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Christopher Street Day: Bedrohte Engel

Von Anne Onken

Berlin gilt als eine der tolerantesten Städte Deutschlands, die Politik hat einiges getan für die Lesben- und Schwulen-Community. Eine halbe Million feiern dort am Samstag den Christopher Street Day. Doch das Fest wird überschattet von homophoben Übergriffen.

CSD-Aktivisten in Düsseldorf: Schrill, bunt und laut Zur Großansicht
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CSD-Aktivisten in Düsseldorf: Schrill, bunt und laut

Hamburg/Berlin - Sie werden johlen und tanzen, manche ein wenig extravagant, andere bewusst schrill. Tausende von Engeln mit weißen Flügeln wollen am Samstag vom Ku'damm zum Brandenburger Tor ziehen. Und wieder einmal Gleichberechtigung für Lesben und Schwule, Trans- und Intersexuelle fordern. Eine Stadt im Rausch - zwischen Euphorie und zerbrechlicher Normalität.

"Normal ist anders" lautet das Motto des diesjährigen Christopher Street Days in Berlin. Aber was ist schon normal? Lesben und Schwule erfahren selbst in der Hauptstadt tagtäglich, dass sich am gesellschaftlichen Konzepten von Normalität schwer rütteln lässt. "Wer anders aussieht, wird schnell blöd angemacht", sagt Jan Salloch vom Vorstand des CSD. Offen schwul zu sein, kann unangenehm werden in Berlin.

Auch weil die Szene in diesen Tagen in der Stadt besonders sichtbar ist - Menschen küssend und Hand in Hand durch die Stadt laufend - kommt es im Vorfeld der CSD-Parade vermehrt zu Übergriffen auf Lesben und Schwule.

"Viele Opfer bagatellisieren ihre Gewalt-Erfahrung"

Am Mittwochabend schlägt eine Frau in Kreuzberg einem homosexuellen Mann sein Essen aus der Hand, wie die Berliner Polizei meldete. Beleidigt und tritt ihn, bis er zu Boden geht. Dann raubt sie ihm das Mobiltelefon und rauscht mit einem Taxi davon. Am vergangenen Wochenende wurde schwules Paar in Alt-Treptow beleidigt und geschlagen. Einer der beiden wird mit einem Messer verletzt und muss ins Krankenhaus.

Wenige Tage zuvor waren fünf Künstler aus der Queer-Community in Schöneberg beleidigt und angegriffen worden. Etwa 50 Kinder und Jugendliche hätten die Agentinnen des Ministeriums für Tuntensicherheit (TunSi) bedroht und Wasserbomben geworfen, heißt es auf deren Website. Die Agentinnen seien als pervers, krank und hässlich beschimpft und sogar mit Morddrohungen konfrontiert worden. Alltag in Berlin, doch die Bürger erfahren selten von diesen homophoben Übergriffen und Beleidigungen. Längst nicht alle Vorfälle werden angezeigt.

Die Dunkelziffer liegt bei 90 Prozent, glaubt Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg. "Viele bagatellisieren die eigenen Gewalt-Erfahrungen." Bastian Finke vom schwulen Anti-Gewalt-Projekt Maneo bestätigt diese Einschätzung. "Aus Angst vor Outing und neuer Diskriminierung gehen viele Opfer lieber nicht zur Polizei."

Opfer müssen wissen, dass der Staat sich kümmert

Seit 20 Jahren ist Finke unfreiwillig Chronist homophober Übergriffe in Berlin, er berät Opfer und führt danach akribisch Statistik, denn Gewalt ist nicht gleich Gewalt: Körperverletzung, Raub mit homophoben Hintergrund, Nötigung und Bedrohung, Beleidigungen - all dies erfasst der Soziologe gesondert. Im vergangenen Jahr hat er insgesamt 225 Fälle mit schwulenfeindlichem Hintergrund registriert, 2008 waren es 186. Ein verlässliches Barometer sei seine Statistik jedoch nicht, sagt Finke. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad seiner Beratungsstelle dürfte auch die Zahl der gemeldeten Fälle steigen.

