Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Abschied von Claudia Roth: Die letzte Rock'n'Rollerin

Von

Claudia Roth: Die Chefin geht Fotos
imago

Sie ist die Schrille, die Dauerbetroffene, der bunte Vogel - und vor allem: das Herz ihrer Partei. Claudia Roth war elf Jahre lang Chefin der Grünen. Jetzt geht sie. Und wird auf dem Parteitag in Berlin umjubelt wie ein Rockstar.

Berlin - Sie lacht, sie weint, sie singt und wippt zu Rio Reisers "Junimond", sie setzt sich, steht wieder auf, verteilt Luftküsse, schüttelt den Kopf. So, als könnte sie es nicht glauben. Vor Claudia Roth stehen ihre Grünen, es ist Parteitag in Berlin, es ist ihr letzter als Chefin. Die rund 800 Delegierten in der Halle stehen fünf Minuten lang. Applaudieren. Und trauern.

"Was bleibt von Claudia Roth", fragt ihre Parteifreundin Theresa Schopper in einer der beiden Lobreden. Das bleibt: "Du bist eine wahrlich große Vorsitzende, eine eigene Marke, einzigartig, du bist echt. Du bist ein Popstar. Du bist Kult." Darunter geht es nicht im Berliner Velodrom.

Die Grünen nehmen Abschied von ihrer ewigen Chefin. Claudia Roth hat wie kein anderes Parteimitglied polarisiert und geprägt, sie arbeitet seit 28 Jahren bei den Grünen, ist bunter Kopf der Partei, das Gewissen und vor allem: das Herz. Dieses Herz wird jetzt aus der Parteispitze gerissen.

"Ohne Claudia Roth wird sich diese Partei neu erfinden müssen", sagt Jürgen Trittin in einem kurzen Abschiedsfilm für Roth, der auf riesigen Leinwänden gezeigt wird.

"Man kann sich die Partei ohne Claudia nicht vorstellen", sagt Winfried Kretschmann.

"Du bist ein ganz großartiges Original", sagt Reinhard Bütikofer.

"Sie war ganz Mutter der Partei", sagt Renate Künast.

"Ihre Umarmungen werden in der Partei fehlen", sagt Joschka Fischer.

Die Grünen feiern ihre Claudia. Und man fragt sich: Warum geht sie überhaupt - wenn ihr Abschied als solcher Schmerz empfunden wird?

Nervensäge, Gutmensch, Klageweib

Roth geht nach dem Debakel bei der Bundestagswahl. Die Saarländerin Simone Peter übernimmt den Job als Vorsitzende - es sind riesige Fußstapfen, in die sie tritt, das wurde auf diesem Parteitag allzu deutlich. "Bei allem Herzblut und aller Identifikation: Für mich ist der Moment jetzt gekommen zu wechseln", sagt Roth in ihrer Abschiedsrede. Sie möchte dem Amt nicht zum Verwechseln ähnlich sehen.

Als Joschka Fischer 2005 abtrat, nannte er sich den letzten Rock'n'Roller der deutschen Politik. Claudia Roth geht als letzte Rock'n'Rollerin.

Ein Grund dürfte sicher auch in Roths ganz persönlichem Debakel liegen, sie erlebte es bei der Urwahl im vergangenen Jahr: Die Parteibasis stimmte über die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl ab, Roth wollte das so. Doch die Chefin wurde abgestraft: 26 Prozent, Platz vier. Es dauerte, bis Roth die Enttäuschung überwunden hatte und dann doch noch einmal als Parteivorsitzende antrat. Spitzenkandidatin: Nein, danke. Parteichefin: Ja, bitte. Mit 88,5 Prozent wurde Roth im November 2012 erneut gewählt.

Jetzt zieht sie sich von dem Posten zurück. Doch es ist kein Abschied aus der Politik. Schon kommenden Dienstag wird sie wohl bei der konstituierenden Sitzung des neuen Parlaments zur Stellvertreterin des Bundestagspräsidenten gewählt. "Freut euch auf Claudia Roth", sagt Schopper in ihrer Laudatio, die Forderung richtet sich an Roths neue Kollegen. Roth werde zwar anstrengend, aber: "Claudia Roth rockt das Amt."

Im Parlament wird Roth Sitzungen eröffnen, Tagesordnungspunkte aufrufen, Rednern das Wort erteilen, kurz: für die Einhaltung der parlamentarischen Ordnung sorgen. Es ist ein Job für Ermahner. Das passt zu Roth. Und sie kann als Bundestagsvize auf jeden roten Teppich, zu jedem Empfang. Auch das liegt ihr.

Fotostrecke

11  Bilder
Neue Führungsriege: Wer bei den Grünen künftig eine wichtige Rolle spielt
Sie personifiziert wie kaum ein zweiter Spitzenpolitiker das mahnende Gewissen. Sie setzt sich für Flüchtlinge ein, für Minderheiten, für Homosexuelle. Das war schon so, als ein Christopher Street Day noch etwas Außergewöhnliches war und als noch nicht sämtliche Kameras auf Flüchtlingscamps gerichtet waren. Mit ihrem Gutmenschentum ging Roth vielen auf die Nerven: Sie sei zu penetrant, zu weinerlich, zu quengelig. Ein Klageweib, eine Dauerbetroffene, eine Nervensäge. Und dann noch diese Outfits!

