Christian Wulff: Männlich, ledig, jung sucht...

Von Gerd Langguth

Christian Wulff: Altpräsident auf Jobsuche Fotos
DPA

Vor einem Jahr das Aus: Weil gegen ihn ermittelt wurde, trat Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Eine neue Aufgabe hat er bisher nicht gefunden - aber als ehemaliges Staatsoberhaupt ist er auch nur in wenige Positionen vermittelbar.

Vor einem Jahr, am 17. Februar 2012, trat Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover gegen Wulff wegen des Verdachts der Vorteilsnahme. Regelmäßig kommen dabei neue Details aus den Akten an die Öffentlichkeit. Sie betreffen allerdings zum großen Teil nicht die Amtszeit in Bellevue, sondern die des niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff.

Wirklich Belastendes wurde bislang nicht veröffentlicht, es war sogar bereits die Rede davon, dass die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen einstellen könnte. Als ein mögliches Datum für die Präsentation von Ergebnissen wurde zuletzt die Zeit nach den Landtagswahlen in Niedersachsen genannt - bisher Fehlanzeige. Hat Christian Wulff sein Amt also möglicherweise aufgrund von Ermittlungen niedergelegt, die sich am Ende als folgenlos erweisen?

Sicherlich war es richtig, dass Wulff Konsequenzen zog, denn die Aufnahme staatsanwaltschaftlicher Untersuchungen ist mit der Würde des Amtes nicht vereinbar. In den Medien mehren sich jedoch die selbstkritischen Stimmen, die sich fragen, ob man gegenüber Christian Wulff immer fair war - oder ob es nicht doch so etwas wie eine "Hetzjagd" gab.

Immerhin hat Wulff in seiner kurzen Amtszeit etwas geschafft, was seinem Amtsvorgänger Horst Köhler nicht gelungen ist: Er hat mit seiner Aussage, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre, ein echtes Thema gesetzt und dabei eine Position vertreten, die mit ihm als Person auch heute noch identifiziert wird.

Was aber wird nun aus Christian Wulff? Wie geht es weiter mit seiner beruflichen oder auch politischen Karriere?

Mit 53 Jahren zu jung für den gepflegten Ruhestand

Bisher waren alle Bundespräsidenten, als sie ihr Amt aufgaben, so alt, dass sich die Frage nach einer weiteren beruflichen Perspektive nicht stellte:

  • Der erste Bundespräsident Theodor Heuss wurde 75 Jahre alt, bevor er in den Ruhestand ging.
  • Sein Nachfolger Heinrich Lübke schied im Alter von 74 Jahren vorzeitig aus dem Amt - aus gesundheitlichen Gründen. Wegen seiner Zerebralsklerose konnte er auch keine weiteren Aufgaben wahrnehmen.
  • Auch der 1920 in Stuttgart geborene Richard von Weizsäcker - der dritte Präsident, der auch eine zweite Amtszeit absolvierte - übergab sein Amt im Alter von 74 Jahren an Roman Herzog.

Christian Wulff ist mit seinen 53 Jahren hingegen zu jung, um sich in den Ruhestand zu verabschieden und die Leine oder die Spree mit dem Spazierstock abzuwandern. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat vorgemacht, dass man auch nach der Amtszeit noch beruflich aktiv sein und in der Wirtschaft sein Geld verdienen kann. Bei einem ehemaligen Bundespräsidenten kompliziert der üppige Ehrensold die Vermittlung: Wenn er eine "normale" berufliche Tätigkeit aufnähme wie etwa Gerhard Schröder, würde er diese Gelder verlieren. Zudem prädestiniert der wenig rühmliche Abschied Wulff nicht gerade für eine Aufgabe in den Spitzengremien der deutschen Wirtschaft.

Anders als der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch, der es nach seinem Rücktritt zum Vorstandschef des Baukonzern Bilfinger Berger brachte, hat sich Christian Wulff auch nicht mit einem besonderen Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen auf sich aufmerksam gemacht.

