Christiansen bei Bush: Der ohnmächtigste Mann der Welt

Von Claus Christian Malzahn

30 Minuten fragte Sabine Christiansen – und der US-Präsident antwortete sogar. Doch George W. Bush bewies vor allem, dass er am Ende seiner Zeit ist. Der Mann ist zum Zuschauer seiner eigenen Politik geworden.

Eine Frau und ein Mann sitzen im Weißen Haus von Washington vor einem kalten Kamin. Die Frau ist Deutschlands bekannteste Fernsehmoderatorin. Der Mann, so heißt es im Vorspann zum folgenden Interview, sei der mächtigste Mann der Welt. Doch tatsächlich bekommen wir am Sonntagabend um 21.45 Uhr in der ARD ein transatlantisches Missverständnis vorgeführt. Denn Sabine Christiansen, die George W. Bush eine Welt-Frage nach der anderen stellt - und die bei den Menschenrechtsthemen sogar relativ hartnäckig bleibt - spricht gar nicht mit dem mächtigsten Mann der Welt. Vielleicht spricht sie im Frühling 2006, eineinhalb Jahre nach Bushs triumphalem Wiedereinzug ins Weiße Haus, sogar mit dem ohnmächtigsten US-Präsidenten aller Zeiten.

Präsident Bush: "Nicht für jedes Problem sofort eine Lösung"
AP

Präsident Bush: "Nicht für jedes Problem sofort eine Lösung"

In den vergangenen 60 Jahren hatte nur ein US-Präsident 18 Monate nach seiner Wahl schlechtere Umfragewerte als Bush Junior: Nixon zum Ende seiner Amtszeit. Auf die Sympathiewerte könnte Bush pfeifen, wenn der Rest in Ordnung wäre. Leider ist gar nichts in Ordnung. Der amerikanische Präsident ist längst zum Zuschauer seiner eigenen Politik geworden. Leider spielte das im Interview kaum eine Rolle. In der Wirklichkeit dagegen schon.

Der Irak ist weit davon entfernt, sich zu jener Vorbild-Demokratie zu entwickeln, die Bush mit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein herbeiführen wollte. Iran zieht von Washington unbeeindruckt seine Nuklearstrategie durch. Verglichen mit Ahmadinedschads antiisraelischen Vernichtungsphantasien war Saddam Hussein ein Vorgartendespot.

Doch Bushs Antwort im Ersten Deutschen Fernsehen auf die Frage, was angesichts der Drohungen aus Teheran zu tun sei, hat nichts mehr mit der Sprache der Falken zu tun. Er setzt - jedenfalls im Moment - auf Diplomatie, Diplomatie, Diplomatie. Die Falken in Washington sind müde; die Szenarien zum Iran machen sie ratlos. Ach ja, in Lateinamerika wird gerade eine linke Regierung nach der anderen gewählt. Was vor 25 Jahren in Washington noch zu Krisensitzungen und geheimen Militärplänen geführt hätte, ist heute nicht einmal mehr eine Frage wert.

Bushs Zeit, nicht nur seine Amtszeit, geht langsam zu Ende. Er selbst weiß es am Besten. Manchmal wirkt er fast altersweise: "Es gibt nicht für jedes Problem sofort eine Lösung in der Welt. So funktioniert das nicht." Ist das noch Bush, der Mann, den sie in Old Europe für einen Cowboy gehalten haben? Da geht ein Präsident in seinem Herbst. Vor sechs Jahren hat er noch fest daran geglaubt, dass man Probleme schnell lösen und zur Not auch wegbomben kann; vor eineinhalb Jahren wurde er auch wegen dieser klaren Ansagen wiedergewählt. Heute muss sich Bush im Umfrageloch mindestens so verloren vorkommen wie Bill Clinton, nachdem die Geschichte mit Monica aufgeflogen war. Aber Frau Christiansen hat nicht danach gefragt.

Stattdessen spielte der Terror zwischen Euphrat und Tigris im Gespräch eine große Rolle. "Das war es wert", sagt Bush im Hinblick auf den Einmarsch der US-Armee im Irak. Genau das wird heute von vielen bestritten, die dem amerikanischen Präsidenten vor drei Jahren das politische und ideologische Rüstzeug geliefert haben. Francis Fukuyama, einer der neokonservativen Vordenker, mahnte im Februar in der "New York Times" eine kritische Zwischenbilanz der neokonservativen außenpolitischen US-Strategie an. Man hätte gern gehört, was Präsident Bush zu dem Thema einfällt. Er hat zwar recht: Zwölf Millionen Iraker haben gewählt. Die Demokratie im Irak ist ein Faktor. Aber dieser Faktor bestimmt nicht die Alltagswirklichkeit der Menschen, die von einem Tyrannen befreit werden sollten. An die Stelle der Tyrannei ist vielerorts der Terror getreten. Daran kommt der US-Präsident nicht vorbei, und genau diese Tatsache lässt ihn so ohnmächtig erscheinen.

Und dann natürlich Abu Ghureib und Guantanamo. Dass Bush das Straflager auf Kuba auflösen möchte, ist immerhin eine Nachricht. Längst sind die unhaltbaren Zustände auch in den USA ein strittiges Thema. Doch Bush hat nur halb recht, wenn er sagt, dass die Verantwortlichen in der Armee für Folter und Übergriffe zur Rechenschaft gezogen wurden. Der oberste Dienstherr, Donald Rumsfeld, ist noch im Amt. Wenn der Mann, der die US-Armee ohne Plan und vernünftige Ausrüstung Richtung Bagdad geschickt hätte, beizeiten gegangen wäre - Bushs Ohnmacht wäre wohl nicht ganz so groß, wie sie heute ist.

Zwei Interviews hat Bush deutschen Medien gewährt; eine Reverenz an Angela Merkel, die Bush dringender braucht denn je. Denn alle anderen Buddies in West- und Mitteleuropa sind weg. Der Spanier Aznar ist schon vor zwei Jahren abgewählt worden, Blair liegt in den letzten Zügen, Berlusconi gab gerade seine letzte Operette. Also Angie. "Eine sehr starke Frau" sei diese Kanzlerin, sagt Bush höflich auf eine kryptische Frage nach deutscher Familienpolitik. Wenn Bush im Juli Europa und Mecklenburg-Vorpommern besucht, wird das bereits etwas von Abschiedstournee haben. Condoleezza Rice oder Hillary Clinton - wer weiß schon, welche starken Frauen nach ihm kommen und mit Angela Merkel durch die märkische Heide wandern werden. Vielleicht brennt dann wieder der Kamin. Heute blieb er kalt; transatlantische TV-Asche im Weißen Haus.

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