Von Severin Weiland
Berlin - Das Klatschblatt "Bunte" hatte es vorausgeahnt. "Sie werden uns überraschen", titelte die Zeitschrift in der letzten Dezemberausgabe samt einem Bild der strahlenden Wulffs aus besseren Tagen. Im Innenteil raunte das Blatt über den Zustand der Ehe. "Traurig-optimistisch", lautete die Prognose.
Knapp zwei Wochen später ist es raus: Bettina und Christian Wulff leben nicht mehr zusammen. Eine entsprechende Trennungsvereinbarung wurde anwaltlich hinterlegt, der frühere Bundespräsident soll aus dem gemeinsamen Haus in Großburgwedel aus- und in eine Mietwohnung in Hannover umgezogen sein.
Erst die Affäre, Ermittlungen, dann der Rücktritt, nun die zweite gescheiterte Ehe: Wohl kein deutscher Spitzenpolitiker ist in letzter Zeit so tief gefallen wie Wulff. Eigentlich wollte er mit seiner Frau, die er 2006 als Pressesprecherin der Firma Continental kennengelernt hatte, zwei Amtszeiten im Schloss Bellevue bleiben. Bettina Wulff wirkte an seiner Seite wie die ideale Ergänzung zu seinem Aufstieg. Sie war fotogen, schien die Präsenz der Kameras zu lieben. Wulffs erste Frau hatte hingegen, da war er noch Ministerpräsident in Niedersachsen, nur wenig Neigung zum Repräsentieren gezeigt. Mit Bettina Wulff und dem Boulevard als Stütze sollte sich das ändern. Kaum eine Politiker-Ehe wurde so der Öffentlichkeit ausgesetzt. Die Wulffs, so schien es, waren irgendwie immer präsent. Nun lebt er in einer Mietwohnung in Hannover.
Und jetzt?
Die früher oft zitierte Bescheidenheit ist nun Realität
Es ist einsam geworden um Christian Wulff. Als ehemaliger Amtsträger, ausgestattet mit einem Ehrensold von 217.000 Euro im Jahr, hat er neue Räumlichkeiten in einem Bundestagsbüro Unter den Linden in Berlin bezogen. Bis zum Frühherbst mussten er und seine Mitarbeiter in dunkleren und abgelegeneren Büros im selben Haus arbeiten. Nun sind die neuen Räume zwar besser, aber das Upgrade bedeutet noch nicht das Ende der Vergangenheit. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt weiter gegen Wulff wegen Vorteilsnahme, unter anderem wegen seines günstigen Hauskredits und kostenloser Urlaube bei befreundeten Unternehmern. Allesamt Vorwürfe, die in seine Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen fallen und die ihn möglicherweise noch vor Gericht heimsuchen könnten.
Die Bescheidenheit, mit der er als Amtsträger so oft kokettierte, ist nun nicht mehr gespielt. Sie ist real. Jüngst trat er an der Universität in Heidelberg auf und bekannte dort, in der "Lernphase eines jungen Altbundespräsidenten" zu sein. Dabei waren seine Ansprüche an sich selbst einst größer. Auch in der CDU galt er als Kandidat für höhere Ämter, gar fürs Kanzleramt geeignet.
Die kürzeste Amtszeit eines Bundespräsidenten
Viele waren überrascht, als er im Juli 2008 der Öffentlichkeit in einem Sommerinterview verkündete, er traue sich das Amt des Kanzlers nicht zu - doch etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Auf diesem Stuhl saß nun einmal bereits jene Frau, die Ostdeutsche Angela Merkel, die sich in der CDU durchgesetzt und die Westmänner auf Abstand gehalten hatte - auch Wulff.
Dass Merkel ihn dann im Sommer 2010 nach dem Rücktritt Horst Köhlers zum Kandidaten für das höchste Staatsamt machte, war ihr Versuch, einen der letzten verbliebenen Konkurrenten in der CDU wegzuloben. Schon damals schüttelten viele den Kopf. Merkels Schachzug erinnerte an kleinstes politisches Karo. Viele wünschten sich schon damals Joachim Gauck statt des Mannes aus Niedersachsen. Erst Wulffs Rücktritt ebnete den Weg zur Kandidatur Gaucks - aber weil es die FDP so wollte, nicht Merkel.
Knapp ein Jahr ist es her, dass Wulff und seine Frau die Amtsräume im Schloss Bellevue verließen. Ihr offizieller Abschied samt militärischem Zeremoniell am 8. März 2012 wurde begleitet vom Vuvuzela-Gedröhne der Demonstranten, die vor dem Schloss protestierten. Es war ein unwürdiger Abschied für einen Mann, der mit 598 Tagen die kürzeste Zeit als Bundespräsident im Amt gewesen war. Die äußeren Umstände dieses Abgangs passten am Ende zu den Ereignissen, die seinem Rücktritt vorausgegangen waren - angefangen mit dem Hauskauf, den er mit einem Privatkredit seines Freundes Egon Geerkens finanzierte, über seine Beziehungen zum Party- und Event-Organisator Manfred Schmidt, bis hin zu seinem Anruf bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, in dem er sich über die Berichterstattung des Massenblattes beschwerte.
Ehe-Aus per Exklusivbericht
Die Trennung der Wulffs wirkt von außen gesehen wie ein logischer Schlusspunkt, der sich schon länger angekündigt hatte. Bettina Wulff selbst distanzierte sich in ihrem Buch "Jenseits des Protokolls", das im September vergangenen Jahres herauskam, von ihrem Ehemann, beklagte die starke Belastung durch Öffentlichkeit und Amt - und plauderte intime Details aus.
Es waren Sätze, die kein Ehemann dieser Welt gerne über sich liest. Schon auf der ersten Seite des Kapitels "Männer" steht folgende Passage: "Was findet eine Frau an diesem Mann? Irgendwie fehlen da ein paar Ecken und Kanten, etwas Besonderes und Eigenes."
Als er noch politisch aktiv war, hat Wulff sich gerne der Medien bedient - vorzugsweise der "Bild"-Zeitung. Mit der Hilfe seines langjährigen Sprechers Olaf Glaeseker - das einst enge Verhältnis der beiden ist im Strudel der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zerbrochen - wurde dafür gesorgt, dass sowohl die Trennung von seiner ersten Frau als auch die Schwangerschaft von Bettina Wulff via "Bild" bekanntgegeben wurden. Das Verhältnis zum Massenblatt zerbrach am Ende seiner Amtszeit. Nun war es ausgerechnet Chefredakteur Kai Diekmann, der per Exklusivbericht das Liebes-Aus der Wulffs öffentlich machte.
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