Chronik eines Chaostages CSU im Ausnahmezustand

Eine solche Krise gab es bei den Christsozialen schon lange nicht mehr. Nach dem Abgang von Parteichef Erwin Huber hat jetzt auch Ministerpräsident Günther Beckstein sein Amt aufgegeben. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Ablauf des Chaostages.


München - Bei der CSU haben sich an diesem Mittwoch die Ereignisse überschlagen: Erst forderten Spitzenkräfte der Partei, Günther Beckstein solle bleiben - um den Führungswechsel zu organisieren. Allerdings ohne Erfolg. Nach massivem Druck aus Partei und Fraktion zog Beckstein selbst die Konsequenzen und erklärte seinen Rücktritt. Die herbe Wahlschlappe forderte nach Parteichef Erwin Huber und Generalsekretärin Christine Haderthauer also ihr nächstes Opfer.

SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Ablauf des Krisentages:

Scheidender Ministerpräsident Günther Beckstein: Rückhalt in der Partei nicht groß genug
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Scheidender Ministerpräsident Günther Beckstein: Rückhalt in der Partei nicht groß genug

8.50 Uhr: Am Morgen kann Beckstein noch hoffen. Offensiv spricht sich Landtagspräsident Alois Glück für das Verbleiben Becksteins aus. Das CSU-Urgestein warnt im "Deutschlandradio" vor einer "Selbstzerfleischung". Nur das Personal zu wechseln, könne nicht die Lösung sein. Zuvor hat bereits Huber dafür plädiert, Beckstein im Amt zu halten. Doch der gerade Davongejagte ist nun wohl nicht der wünschenswerteste Förderer.

9.30 Uhr: Eine Stunde noch bis zur Fraktionssitzung. Immer neue Proteste gegen ein Bleiben Becksteins werden laut. Nach den Oberbayern, die ihren Kandidaten Horst Seehofer nach vorne schieben, sprechen sich auch die niederbayerischen Abgeordneten gegen den Amtsinhaber aus. Für Beckstein wird die Luft dünner.

10.05 Uhr: Der Mann, um den sich alles dreht, erscheint vor dem Sitzungssaal. Auf die Frage, welche Gefühle ihn denn umtrieben, sagt Beckstein: "Unterschiedliche - gute und schlechte". Er ahnt wohl schon, dass seine Chancen, sich zu behaupten, marginal sind.

10.30 Uhr: Der Beginn der Fraktionssitzung wird verschoben. Stattdessen zieht die engere Parteiführung sich zum Krisengespräch zurück. Neben Beckstein und Huber nehmen der designierte Parteichef Seehofer, der Fraktionsvorsitzende Georg Schmid und sein Stellvertreter teil. Beckstein erklärt seinen Rücktritt. Aber auf einen Nachfolger kann sich die Runde nicht einigen.

11.16 Uhr: Die Parteispitze beendet ihr Krisengespräch. Beckstein tritt vor die wartenden Abgeordneten. Er sagt ihnen, er werde nicht noch einmal kandidieren. Die Fraktion bedankt sich applaudierend für die 13-monatige Amtszeit des 64-Jährigen.

11.38 Uhr: Wenig später vermeldet die "Münchener Abendzeitung" die Entscheidung. Die Presseagenturen übernehmen die Nachricht. Becksteins Ende verbreitet sich.

12.31 Uhr: Eine knappe Stunde später tritt der scheidende Ministerpräsident vor die Presse. Er erklärt, sein Rückhalt in der Partei sei nicht groß genug gewesen.

12.35 Uhr: Beckstein sagt, nun müssten "richtige Weichenstellungen" getroffen werden. Welche das sind oder wer sein Nachfolger wird, sagt er nicht. Heißester Kandidat bleibt Seehofer.

13 Uhr: Neben dem Parteichef in spe werden noch vier weitere Kandidaten gehandelt: Joachim Herrmann, Georg Schmid, Markus Söder und Thomas Goppel.

13.25 Uhr: Der CSU-Abgeordnete Georg Winter erklärt während der laufenden Sitzung, es werde "heute keine Personalentscheidung" geben. Die Nachfolge bleibt vorerst offen. Stattdessen werde nun lediglich noch der Fahrplan der nächsten Wochen diskutiert. Es darf also munter spekuliert werden.

13.30 Uhr: Aus der Fraktion verlautet, Edmund Stoiber habe einen Anteil am Beckstein-Rücktritt gehabt. Während der gesamten Sitzung habe er sich aufreizend provokativ verhalten und den Sturz seines Nachfolgers mit stillem Genuss verfolgt.

15.36 Uhr: Noch-Parteichef Huber tritt vor die Presse. Er erklärt, für die Beckstein-Nachfolge stünden Goppel, Herrmann und Schmid zur Auswahl. Interessant: Seehofer nennt er nicht. Nur wenn sich die Fraktion bis nächsten Mittwoch auf keinen der drei Genannten einige, liefe es auf Seehofer hinaus. Ein aufschlussreiches Ende eines Chaostages, der annehmen lässt, dass die CSU auch nach dem Abschied ihres glücklosen Duumvirats nicht zur Ruhe kommen wird.

cht/ddp/dpa/AP



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