Politiker-Outfits: Neue Brille. Neues Leben?

Christian Wulffs verändertes Aussehen sorgt für Gesprächsstoff in der Berliner Politik-Szene. Der Altbundespräsident reagiert mit der äußeren Wandlung auf seine politische Krise - wie viele andere Mächtige vor ihm.

Ohne Macht: Neue Brille, neue Frisur, neues Leben Fotos
DPA

Berlin - Er wirkt dünner, grauer, älter. Kaum mehr etwas erinnert an den Mann, der Deutschlands Staatsoberhaupt war und so aussah wie der Lieblingsschwiegersohn vieler deutscher Mütter. Nett, dynamisch, ein bisschen bieder. Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist kürzlich nach seiner Verabschiedung zum ersten Mal wieder öffentlich aufgetreten, beim Gedenken an das gescheiterte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944. Seither wird sein neues Erscheinungsbild im Internet, in Zeitungen debattiert.

Fünf Monate nach seinem Rücktritt spiegelt das Äußere von Wulff die Krise wider, durch die er gegangen ist. Angeblich soll er zwölf Kilo abgenommen haben. Und er hat sich eine neue Brille zugelegt. Außen schwarz, innen weiß, mit breiten Bügeln. Sein Leben hat sich verändert. Und eine Brille verändert. Vielleicht will Wulff so klarmachen: Ich bin ein anderer.

Politiker, die ihr Amt verloren haben, die nicht mehr an der Spitze der Macht stehen, müssen ihre Rolle unter den Augen der Öffentlichkeit neu erfinden. Darum sind sie nicht immer zu beneiden, doch natürlich sind sie sich der Aufmerksamkeit für ihr Äußeres bewusst - und setzen die öffentliche Wandlung des Ich bewusst als politisches Instrument ein.

Oft scheint es, als wollten sie sich dann anders inszenieren, neu erscheinen. Wie im vergangenen Jahr Karl-Theodor zu Guttenberg. Nach seinem Rücktritt als Verteidigungsminister zeigte sich der Freiherr bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im kanadischen Halifax ungegelt mit Wuschelhaar. Er hatte an Gewicht zu- und seine Brille abgelegt. Dazu hatte Guttenberg eine erstaunliche Erklärung: Nach seinem Rücktritt habe sich seine Sehfähigkeit seltsamerweise gebessert. "Faktisch war es so, dass es einer reizenden indischen Ärztin in den USA bedurfte, die festgestellt hat, dass ich ohne Brille vollkommen ausreichend sehen kann."

Manchmal verändern Politiker ihr Äußeres auch mitten im Amt. Im Frühjahr 2007 trennte sich die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen mitten im Streit um die Finanzierung von Krippenplätzen von ihrer tantenhaften Langhaarfrisur. "Röschen" erschien fortan dynamisch, moderner.

Guido Westerwelle legte sich, ein paar Monate nachdem er den FDP-Vorsitz an Philipp Rösler abgab, eine dunkle und auffällige Brille zu. Als Außenminister wird Westerwelle inzwischen ganz anders wahrgenommen, seine Auftritte sind meist ernst, vorsichtig, staatsmännisch, er wirkt präsent aber nicht mehr überdreht. Die andere Brille spiegelt seine andere Rolle wider.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt wandelte sich zum Jahreswechsel 2011/2012 vom sehr runden, sehr bayerisch aussehenden Mann zu einem drahtigen Politiker: Hornbrille, knallblaue eng geschnittene Anzüge. "Es gibt so Momente, da spürt man: Jetzt ist es Zeit", sagte Dobrindt damals dem SPIEGEL. "So war es auch beim Projekt Gewichtsabnahme." Die Reduktion der Politik auf das Äußerliche sei mit Dobrindt in eine neue Dimension vorgestoßen, hieß es im SPIEGEL.

Kanzlerin Angela Merkel trägt seit Jahren das immer gleiche Modell eines Blazers - nur die Farben variieren. Es ist eine Art Uniform im Amt, die auch Verlässlichkeit und Uneitelkeit vermitteln soll. Ihre Frisur veränderte die Kanzlerin während des Wahlkampfs für die Bundestagswahl. Als der CDU-Vorstand Merkel 2005 offiziell zur Kanzlerkandidatin machte, hatte sie sich erst wenige Tage vorher von ihrem alten Topfschnitt verabschiedet.

"Spitzenpolitiker waren schon immer mit Markenzeichen verknüpft, denken sie nur an Helmut Kohl oder Herbert Wehner", sagt Florian Wastl, Politikberater bei der Berliner PR-Agentur MSL Germany. Aber dieses sogenannte Branding, also die Selbstinszenierung als Marke, finde in der Politik mittlerweile viel bewusster statt - gerade nach Umbrüchen in der eigenen Biografie. "Politiker haben eben, abgesehen von einer Profilierung über Themen, wenig Spielraum, sich von der Konkurrenz abzugrenzen. Eine Stilberatung zeigt da oft schneller Wirkung", sagt Wastl.

anr/amz

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