Rufmord, Klüngel, Chaos: Enttäuschte Piraten packen aus

Von

Zerreiben sich die Piraten in Machtkämpfen und Personaldebatten? Mehrere Mitglieder äußern sich tief enttäuscht: Von Rufmord und Mobbing spricht der geschasste Pressesprecher, eine Ex-Beisitzerin prangert die Hinterzimmerkultur des Vorstands an. Das Klima in der Partei wird rauer.

Ex-Piratensprecher Lang: "Ich wollte nicht warten, bis man mich absägt" Zur Großansicht
DDP

Ex-Piratensprecher Lang: "Ich wollte nicht warten, bis man mich absägt"

Berlin - Bei anderen Parteien wäre der Umbau des Presseteams höchstens eine Randnotiz wert. Wird das Personal ausgetauscht, kriegt das kaum jemand mit. Doch bei den Piraten wird dieser Vorgang zur Schlammschlacht. Wenige Tage nach dem Rückzug ihres Pressesprechers und seines Stellvertreters steht der Bundesvorstand der Partei nun vehement in der Kritik.

Ex-Bundespressesprecher Christopher Lang beschwert sich deutlich über die Art und Weise, wie er seinen Posten verlor: "Mir wurde die Pistole auf die Brust gesetzt", sagte der 25-Jährige SPIEGEL ONLINE. Ihm sei nach einem Treffen des Bundesvorstands in München zu verstehen gegeben worden, dass man ihn nicht mehr in dem Job haben wollte - woraufhin er sich dazu entschloss, ein Rücktrittsschreiben aufzusetzen. "Ich wollte nicht warten, bis man mich absägt", sagt Lang. "Andernfalls wäre ich weggemobbt worden."

Der Berliner Pirat beschreibt das Klima in der Partei als zunehmend feindselig, je mehr Aufmerksamkeit die Piraten bekommen. "Auch in der Piratenpartei gibt es klassische Spielchen um Machtpositionen, genau wie bei den etablierten Parteien", sagt er. "Es ist so simpel wie lächerlich."

Oft zähle bei der Besetzung von Parteiposten, "wie man sich verkaufen kann, und weniger, wie gut man im Hintergrund arbeitet". Auch er selbst sei während seines Jobs als Sprecher immer wieder "systematisch diskreditiert" worden, so Lang. Vor allem eine einzelne "Klüngelgruppe" von Piraten aus der Berliner Fraktion mache etwa über Twitter regelmäßig Stimmung gegen unliebsame Parteimitglieder. "Das grenzte an Rufmord."

Chaos nach Bundesparteitag

Lang ist nicht der einzige, der im Zusammenhang mit der Neuorganisation des Pressestabs seinem Ärger Luft macht. Am Montag legte die Piratin Gefion Thürmer, frühere Beisitzerin im Piratenvorstand und Koordinatorin der "Servicegruppe Presse", nach. Von Teamarbeit und Transparenz sei beim Umbau des Teams keine Rede gewesen. "Die getroffenen Entscheidungen basieren nicht auf fachlicher Expertise, sondern auf Politik und persönlichen Präferenzen", schreibt sie auf ihrem Blog.

Nach dem Bundesparteitag sei in Sachen Öffentlichkeitsarbeit das Chaos ausgebrochen. "Es gab keine klare Leitung mehr, Entscheidungen über Veröffentlichungen wurden nicht getroffen, fertige Pressemitteilungen blieben liegen", so Thürmer. Und damit nicht genug: "Das Team wurde auf der eigenen Mailingliste angepampt. Ich bekam sogar einen Anruf, in dem ich gebeten wurde, die Schwachpunkte einzelner Personen zu benennen, damit man sich ihrer einfacher entledigen könne." Kommentare unter der Gürtellinie soll auch Lang erfahren haben, berichten Vertraute: "Such dir 'nen neuen Freund", riet demnach ein Fraktionsmitglied Langs Lebensgefährtin Susanne Graf, Piratin im Berliner Abgeordnetenhaus.

Systematisches Mobbing und Anstiften zum Anschwärzen in der Piratenpartei - sogar im Umfeld der Führungsspitze? Stimmen die Vorwürfe, erreicht die Debatte um die zermürbende Streitkultur in der jungen Partei ein neues Level. Es ist noch nicht lange her, da entfachte ein Brandbrief der Jungen Piraten eine Diskussion um Diskriminierung und Sexismus in den eigenen Reihen. Die Liste der Spitzenpiraten, die ihr Ehrenamt aus unterschiedlichen Gründen in der Partei aufgaben, ist lang. Dazu gehören die frühere Geschäftsführerin Marina Weisband, Ex-Schatzmeister René Brosig oder die beiden Berliner Ex-Landeschefs Gerhard Anger und Hartmut Semken.

