auch gereicht, um einen vor solcher Anmaßung zu bewahren.

Man muss an diesen Auftritt noch einmal erinnern, weil er erklärt, warum in der Wulff-Affäre auch das Ansehen derjenigen gelitten hat, die den Präsidenten mit ihren Enthüllungen zu Fall brachten. Den Auftritt an Bord haben nur diejenigen mitbekommen, die dabei waren. Der Verfolgungsstolz einiger Journalisten, die den Präsidenten mit besonderer Aggressivität in die Enge zu bringen versuchten, durchzog hingegen auch ihre Artikel und Talkshow-Auftritte.

Medien waren in ihrer Bewertung einig

Wann immer in Deutschland über Macht und Machtmissbrauch der Medien die Rede ist, fällt der Name Wulff. Dass jemand, für dessen Verhalten die Deutschen nie besonders viel Verständnis hatten, als Presseopfer gilt, ist ein bedenkliches Zeichen. Tatsächlich haben viele Beobachter der Affäre bis zum Schluss geschwankt, was sie schlimmer finden sollen: die Verfehlungen ihres Staatsoberhauptes oder die Maßlosigkeit mancher Medien und ihrer Vertreter.

Viele werden in dem Freispruch vor dem Landgericht Hannover jetzt auch ein Urteil über die insgesamt erhobenen Vorwürfe sehen. Das ist natürlich ungerecht, weil vor dem Gericht nicht über die Einladungen und Vergünstigungen geurteilt wurde, die Wulff in die Zeitungen brachten, sondern nur über den strafrechtlich verwertbaren Teil. Es macht zum Glück einen Unterschied, ob man vor dem Mediengericht schuldig gesprochen wird oder im Namen des Volkes. Umgekehrt ist nicht alles, was juristisch im Bereich des Legalen liegt, für einen Politiker deshalb schon folgenlos möglich.

Was den Fall Wulff von vielen anderen unterschied, war die Einhelligkeit in der medialen Bewertung. Normalerweise ist die journalistische Welt bei politischen Affären in zwei Lager gespalten: Während ein Teil der Presse dem in die Schlagzeilen Geratenen mit immer neuen Enthüllungen das Leben schwer macht, hält ein anderer dem Delinquenten die Treue, womit der Eindruck einer gewissen Ausgewogenheit entsteht. So war es bei Westerwelle, so war es auch bei Guttenberg.

Allianz der Verfolger hat viele Bürger gestört

Im Fall Wulff war diese Arbeitsteilung von vornherein aufgehoben. Es war ausgerechnet die "Bild-Zeitung", die den Stein ins Rollen brachte, und es waren "Bild"-Reporter, die am Ende mit ihren Recherchen zu den Zahlungsmodalitäten eines Sylt-Aufenthalts die Staatsanwaltschaft auf den Plan riefen. So fanden sich plötzlich die Rechercheure von SPIEGEL, "Süddeutsche" und "Stern" im Schulterschluss mit einem Organ, für das mancher von ihnen normalerweise eher Verachtung empfindet.

Wenn alle sich im Urteil einig sind, ist beim Publikum ein fundamentales Fairness-Gefühl berührt. Das ist nichts, was man beklagen sollte, das Gegenteil wäre bedenklich. Die scheinbare Allianz der Verfolger hat viele Bürger gestört, auch wenn sie selber vielleicht zu dem gleichen Schuss kamen wie die Kommentatoren.

Man kann von Journalisten schlecht verlangen, ihren investigativen Ehrgeiz zu zügeln, weil sie damit in Nachbarschaft zu Journalisten geraten, deren Methoden sie ablehnen. Es ist sicher auch ungerecht, wenn engagierte Rechercheure mit den Übereifrigen in einen Topf geworfen werden.

Es würde aber helfen, wenn man darauf achtet, dass sich Reporter nicht wie Hilfsorgane der Ermittlungsbehörden aufführen. Wenn sich Journalisten in Talkshows wie Staatsanwälte gerieren oder sich ihnen sogar mit Informationen andienen, dürfen sie sich nicht wundern, dass sie auch dafür in Haft genommen werden, wenn anschließend aus den Ermittlungen nichts wird.

