Christliche Kanzlerin "Umfangen von der Liebe Gottes"

Glaube, Demut, Hoffnung: Vor der katholischen Akademie in München spricht Kanzlerin Merkel offen wie selten über den christlichen Glauben als Motivation ihrer Politik. Die Protestantin muss sich aber erneut verteidigen wegen ihrer Kritik am Papst.

Von , München


Diese Angela Merkel erlebt man selten - eine Kanzlerin, die über ihren Glauben spricht. "Wir brauchen Gottvertrauen", sagt also Merkel mit Blick auf die Wirtschafts- und Finanzkrise, es gehe um die Erkenntnis, dass "wir nicht die ersten sind, die vor Problemen stehen, dass diese lösbar sind und dass wir umfangen sind von der Liebe Gottes".

Kanzlerin Merkel bei den Katholiken: "Kämpferisch werden, aber nicht überheblich"
dpa

Kanzlerin Merkel bei den Katholiken: "Kämpferisch werden, aber nicht überheblich"

Der Satz wird in der Münchner katholischen Akademie gesprochen. Titel der Veranstaltung an diesem Dienstagabend: "Politisches Handeln aus christlicher Verantwortung."

Hier kann sich die Kanzlerin von einer Seite zeigen, die sie sonst in der Öffentlichkeit eher verbirgt. Wo andere CDU/CSU-Politiker mit Vehemenz und in Standardformulierungen regelmäßig an das höchste Wesen appellieren, hält sich Merkel beim Religiösen zurück: "Ich gehe vorsichtig damit um, mag es nicht, wenn es aufgesetzt daher kommt", hat sie einmal im Gespräch mit dem Journalisten Hugo Müller-Vogg gesagt.

Eine "Privatisierung des Religiösen", hat ihr Biograph Volker Resing bei Merkel konstatiert. Auch deshalb sei die ostdeutsche Pfarrerstochter und gelernte Physikerin der westdeutschen "Generation Messdiener" - also den Kochs, Wulffs, Rüttgers - fremd geblieben.

An diesem Abend in München aber beschwört die Protestantin Merkel den christlichen Glauben als Motivation für ihr politisches Handeln. Sie scheint in diesem Moment mehr Pfarrerstochter als Naturwissenschaftlerin, wie das schon Biograph Resing für manche Gelegenheiten festgestellt hat. Merkel spricht sehr deutlich, recht langsam und immer ernst. Man erlebt eine sprachmächtige Kanzlerin, wie man sie auf Parteitagen, zuletzt auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg, nur sehr selten sehen konnte.

Zentral für Merkel: Die Würde des Menschen. Für diesen Wert müsse man sich einsetzen: "Wir müssen kämpferisch werden, aber nicht überheblich", sagt Merkel. "Es ist kein Selbstläufer, dass sich unsere Art zu leben durchsetzt."

Sie versucht, christliche Werte auf das konkrete Problem der Wirtschaftskrise herunter zu brechen - und kritisiert Gier und Maßlosigkeit: Der Mensch müsse sich nach eigenen Neigungen und Fähigkeiten entfalten, aber nicht "rücksichtslose Freiheit" leben. Denn er sei nur denkbar "in der Eingebundenheit in die Gemeinschaft". Wenn das Gefühl des Zusammenhalts in der Gesellschaft nicht gestärkt werde, "dann wird dies eine kalte Welt bleiben". Häufig spricht Merkel von mehr Demut, die nötig sei.

Heißt konkret: Weil die gegenwärtige Krise global sei, dürfe man "nicht nur Politik für uns selbst" machen, sondern müsse auch den Blick auf andere in der Welt haben: "Wir gehören zu den wenigen Ländern, die die Entwicklungshilfe nicht kürzen sondern erhöhen", betont Merkel. Die Staaten müssten nicht - wie in der Vergangenheit - politisch allein zur Friedenssicherung zusammenarbeiten, sondern auch die Verantwortung bei der Wirtschaftsordnung wahrnehmen.

Es ist klar, welches Bild Merkel da vorschwebt: das der sozialen Marktwirtschaft. "Es muss eine Begrenzung der Märkte geben", sagt sie. Es sei viel in Bewegung jetzt, man müsse "das Eisen schmieden, so lange es heiß ist", so Merkel mit Blick auf dem bevorstehenden G20-Gipfel in Pittsburgh. Denn sei man erst aus dem Gröbsten wieder raus, würden viele Sorgen vergessen.

Kritisch betrachtet Merkel in diesem Zusammenhang das angelsächsische Wirtschaftsmodell. Als ihre Regierung zu früheren Zeiten Regeln für die Finanzmärkte gefordert hätte, sei sie im Kreis der großen Industriestaaten nicht ernst genommen worden: "Wir saßen immer ein bisschen da wie die kleinen Deppen, die sich nicht trauen."

Dass die protestantische Kanzlerin im katholischen Milieu auf Vorbehalte trifft, zeigt die anschließende Diskussion mit dem Publikum. "Es ist schwer für uns zu verstehen, dass sie unseren Heiligen Vater kritisiert haben", meldet sich eine ältere Dame zu Wort, Papst Benedikt XVI. sei kein Politiker sondern Stellvertreter Gottes auf Erden. Sie spielt auf den Februar an, als Merkel in der Debatte um die Piusbruderschaft die Klarstellung verlangt hatte, dass es keine Leugnung des Holocaust geben darf. Die Zuhörer in München sind gespalten. Die einen stöhnen genervt auf, die anderen bekräftigen die Kritik an Merkel mit Applaus.

Merkel deeskaliert prompt. Ihr sei die Stellvertreter-Rolle des Papstes "sehr bewusst", doch sei Benedikt auch politisches Staatsoberhaupt. Und eine deutsche Kanzlerin müsse das Wort erheben, wenn der Holocaust geleugnet werde. Dabei sei für sie die Einstellung des Papstes zum Holocaust immer "völlig außer Zweifel" gewesen.

Und ganz am Schluss, da fragt der Moderator die Kanzlerin, was sie denn schätze am Pontifex. Darauf Merkel versöhnlich: "Seine geistige Schärfe."

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