Kampf um Listenplätze

Freilich muss man die Aussagen der beiden Piraten im Kontext ihrer Parteikarriere betrachten. Thürmer wurde auf dem vergangenen Bundesparteitag nicht wieder in den Vorstand gewählt. Persönliche Enttäuschung kann auch ein Motiv sein, über die eigenen Leute zu schimpfen. Und Christopher Lang bekam im März überraschend eine Kollegin zur Seite gestellt: Anita Möllering wurde Bundespressesprecherin, bekommt dafür 800 Euro im Monat. Die Zusammenarbeit lief schlecht, erzählen Vertraute. Dass persönliche Zerwürfnisse zum Umbau eines Teams führen können, wäre ebenfalls nicht ungewöhnlich.

Ein Mitglied der Führungsspitze räumte am Montag ein, die Frage nach der personellen Zuständigkeit der Öffentlichkeitsarbeit sei verschleppt worden, es habe Kommunikationspannen und Missverständnisse gegeben. Parteivize Markus Barenhoff ließ hingegen mitteilen, das Gespräch mit den Betroffenen sei stets gesucht worden.

So oder so zeigt der Streit, dass die Professionalisierung der Piratenpartei, gut ein Jahr vor Beginn des Bundestagswahlkampfs, schmerzhaft abläuft. Möglicherweise ist er auch ein Signal für einen neuen Führungsstil bei den Piraten. Denn der neue Bundesvorstand unter Führung von Piratenchef Bernd Schlömer hat mit der Personalentscheidung erstmals ein Machtwort gesprochen.

Der Stoff für Konflikte wird nicht ausgehen: Im Hintergrund hat der Kampf um die Listenplätze für die Bundestagswahl bereits begonnen - und das Monate, bevor die Landesverbände ihre Listen überhaupt aufstellen. Viele Piraten bekunden bereits Interesse an einer Kandidatur, "sehr viele Leute werden nach vorne drängeln", sagt ein Pirat aus Nordrhein-Westfalen.

Wahrscheinlich werden Machtworte im sensiblen Wachstumsprozess der Partei also noch öfter vonnöten sein. Allein: Machtworte kommen in der Partei der demonstrativen Basisdemokratie erfahrungsgemäß schlecht an.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 178 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ernüchterung
Peter.Lublewski 04.06.2012
Ich gebe es zu: Ich habe mich vom anfänglichen Piraten-Hype mitreißen lassen. Wohl niemand ist mittlerweile so ernüchtert wie ich.
2. Natur
Positives Denken 04.06.2012
Auch bei den Piraten geht es um Macht, um Einfluss und natürlich um Geld. Man kann das anprangern, aber es liegt einfach in der Natur des Menschen. Hier tun sich für teilweise im Leben bisher Gescheiterte auf einmal ganz neue Möglichkeiten auf. Selbstverständlich wäre es dumm, die Chance nicht zu nutzen.
3. Ja, glaubt hier denn irgendeiner ...
horott 04.06.2012
... daß die etablierten Parteien mit ansehen werden, wie eine neue Partei ihre eigene eventuell an die Wand drängt? Ich würde mich nicht wundern, wenn Maulwürfe die Piraten infiltrieren und von innen her Chaos erzeugen. Nur ... wer will so etwas beweisen?
4. Out of Ponyhof
shokaku 04.06.2012
Da frisst die Piratenrevolution ihre Kinder schon, bevor sie überhaupt stattgefunden hat. Glücklicherweise haben diese neuen Jakobiner aber nur eine digitale Guillotine. Aber wer sich so bereitwillig aus seinen Positionen drängen lässt, anstatt mal selber unangenehm zu werden, hat in der Politik eh keine nennenswerte Lebenserwartung.
5. ...
Mindbender 04.06.2012
Zitat von horott... daß die etablierten Parteien mit ansehen werden, wie eine neue Partei ihre eigene eventuell an die Wand drängt? Ich würde mich nicht wundern, wenn Maulwürfe die Piraten infiltrieren und von innen her Chaos erzeugen. Nur ... wer will so etwas beweisen?
Ich bin ja auch der Meinung, dass die Piraten dies bei den "Etablierten" auch probiert haben. Nur kann man so etwas auch nicht beweisen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Piratenpartei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 178 Kommentare

Fotostrecke
Sympathisanten der Parteineulinge: Wir, die Piraten

Sympathisanten der Piratenpartei