Es sieht schlecht aus um Christian Wulff - zumindest vorerst

Christian Wulff wird sich also mit der Suche nach einer neuen, seinem einstigen Amt als Bundespräsidenten adäquaten Aufgabe schwertun. Dass sein Nachfolger Joachim Gauck eine derart strahlende Figur abgibt, macht die Sache auch nicht leichter. Wenig erfolgversprechend erscheint der Gedanke, dass ihm Angela Merkel, die am längsten zu ihm gehalten hat, einen Sonderposten anbietet - etwa im Rahmen der Vereinten Nationen oder der EU. Zwei Gründe sprechen dagegen: Zum einen sind solche Posten dünn gesät, zum anderen hat Merkel gegenwärtig andere Prioritäten.

Wichtiger als eine Rehabilitation von Christian Wulff wird ihr der bevorstehende Wahlkampf sein. Sie hat kein Interesse daran, dass die Diskussion über ihre Rolle in der Causa Wulff erneut aufflammt. Schließlich müsste sie befürchten, dass dann der Vorwurf einer "Vetternwirtschaft" aufkommen könnte - zumal sie anderen verdienstvollen Persönlichkeiten wie etwa Joschka Fischer eine vergleichbare neue Karriere nicht ermöglicht hat.

Hinzu kommt die Trennung von seiner Ehefrau Bettina Wulff. Ob beide den Abstieg aus dem Amt des Bundespräsidenten überwunden haben, mag man bezweifeln. Das Buch von Bettina Wulff, "Jenseits des Protokolls", zeigte die Verletzungen der Präsidentengattin auf - und auch seine.

Rückkehr in die Normalität

Wulff wird indes lernen müssen: Wer einmal Bundespräsident war, hat nicht dieselbe Berufsauswahl wie ein normaler Bürger. Am wahrscheinlichsten ist noch, dass er in ehrenamtlicher Tätigkeit in die Öffentlichkeit zurückkehrt; in Koalitionskreisen wird intensiv über eine sinnvolle Aufgabe nachgedacht:

  • Möglich erscheint eine Mittlerrolle zwischen Okzident und Orient - oder noch konkreter: die Pflege der deutsch-türkischen und europäisch-türkischen Beziehungen.
  • Es käme noch in Betracht, dass er die Präsidentschaft einer großen Nichtregierungsorganisation übernimmt - aber welcher?
  • Auch eine offizielle Vermittlerrolle für die Uno oder die EU ist derzeit nicht in Sicht.
  • Eine Oberaufsicht über eine der wichtigen Stiftungen im Lande wird ebenfalls kaum klappen, da sind alle Positionen besetzt.

Zuerst wird sich Christian Wulff allerdings in der Normalität zurechtfinden müssen. Und das wird noch eine Weile dauern - auch wenn er gelegentlich bereits verkündet, man werde wieder von ihm hören.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 255 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. das schlimmste
amidelis 16.02.2013
an dem Mann war die Frau. Aber auch das sieht man erst im Nachhinein. Wie so oft im Leben.....
2. Tauwetter
cocomo.jr 16.02.2013
Dieser Artikel drückt richtig auf die Tränendrüsen. "...in Koalitionskreisen wird intensiv über eine sinnvolle Aufgabe nachgedacht"
3. Selektive Wahrnehmung
malepocahontas 16.02.2013
Das Erfolgsgeheimnis des Autors ist seit jeher die Ausblendung unpassender Fakten. Walter Scheel war 1979 60 Jahre alt und liegt uns seitdem komplett auf der Steuertasche. Gelangweilt hat er sich offenbar nicht.
4. optional
sprechweise 16.02.2013
Richtig erkannt, es war Hetze. Das scheint ein zunehmendes Problem in Gesellschaft und Medien zu sein
5.
tanzschule 16.02.2013
Zitat von sysopdapdVor einem Jahr das Aus: Weil gegen ihn ermittelt wurden, trat Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Eine neue Aufgabe hat er bisher nicht gefunden - aber als ehemaliges Staatsoberhaupt ist er auch nur in wenige Positionen vermittelbar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-wulff-was-wird-aus-seiner-beruflichen-karriere-a-881684.html
warum soll man sich gedanken machen ob er eine arbeit findet? vielen mitfünfzigern geht es ähnlich , nur haben sie keinen "ehrensold" .
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Christian Wulff
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 255 Kommentare
Zum Autor
DPA
Gerd Langguth, Jahrgang 1946, lehrt Politische Wissenschaft an der Universität Bonn. Er ist ehemaliges Mitglied des Bundestags und des CDU-Parteivorstands. Von 1988 bis 1993 leitete er die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.