Streitgespräch mit Bernd Schlömer: Claudia Roth gibt die Piratenmama

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Grüne und Piraten kämpfen um ähnliche Wähler, nun trafen die Parteichefs Claudia Roth und Bernd Schlömer erstmals zum Schlagabtausch aufeinander. Der Auftritt in Hamburg offenbart die grüne Nervosität - und zeigt, wie die Freibeuter auch bei Bürgerlichen punkten können.

Claudia Roth, Bernd Schlömer: Auftritt vor bürgerlich-hanseatischem Publikum Zur Großansicht
Ole Hoffmann für "Die Zeit"

Claudia Roth, Bernd Schlömer: Auftritt vor bürgerlich-hanseatischem Publikum

Hamburg - Einmal halten sie sogar Händchen. Als der Piratenchef das Schimpfen über die eigene Parteispitze beklagt, nickt die Grünen-Vorsitzende heftig. "Das kenn ich auch", sagt Claudia Roth. Blitzschnell lehnt sie sich aus ihrem Ledersessel rüber zu Bernd Schlömer, streckt ihm die Hand so weit entgegen, dass er sie ergreifen muss. Die Vorsitzenden von Piraten und Grünen sitzen eine Sekunde lang Hand in Hand.

Nun hat auch Schlömer erlebt, wie einnehmend Roth sein kann. Es ist das erste Treffen der beiden Parteichefs. Am Sonntagmittag sitzen sie zusammen bei einer Matinee der "Zeit" in den Hamburger Kammerspielen. Die Einigkeit des Händchenhaltens ist schnell vorbei.

Die Ausgangslage ist interessant: Für beide Parteien könnte es besser laufen, die Grünen sind nach ihrer Erfolgswelle 2011 wieder geschrumpft, die Piraten quälen sich mit internen Streitigkeiten und legen auch deshalb einen steilen Sinkflug in Umfragen hin. Beide konkurrieren um dieselbe Wählergruppe - das junge, alternative Milieu - und wollen als frisches Gegenmodell zu den Etablierten gelten.

Und so fallen wenige Begriffe an diesem Sonntag häufiger als das fiese Wörtchen "etabliert". Schlömer wirft es Roth immer wieder an den Kopf. Die Piraten haben vom Image einer unverbrauchten Kraft, die sich von den Altparteien absetzt, enorm profitiert. Schlömer sagt: "Die etablierte Politik wird als austauschbar wahrgenommen, als große graue Masse." Dann dreht er seinen Kopf zu Roth und sagt: "Ihnen gelingt es doch auch nicht, sich zu profilieren." Da gibt es lauten Applaus aus für Piraten ungewohnter Ecke. Im Publikum klatscht das hanseatisch-bürgerliche Milieu, viele sind um die 50.

"Etabliert, aber nicht spießig"

Es ist der wunde Punkt der Grünen - die Piraten wirken bei allem Chaos frischer als die alten Öko-Haudegen. Roth fällt der Spagat schwer, ihre Partei als professionell, aber doch irgendwie anders darzustellen. Einmal sagt sie: "Wir sind etabliert, aber nicht spießig."

Auch ein Generationskonflikt spielt mit rein. Schlömer, 41 Jahre alt, berichtet, dass die Eltern vieler jüngerer Piraten Grüne seien. Roth, 57, betont, sie sei zu jung, um Schlömers Mutter zu sein, führt sich dann aber genau so auf. "Wenn die Piraten unsere Kinder wären, dann hätten sie ja mehr Frauen." Ganz tiefe Sorgenfalten legen sich auf ihre Stirn, wenn der Chefpirat über die Programmlücken seiner Partei spricht. "Wo sind die Werte", klagt Roth, Unverständnis in der Stimme.

Roth wirkt nicht unsympathisch, doch sie offenbart die Nervosität der Grünen, die augenscheinlich trotz der Piraten-Probleme anhält. Sie haben kürzlich Forscher die Kommunikation der Piraten untersuchen lassen, die Hoheit über Basisdemokratie an die Newcomer verloren. Zwar haben sie plötzlich die Urwahl wiederentdeckt, doch die Aussichtsreichen auf die Spitzenkandidatur sind die alten Gesichter Claudia Roth, Renate Künast, Jürgen Trittin.

Roth macht jetzt auf Profi. Sie spricht über Syrien, warnt vor einem "Flächenbrand" in der Region, hebt dabei mahnend den Zeigefinger in Richtung Schlömer. Auch der weise Moderator Josef Joffe von der "Zeit" gibt sich paternalistisch gegenüber dem Piratenchef. "Er redet ja wie ein Politiker", gluckst Joffe einmal.

Schlömer punktet beim Bürgertum

Doch es sind stets die Piraten, die profitieren, wenn sie das Establishment als putzig abtut. So ist es auch in Hamburg-Rotherbaum. Schlömer bekommt häufiger Applaus als die Grüne, mit seiner seriösen Ansprache punktet er bei den Hanseaten. In seinem grauen Sakko, in dezent roter Hose und braunen Lederstiefeln wäre er auch im Publikum nicht aufgefallen. Schlömer verkauft die Freibeuter im bürgerlichen Ambiente gut: Man kann uns ernst nehmen, lautet seine Botschaft. Wie sich wohl sein Vorstandskollege Johannes Ponader hier geschlagen hätte?

Schlömer will die Piraten auch für bürgerliche Schichten öffnen - der Test am Sonntag klappt. Der 41-Jährige dürfte sich auch über die kurze Abwechslung freuen, mal nicht über Ponader reden zu müssen. Schon danach steigt er in den Zug nach Celle, wo er auf einem Landesparteitag dann seine Streithähne aus dem Bundesvorstand wieder sieht. Hier sagt er nur: "Es gab unglückliche Momente, die an der Glaubwürdigkeit gerüttelt haben."

Roth gibt ihm noch einen Tipp. Man müsse den Streit mit Inhalten verknüpfen, sonst klappe das nie. Sie spielt nun wieder die Mutterrolle. Der Pirat sagt über sein Amt: "Ich bin ja eher so der Chef-Controller." Die warme Roth, der kühle Schlömer, so sind die Rollen an diesem Sonntag verteilt.

Thematisch gibt es natürlich Überschneidungen. Moderator Joffe versucht es immer wieder mit der Frage nach einer möglichen Koalition. Rot-Grün-Orange, eine neue Ampel wäre das. Roth sagt in ihrer sorgenvollen Stimme: "Man weiß ja nie, wie lange die Beschlüsse der Piraten in dieser Liquid Democracy halten."

Schlömer hat den Punktsieg für die Piraten schon in der Tasche, als er gegen Ende die Hanseaten dann doch ein wenig verschreckt. Er will den Beschluss der Piraten für ein bedingungsloses Grundeinkommen erklären, das die Partei jedem gewähren will. Schlömer beschreibt es etwas umständlich als Universaltransfer, da wird es unruhig im kleinen Theatersaal. Manche Zuschauer murmeln, andere schütteln den Kopf. "Weltfremd" ruft jemand aus Reihe vier. Die Piratenidee Grundeinkommen wirkt im feinen Hamburg-Rotherbaum dann doch ein wenig abenteuerlich.

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Piraten
Peter.Lublewski 28.10.2012
Beim Lesen des Überschriftteils nach dem Doppelpunkt dachte ich, Frau Roth nimmt die somalischen Piraten nach deren Haftentlassung auf.
2. Grüne und Piraten kämpfen um Wähler, der aber zieht weiter
seine-et-marnais 28.10.2012
Zitat von sysopGrüne und Piraten kämpfen um ähnliche Wähler, nun trafen die Parteichefs Claudia Roth und Bernd Schlömer erstmals zum Schlagabtausch aufeinander. Der Auftritt in Hamburg offenbart die grüne Nervosität - und zeigt, wie die Freibeuter auch bei Bürgerlichen punkten können. Claudia Roth und Bernd Schlömer im Streitgespräch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/claudia-roth-und-bernd-schloemer-im-streitgespraech-a-863891.html)
Früher war ich schon mal Grün-Wähler, als die die einzigen waren die offen diskutierten. Nachdem die aber angepasst sind bis zum geht nicht mehr habe ich 2009 die Piraten gewählt, und bereue das nicht. Da aber die Piraten keine Aussage zu der Europolitik machen die 2013 wohl zu dem wichtigsten Punkt werden, könnte ich weiterziehen zu den Freien Wählern die den Ruin Europas, richtig Europas und nicht nur Deutschlands, ablehnen. CDU/CSU und FDP sorgen sich um die Finanzmärkte, SPD und Grüne finden es gut wenn man arm aber sexy ist, die Piraten haben keine Meinung, also...
3. das bedingungslose GrundEinkommen ist eine schöne Utopie
hobbysechs00 28.10.2012
das sieht man nämlich schon bei harz vier. Davon ist schwer wièder auszukommen. Weil die Disziplin zur Arbeit geht verloren. Und da die Piraten noch für die Freigabe sind versinken Massen im kifferStatus. Schade dass sie sich nicht auf drei Themen spezialisieren.1 Bildung durch Bildungskarte und damit freie Schuljahr 2 Knast nicht als Schule des Verbrechens sondern im europäischen verband als BildungsAustausch/erlebnispaedagigik/Therapie 3 keine Folter im massregelvollzug . weiterhin Achtung der menschenrechte durch auslanderbehoerden .so kämen wir weiter.
4. Ach Gottchen !!
daslästermaul 28.10.2012
Zitat von sysopGrüne und Piraten kämpfen um ähnliche Wähler, nun trafen die Parteichefs Claudia Roth und Bernd Schlömer erstmals zum Schlagabtausch aufeinander. Der Auftritt in Hamburg offenbart die grüne Nervosität - und zeigt, wie die Freibeuter auch bei Bürgerlichen punkten können. Claudia Roth und Bernd Schlömer im Streitgespräch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/claudia-roth-und-bernd-schloemer-im-streitgespraech-a-863891.html)
Versucht die grüne Übermutter jetzt ihr Glück bei den Piraten ??!. Und ich dachte, die Grünen befinden sich auf dem Weg zu einer ernsthaften Partei ...... .
5. Gar nicht ausgeschlossen
verdi49 28.10.2012
Zitat von Peter.LublewskiBeim Lesen des Überschriftteils nach dem Doppelpunkt dachte ich, Frau Roth nimmt die somalischen Piraten nach deren Haftentlassung auf.
Das wäre ihr durchaus zuzutrauen, aber nicht mit den Diäten der Frau Roth.
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