Hannover - Ihre Erleichterung konnte jeder der knapp 800 Delegierten spüren. Claudia Roth strahlte, winkte, immer wieder atmete sie lang aus: Puh, geschafft. Schon nach ihrer Bewerbungsrede für den Parteivorsitz wirkte Roth befreit - und die Grünen dankten ihr die leidenschaftliche Ansprache wenige Minuten später mit einem eindrucksvollen Vertrauensbeweis.
Die 57-Jährige Parteichfein wurde auf dem Parteitag in Hannover mit 88,49 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Für Roth stimmten 684 Delegierte, gegen sie 57. Der Stimme enthielten sich 32 Delegierte. Damit erzielte sie ein besseres Ergebnis als vor zwei Jahren, als sie 79,3 Prozent erreicht hatte.
Roths Wahlergebnis wurde mit Spannung erwartet - bei der Urwahl der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl war sie vergangene Woche mit 26,2 Prozent nur auf Platz vier gelandet. Gewählt wurden Fraktionschef Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Roth selbst sprach von einer "Klatsche". Nach der Urwahlpleite wurde über einen Rückzug Roths spekuliert. Am Montag gab sie dann bekannt, erneut als Parteichefin zu kandidieren.
In Hannover warb Roth mit einer leidenschaftlichen Rede um die Zustimmung der knapp 800 Delegierten. Sie habe in der vergangenen Woche "Stunden mit Schatten" und einen "inneren Sturm" durchlebt, doch sei die Trauerzeit nun vorbei. Ab sofort gehe es nicht um ihre Person, sondern um die Ablösung der Regierung Merkel und um die Geschlossenheit der Partei.
"Eine Bundesvorsitzende, die sich voll reinhängt"
"Ihr müsst beantworten, ob ich die Richtige bin - so wie ich bin, mit Ecken und Kanten", sagte Roth. Denn verändern wolle sie sich nicht. "Was ich euch anbieten kann, ist eine Bundesvorsitzende, die sich voll reinhängt." Für die Rede gab es Standing Ovations in der Tagungshalle.
Kurz darauf wurde auch der Co-Vorsitzende Cem Özdemir wiedergewählt. Der 46-Jährige erhielt 83,29 Prozent der Stimmen - etwas weniger als vor zwei Jahren, aber dennoch ein gutes Ergebnis.
Die Parteilinke Roth führt die Grünen mit einer zweijährigen Unterbrechung seit 2001. Özdemir ist seit 2008 im Amt. Am Nachmittag sollten die übrigen Posten im Bundesvorstand besetzt werden. Ohne Gegenkandidaten traten zur Wahl an: Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke, Schatzmeister Benedikt Mayer sowie die Beisitzer Astrid Rothe-Beinlich und Malte Spitz.
Zuvor hatte der Parteitag tiefgreifende Sozialreformen gefordert. Dazu gehören ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro und die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze von 374 auf 420 Euro. Zudem soll es den Jobcentern bis auf weiteres verboten werden, Arbeitslosen die Hartz-Bezüge zu kürzen.
Gefordert wird zudem eine steuerfinanzierte "Garantierente" im Kampf gegen Altersarmut. Sie soll allen gezahlt werden, die dem Arbeitsmarkt mehr als 30 Jahre zur Verfügung gestanden oder Kinder betreut haben. An der schrittweisen Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre soll grundsätzlich nicht gerüttelt werden.
Am Freitag hatte sich die Grünen-Spitze einhellig gegen eine Koalition mit CDU und CSU nach der Bundestagswahl ausgesprochen. "Wir wollen mit grüner Politik schwarze Wähler gewinnen. Aber mit euch regieren, das wollen wir nicht", rief Göring-Eckardt aus.
fab/dpa/dapd
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