In einer nicht-repräsentativen Online-Studie, die Maneo im Winter 2006/2007 deutschlandweit durchführen ließ, gaben mehr als ein Drittel der befragten 24.000 Schwulen und bisexuellen Männer an, in den zwölf Monaten vor der Befragung Opfer von homophoben Vorfällen geworden zu sein. Unter den 18-Jährigen waren es sogar 63 Prozent. Doch nur einer von zehn Betroffenen erstattete danach Anzeige bei der Polizei.

"Um Vertrauen zu schaffen muss der Staat deutlich machen, dass er diese Form von vorurteilsmotivierter Gewalt ebenso ernst ist wie anderen Formen", fordert Finke. Opfer müssten wissen, dass der Staat sich kümmert. Klare Signale erwartet er von Schulen und der Polizei, auch bei Beschimpfungen. "Wenn es das nicht gibt, werden gerade Jugendliche auf Schulhöfen motiviert, weiterzumachen."

Aktionsplan gegen Homophobie

Genau da knüpft der Aktionsplan gegen Homophobie des Berliner Senats an, der Mitte Mai vorgestellt wurde. Für die kommenden zwei Jahre gibt das Land Berlin 2,1 Millionen Euro für bessere Aufklärung an Schulen und in sozialen Einrichtungen aus. Lehrer sollen fortgebildet und Workshops in Schulen angeboten werden. Auch setzt der Senat auf eine große Aufklärungskampagne, wissenschaftliche Studien und Erinnerungsarbeit. Verwaltung und Polizei sollen stärker für Diskriminierung und Ausgrenzung sensibilisiert werden. Das Geld sei gut anlegt, sagt Claus Nachtwey von der Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung. "Die Akzeptanz für andere Lebensmodelle muss in der Bevölkerung einfach wachsen."

Deshalb hat die Senatsverwaltung für Soziales auch ein Projekt wieder ausgegraben, das im vergangenen Jahr noch im Bundesrat gescheitert war: die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Das Lebenspartnerschaftsgesetz von 2001 reiche nicht aus, um Diskriminierungen zu beseitigen, heißt es in einer Pressemitteilung des Landes Berlin. Noch immer seien homosexuelle Paare in den Bereichen des Steuer-, Adoptions, Sozial- und Asylverfahrensrechts benachteiligt. "Ich werde weiterhin jede Möglichkeit nutzen, mich für die volle Gleichstellung von Lesben, Schwulen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen einzusetzen", erklärte Sozialsenatorin Carola Bluhm im Vorfeld des Christopher Street Days.

Gemeinsam mit Bremen und Hamburg hatte Berlin den Antrag im Bundesrat gestellt, Artikel 3 im Grundgesetz - den sogenannten Gleichbehandlungsartikel - um das Merkmal "sexuelle Identität" zu ergänzen. Dies war jedoch mehrheitlich abgelehnt worden. Auch wenn die Aussicht auf Erfolg auch in diesem Jahr nicht sonderlich groß ist, will der Berliner Senat voraussichtlich am 9. Juli einen neuen Vorstoß im Bundesrat wagen.

"Der CSD ist unser Weihnachten"

In der Szene kommen diese Initiativen dennoch gut an. Als Zeichen. "Berlin ist und bleibt Vorreiter in Deutschland und hat schon viel Geld in die Hand genommen", sagt Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Die Initiative im Bundesrat sei ein richtiger Schritt, auch wenn er die Chancen eher als gering einschätzt.

Jan Salloch vom Vorstand des Christopher Street Day wird sich erst einmal nicht darauf beschränken zu hoffen, sondern weiter kämpfen: Auch wenn es Lesben und Schwulen aus heterosexueller Sicht gut ginge, müsse die Community wie früher demonstrativ für Gleichberechtigung eintreten.

Trotz all der Vorfälle in den letzten Tagen, der Anfeindungen und Übergriffe, will er sich den Christopher Street Day nicht verderben lassen. Der Tag, der an den Aufstand von Homosexuellen gegen die Polizeiwillkür in New York in der Christopher Street am 28. Juni 1969 erinnert, sei der Geburtstag der Bewegung: "Das ist unser Weihnachten! Da lassen wir uns nicht von einem Mob von der Straße prügeln."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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1. Wieder einmal kurios...
Zappa_forever 18.06.2010
...wie der Spiegel, der sich als das Flaggschiff des Investigativjournalismus´ sieht, bei so einer Thematik einen wichtigen Aspekt komplett unter den Tisch fallen lässt - wohl aus Gründen der political correctness. Fakt ist, das gerade in Berlin aber auch anderswo die Klientel, um die es in diesem Artikel geht http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,698948,00.html sich in Sachen Homophobie besonders hervortut. Kurios...
2. Nein
Tanja Krienen 18.06.2010
Es wird dort keine wirkliche Transsexuelle mitmachen, sondern maximal "Transgender", also Tranvestiten, Crossdresser etc.. Man sollte das endlich einmal trennen. AUCH diese falsche Semantik trägt zur Aggression bei.
3. beschönte Lage
Erdnussliebhaber 18.06.2010
Zum Thema Gewalt gegen gleichgeschlechtlich Liebende und Lebende: Die zwei Schwulen vom letzten Wochenende, wurden von 3 südländisch aussehenden Menschen angegriffen! Einer musste notoperiert werden im Krankenhaus. Das ist keine Hetze gegen islam-arabische Menschen. Aber jeder Schwule, so auch ich, in Berlin weiß, wo er in Berlin langgehen sollte und wo er es lassen sollte und wo man es vermeiden sollte, Händchen zu halten. Maneo, das schwule Übergriffstelefon, hat seine Hilfen zum Teil eingestellt, weil eben die Täter Namen wie Ali, Achmed trugen und keine Glatzen aus dem rechtsextremen Lager waren. Von denen geht selten eine Gefahr aus, wie ich auch feststellen musste. HIER zeigt sich eben wieder eine gescheiterte od. unterlassene Integrationspolitik. Die Umfragen zeigen auch, dass unter dieser ethnischen Minderheit die größte Ablehnung besteht. In den Medien werden solche Fälle fast totgeschwiegen. Das wird sich 2011 rächen bei der Senatswahl. Die Schwulen haben von ihrem schwulen Bürgermeister - als Drugqueen verschrien - genug... Claudia Roth wurde auch auf nem CSD ausgebuht - später wurde positiv darüber geschrieben... Politiker sollten sich davon fernhalten.
4. Wer wars?
Arne11 18.06.2010
Zitat von sysopBerlin gilt als eine der tolerantesten Städte Deutschlands, die Politik hat einiges getan für die Lesben- und Schwulen-Community. Eine halbe Million feiern dort am Samstag den Christopher Street Day. Doch das Fest wird überschattet von homophoben Übergriffen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,701575,00.html
Und wer verübt diese Übergriffe? Aus welchem religiösen oder ideologischen Grund? Ohne zu behandeln wer aus welchen Gründen Homosexuelle, Frauen, Juden, Atheisten usw. als weniger wert ansieht kann man das Problem nicht lösen? Wieso nehmen sich nicht die selbsternannten Frauen und Liberalen Parteien dem Thema an & wieso wird dagegen nicht stärker vorgegangen? Könnte man dadurch bestimmte Wählerschichten unter Einwanderern verprellen? Oder fürchtet man wenn man Intoleranz kritisiert den Vorwurf selbst intolerant zu sein?
5. Eine Stadt,
Moralinsaurer 18.06.2010
in der Homosexuelle sich alle Freiheiten rausnehmen können, aber Polizisten totgeprügelt werden, kann mir nicht gefallen. Da werden die falschen Prioritäten gesetzt.
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