Roth ging auf ihre eigene Art mit der Kritik um. "Wer nervt mehr als Claudia?" - mit diesem Slogan suchten die Grünen selbstironisch nach weiblichem Parteinachwuchs. Und ihre vorhangähnlichen Gewänder, die bunten Schals, die großen Ketten gehören inzwischen genauso zur Marke Roth, wie die wechselnden Farben ihrer Prinz-Eisenherz-Frisur. Sie ist eine Politikerin, die polarisiert, die bewegt. Die aufregt.

Die Partei, ihr Lebensinhalt

Claudia Roth hat als Dramaturgin am Theater gearbeitet und die Politband Ton Steine Scherben um Rio Reiser gemanagt. Als die Musiker sich trennten, ging Roth auf Jobsuche und fand 1985 eine Zeitungsannonce der Grünen-Bundestagsfraktion: Sie suchte eine Pressesprecherin, Roth bekam die Stelle. Roth wurde Mitglied im Europaparlament, zog 1998 erstmals in den Bundestag und wurde 2001 zum ersten Mal als Parteichefin gewählt, fünf weitere Male folgten (mehr Informationen über Roths politische Laufbahn finden Sie in dieser Fotostrecke).

Roth, die Parteilinke, hat es geschafft, die Flügel zusammenzuhalten. Mit ihr verabschiedet sich die Übermutti der Partei aus der Chefriege. Die Grünen seien nicht ihre Familie, hat Roth immer wieder gesagt. Aber ihr Lebensinhalt.

Zum Abschluss ihrer Rede zitiert Roth die Toten Hosen. "Auf Wiedersehen, die Zeit mit Euch war wunderschön", sangen die Rocker. "Es ist wohl besser jetzt zu gehen, ich will keine Tränen seh'n."

Sagt Roth. Und geht.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Roth.Künast und vor allem Trittin
somasemapsyches 19.10.2013
Zitat von sysopimagoSie ist die Schrille, die Dauerbetroffene, der bunte Vogel - und vor allem: das Herz ihrer Partei. Claudia Roth war elf Jahre lang Chefin der Grünen. Jetzt geht sie. Und wird auf dem Parteitag in Berlin umjubelt wie ein Rockstar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/claudia-roth-gruenen-chefin-wird-auf-parteitag-verabschiedet-a-928771.html
waren doch der Alptraum schlechthin... Nun sind diese Fossilien endlich weg, aber die Neuen sind auch nicht besser... Da ist so ein Naseweis mit ungepfegtem Haarschopf, ein Kartoffelgesicht, das für die Niederlage mitverantwortlich aber ebenso machtbesessen ist, ein Parteivorsitzender, der sich nicht durchsetzen kann und die anderen, vor allem aus BW, sind noch nicht so weit. Es wird deauern... Ein Kardinalfehler der Grünen ist die Doppelspitze , immer aus links und rechts sowie aus Männlein und Weiblein bestehend. Das ist doch Kindergarten.
2. Eher Spießertum als Rock 'n Roll
mpitt 19.10.2013
Zitat von sysopimagoSie ist die Schrille, die Dauerbetroffene, der bunte Vogel - und vor allem: das Herz ihrer Partei. Claudia Roth war elf Jahre lang Chefin der Grünen. Jetzt geht sie. Und wird auf dem Parteitag in Berlin umjubelt wie ein Rockstar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/claudia-roth-gruenen-chefin-wird-auf-parteitag-verabschiedet-a-928771.html
Es haften dieser Dame viele Klischees an, die ich gar nicht kommentieren will, das tun sicherlich viele andere an dieser Stelle. Wenn sie aber für etwas steht, dann ist es die Berufsbetroffenheit und das politisch korrekte grüne Spießertum. Sie als Rock 'n Rollerin zu bezeichnen ist eher ein Euphemismus, hat sie doch nach einem abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaft vor Jahrzehnten eine drittklassige Agitprop-Band gemanagt, deren Texte ebenso radikal wie banal und deren musikalisches Können mehr als dürftig war. Auch das ist sozusagen symptomatisch.
3.
robbstark2 19.10.2013
Zitat von sysopimagoSie ist die Schrille, die Dauerbetroffene, der bunte Vogel - und vor allem: das Herz ihrer Partei. Claudia Roth war elf Jahre lang Chefin der Grünen. Jetzt geht sie. Und wird auf dem Parteitag in Berlin umjubelt wie ein Rockstar. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/claudia-roth-gruenen-chefin-wird-auf-parteitag-verabschiedet-a-928771.html
Auf (nimmer) Wiedersehen Claudia Roth. Ich werde sie nicht vermissen. Diese gutmenschliche Dauerbetroffenheit, ihr Einsatz für Alles und Jeden, nur nicht für die, die Ihre Spleens mit ihrem Steuergeld finanzieren mussten und ihre Penetranz waren unerträglich. Bitte, bitte jetzt keine Talkshowauftritte mehr - nur noch Vergessen.
4. Positiv
a.j.q. 19.10.2013
Dann könnte es ja durch den Wegfall dieser Sympathieträgerin mit den Grünen wieder 'ein Stück weit' aufwärts gehen. Die Art der Abschiednahme zeigt jedoch, daß mit diesen Parteigängern nie Staat zu machen sein wird.
5. Personenkult
happlebee 19.10.2013
Ich dachte die Grünen sind eine Partei bei denen Themen und nicht Personen im Mittelpunkt stehen, aber dies war ja bei linken Parteien immer schon nur vorgeschoben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: