Clausewitz-Gesellschaft Wo Kriegsverbrecher wohlgelitten bleiben

In der Clausewitz-Gesellschaft treffen sich ehemalige und aktive Offiziere. Der Verein hegt enge Verbindungen zur Bundeswehr - und so manches Mitglied offenbar eine Schwäche für Nazi-Kriegsverbrecher.

Kriegsverbrecher Manstein (1943):  Ehrenmitglied der Clausewitz-Gesellschaft
AP

Kriegsverbrecher Manstein (1943): Ehrenmitglied der Clausewitz-Gesellschaft

Von  und Leonard Novy


Brüssel/Berlin - Wenn die Clausewitz-Gesellschaft zur Tagung lädt, wie an diesem Dienstag in Berlin, gibt sie sich gerne zukunftsorientiert. Bei einem sicherheitspolitischen Kolloquium will sie über militärische Herausforderungen im Cyber-Zeitalter diskutieren.

Doch sobald die Mitglieder Vereinsinterna besprechen, wie bei ihrer Jahrestagung im Oktober 2013, holt die Vergangenheit sie rasch ein. Unter Tagesordnungspunkt 6 beantragten damals Mitglieder, sechs Ehrenmitglieder aus der Chronik zu streichen, nämlich "Generalfeldmarschall a. D. List, Generalfeldmarschall a. D. von Manstein, Generaloberst a. D. Halder, Generaloberst a. D. Stumpff, General der Flieger a. D. Felmy".

Hinter den klingenden Titeln verbergen sich einige der umstrittensten Militärs der deutschen Geschichte, etwa Erich von Manstein, Generalfeldmarschall im Nazi-Reich und verurteilter Kriegsverbrecher. Die Clausewitz-Gesellschaft - benannt nach jenem Militärvordenker, der Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln verstand - sieht Mansteins Andenken anders: Zum Tod des Generalfeldmarschalls 1973 würdigte sie ihn als "genialsten militärischen Führer des Zweiten Weltkrieges".

Offenbar bleiben die alten Kämpen wohlgelitten: Der damalige Clausewitz-Geschäftsführer Viktor Toyka, Flottillenadmiral a. D., erklärte bei der Diskussion der geplanten Chronikstreichungen, er habe diese zunächst für einen Akt von heutiger "Political Correctness" gehalten. Doch es gab Widerspruch, Teilnehmer meldeten sich zu Wort: Die Ehrenmitglieder seien "tapfere Soldaten" gewesen. Schließlich gab es acht Enthaltungen – aber keine einzige Stimme für eine Aberkennung der Ehrenmitgliedschaften.

Heldenverehrung von ein paar Ewiggestrigen? So ein Urteil unterschätze den Einfluss der Clausewitz-Gesellschaft, meint der Hamburger Historiker Klaus Naumann. Die Gesellschaft habe zwar "kein Monopol über strategische und politische Entscheidungen", doch der Austausch mit politischen Instanzen sei eng.

Verstorbene Kriegsverbrecher und aktive Gesinnungstäter

Die Hamburger Tagung fand in Räumen der Führungsakademie der Bundeswehr statt. Das Grußwort zu einer sicherheitspolitischen Versammlung vor dem Mitgliedertreffen kam vom damals amtierenden Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der Clausewitz-Vertretern schon aus Familientradition vertraut ist. De Maizières Vater Ulrich, Vier-Sterne-General, amtierte von 1976 bis 1982 als Präsident der Vereinigung.

Auch andere Institutionen haben keine Berührungsängste. Die Gesellschaft, als gemeinnützig deklariert, kooperiert mit der Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Beim Druck ihres Jahrbuches hilft das "Kommando Strategische Aufklärung" der Bundeswehr. Und Prominente pflegen den Austausch, etwa Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des EU-Parlaments, oder der renommierte Berliner Historiker Herfried Münkler.

Dabei finden sich unter Clausewitz-Mitgliedern nicht nur verstorbene Kriegsverbrecher, sondern auch aktive Rechtsausleger, etwa Olaf Rose, ein deutscher Historiker, der 2012 von der NPD als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert wurde.

Daher wächst in Bundeswehrkreisen die Skepsis über die engen Bande zum Verein. Auch de Maizière mahnte zum Ende seiner Amtszeit im Verteidigungsministerium, die Gesellschaft müsse sich öffnen und weiterentwickeln.

Die Vereinsoberen sehen sich aber sogar als Kämpfer gegen Revisionisten in den eigenen Reihen. Sie haben ihre eigene Erklärung für die Kontroverse um den Ausschluss der umstrittenen Militärs. Die fraglichen Antragsteller hätten damals angegeben, Militärs wie Manstein sei die Ehrenmitgliedschaft nicht mehr zuzumuten gewesen, weil die Clausewitz-Gesellschaft zu liberal geworden wäre.

Clausewitz-Sprecher Wolfgang Fett sagt: "Ihnen ging es darum, über den Umweg der Aberkennung der Ehrenmitgliedschaften gegen die Modernisierung der Satzung zu opponieren" – und den Paragrafen 2 der Satzung von 1984 wieder einzuführen, in dem es hieß: "Die Clausewitz-Gesellschaft will das geistige Erbe des deutschen Generalstabs weitertragen" - also auch der Wehrmacht.

Warum dennoch nicht einfach die in den sechziger Jahren verliehenen Ehrentitel entzogen wurden? Um so die Glaubwürdigkeit eines Vereins zu retten, den Militärhistoriker Naumann grundsätzlich als wichtiges Forum für strategische Debatten einer Bundeswehr im Wandel einstuft? Clausewitz-Sprecher Fett: "Die Entscheidung ist unter den Bedingungen der damaligen Zeit zu sehen. Der heutige Vorstand würde den genannten Personen keine Ehrenmitgliedschaft verleihen."

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.