Bei dieser Verwechslung der Rollen ist man irgendwann Teil des Verfahrens, das man eigentlich nur beobachten und beschreiben wollte. Damit nimmt aber nicht nur die Unabhängigkeit Schaden, auf die sich die Presse beruft, sondern auch das Ansehen beim Publikum, auf dessen Vertrauen man angewiesen ist.

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insgesamt 194 Beiträge
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Seite 1
tulius-rex 27.02.2014
1. es geht nur darum
Es sollen lediglich Schlagzeilen erzeugt werden, die im Blätterwald zum Kauf der Zeitschrift/Zeitung motivieren. Das wird sich -Gott sei Dank- bei einer freien Presse auch nicht ändern. Der Wahrheitsgehalt der Meldung ist egal, der angerichtete Flurschaden ebenso und genauso die Zerstörung von Karrieren und Familien. Die Verleger und Redaktionen setzen im Konkurrenzkampf auf das kurze Gedächtnis des Publikums, was ja meistens auch funktioniert. Jeder, der sich in die Öffentlichkeit begibt oder ein öffentliches Amt anstrebt, muss dies wissen und mit den Folgen rechnen...oder aber Privatmensch bleiben.
Tanja Krienen 27.02.2014
2. Vor langer Zeit schon
...schrieb ich "Zu Christian Wulff. Ja, alle seine Träume sind hin. Träume, für die er grenzwertig handelte. Gut, er war farblos, mittelmäßig und ein Opportunist. Aber so ist die Mehrheit. Doch auch er darf menschlich Fairness einfordern und darf sich beklagen, wenn er ausgenützt wird. Das ist wohl geschehen. In der Sache sollte man ihm politisch deutlich begegnen - doch irgendwann wurde er AUCH zum Opfer einer Schlammschlacht. Tiere lassen in der Regel von ihrem Opfer ab, wenn sie es nicht fressen wollen. Seit einem Jahr ist CW fertig. Alles was danach kam, stößt mich ab. Ich meine die Kampagne gegen ihn, die einfach nicht endende."
PointerX 27.02.2014
3. Ich sag es ja immer...
...je kleiner das Glied, desto größer der Ehrgeiz und das Mitteilungsbedürfnis. So wenig ich mit dem Herrn W. auch anfangen kann: Schmierige, schleimige und sensationsgeile Redakteure stehen in meiner Gunst ungefähr auf der Stufe einer hungrigen Zecke. Leider arbeite ich gelegentlich sogar mit diesen häufig unter totaler Selbstüberschätzung leidenden Menschen zusammen. Das einzig Gute an Ihnen: Man kann sie herrlich verarrschen und auf die falsche Fährte einer vermeindlichen Topstory führen. Probiert es aus – ein super Spaß!
verbalix 27.02.2014
4. Ach,Herr Fleischhauer!
Wulff ist längst totgeschrieben.Heute,wie zu erwarten glimpflich davon gekommen.Die Medien haben fast alles geleistet,um diese Pfeife nebst holder Gattin in's politische und gesellschaftliche Aus zu befördern.Der Presse sie Dank geschuldet,dieses Aushängeschild eines Präsidentenpaares losgeworden zu sein.
Kapaun 27.02.2014
5. Auch der Spiegel
Zitat von sysopDPAWenn sich Journalisten wie Staatsanwälte aufführen, dürfen sie sich nicht wundern, dass sie schlecht aussehen, wenn vor Gericht nichts herauskommt. Vielen Bürgern wird der Fall Wulff als Beispiel für Macht und Machtmissbrauch von Medien in Erinnerung bleiben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-wulff-jan-fleischhauer-kolumne-zum-freispruch-im-prozess-a-955971.html
Man sollte freilich nicht verschweigen, dass auch der Spiegel maßlos mitgeholzt hat. Es war keineswegs so, als hätte er wenigstens versucht, sich vornehm zurückzuhalten, wie hier zartestens insinuiert wird. Abgesehen davon hat Fleischhauer natürlich recht. Und es ist bedauerlich, dass gewisse Leute dieses Urteil nun nicht verspeisen müssen. Ohne Senf.
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