Jugend im Erzgebirge Aufgewachsen in Clausnitz

Mirko Lieber hat in jenem Dorf gelebt, das seit einer Woche die Nachrichten bestimmt, weil ein Mob dort Flüchtlinge eingeschüchtert hat. Was in Clausnitz geschehen ist, überrascht ihn nicht - dennoch ringt er um eine Erklärung.

Ortsschild von Clausnitz:   Hier gibt es keine Antifa. Hier gibt es Rechtsextremismus
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Ortsschild von Clausnitz: Hier gibt es keine Antifa. Hier gibt es Rechtsextremismus


Zum Autor
  • Mirko Lieber, geboren 1987, lebte bis 2006 19 Jahre lang in Clausnitz und ist seitdem regelmäßig dort. In Leipzig und Madrid hat er Wirtschafts- und Umweltwissenschaften studiert, seit 2013 lebt er in Wien und arbeitet dort als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Nachhaltiger Ressourcennutzung an der Wirtschaftsuniversität.
Ich selbst lebe nicht mehr in Clausnitz, aber bin noch regelmäßig da, und ich habe das Gefühl, es geht auch mich etwas an, ich sollte etwas sagen. Als ich am vergangenen Freitag die Nachrichten lese, entdecke ich neben der Berichterstattung vom EU-Gipfel und den Anschlägen in der Türkei gleich mehrfach den Namen meines Dorfes. Hier leben nicht einmal mehr 900 Einwohner. Abgelegen im Erzgebirge, fernab der sonstigen Geschehen. Gewöhnlich gibt es nicht viel zu berichten. Ich bin natürlich überrascht. Dann lese ich: "Grölende Menge blockiert Bus mit Flüchtlingen". Meine Überraschung verfliegt innerhalb weniger Sekunden. Erinnern mich die Ereignisse doch in gewisser Weise an Vergangenes.

Der "Deutsche Gruß" auf dem Dorffest

Ich erinnere mich an den Alltag, an gewöhnliche Feiern und Feste, an Lagerfeuer, an Grillen und Musik. Alles ohne jeglichen Zwischenfall. Aber ich erinnere mich auch an jene Momente, in denen ich vor über zehn Jahren im Jugendklub von Clausnitz sitze, wie einige Dutzend von uns Bier trinken, wie einer in der Menge brüllt "SIEG…!!!" und ihm ein Sprechchor vieler im Raum Anwesender mit gehobener rechter Hand folgt: "HEIL!!!" Ich erinnere mich, wie der Vater einer Freundin auf offener Straße vorm Bierzelt des jährlichen Dorffestes brüllt: "SIEG…!!!" Ich erinnere mich, wie in einer der umliegenden Kleinstädte der Türsteher eines Klubs mit Springerstiefeln, Thor-Steinar-Jacke und Glatze einem Gast mit Rastalocken den Kiefer einschlägt. Ich erinnere mich an judenfeindliche Sprüche. Ich erinnere mich daran, wie eine Gruppe von Freunden nachts beim Trinken aufsteht und sich gemeinsam auf den Weg macht, um einen anderen Jungen im Dorf zu verprügeln. Und zwar, weil er in ihren Augen "ein Assi war", einfach weil er "anders" war. Ich erinnere mich an Schlägereien vor Bierzelten und vor Gasthöfen. Ich erinnere mich an aggressive Stimmung und an Pöbeleien. Ich erinnere mich an den Respekt vor den Älteren, denn man wollte ja "keine aufs Maul".

Diese Vorfälle waren nicht der Alltag. Aber es gab sie. Nicht nur in Clausnitz, sondern in allen Ortschaften der Gegend.

Ich habe heute noch immer das Gefühl, viele waren sich damals gar nicht bewusst, was sie da eigentlich sagten. So als ob es einfach nur ein Spaß wäre. Ich denke an einige meiner Jugendfreunde, und ich sehe keine Nazis, sondern einfach nur naive Jungen, die eben mal mit dabeisaßen, ohne sich darüber Gedanken zu machen.

Man hätte die meisten auf der Straße nicht als rechte Sympathisanten erkannt. Die meisten waren ja auch keine. Einige andere aber schon. Und ab und an saß man mit ihnen zusammen. Viele Möglichkeiten gab es ja auch nicht - in einer Gegend, aus der einige von uns jeden Morgen über eine Stunde mit dem Bus zur Schule fahren mussten.

Die rechte Minderheit

Wenn man dies liest, hat man womöglich genau das Bild, das einem die Videos im Internet bereits bieten. Es erscheint vielleicht für einen kurzen Moment verständlich, wie einige Individuen in sozialen Medien und besonders auf der Facebookseite von Clausnitz jeden einzelnen Einwohner verbal an den Pranger stellen, jeden einzelnen Sachsen als Nazi bezeichnen, ja sogar in manchen Fällen ganz Ostdeutschland diffamieren. Aber das geht zu weit. Viel zu weit. Denn: Das, was die Videos vom Donnerstagabend zeigen, und das, was ich hier gerade beschrieben habe, das ist nur ein Teil, und zwar ein kleiner. Ein Teil - der zwar existiert -, aber diese Erfahrung auf alle anderen Menschen in der Umgebung zu übertragen, wäre genau so simpel und dumm, wie alle Flüchtlinge als Kriminelle abzustempeln.

Ich kenne mehr wunderbare Menschen in Clausnitz als solche, die man wegen ihrer braunen Gesinnung verurteilen wollen würde. Liebevolle Menschen, bescheiden, ehrlich und verantwortungsvoll. Menschen, die niemandem etwas zu leide tun und genauso wenig gegen jemanden hetzen würden. Und das gilt auch für den Rest von Sachsen.

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Und es gibt genauso Menschen im Dorf, die sich im Vorfeld bereiterklärt haben, bei der Integration der ankommenden Flüchtlinge zu helfen. Es gibt Menschen im Dorf, die das, was am Donnerstagabend geschehen ist, ablehnen. Es gibt Menschen, die wissen und anerkennen, dass es ein Problem mit rechtsextremer Gesinnung gibt, und die sich dagegen engagieren.

Aber diese sind genauso wie der rechtsextreme Teil eine Minderheit in unserer Gesellschaft. Der große Teil will damit nichts zu tun haben. Das beantwortet vielleicht auch zum Teil die Frage, warum denn so gut wie keiner etwas dagegen tut, wenn sich Vorfälle wie die vom Donnerstagabend ereignen.

Die Ignoranz der Mehrheit

Denn wenn wir ehrlich sind, leben alle in der Gegend mit einem Problem: Einer überall existierenden, oftmals unauffälligen braunen Gesinnung, die sich teilweise im Verborgenen langsam dahin entwickelt, bis sie zu solchen Vorfällen wie in Clausnitz führt. Eine Entwicklung, die viele ganz einfach nicht sehen wollen. Und die dadurch geduldet wird. Aber wenn wir auch hier wieder ehrlich sind: Ist es so schwer, genau das zu sehen? Sollte die Anzahl der jungen Leute mit Glatze und Springerstiefeln in jedem Dorf nicht eigentlich ersichtlich sein? Sind fremdenfeindliche Aussagen des Kollegen, des Freundes oder des Nachbarn nicht deutlich genug? Man muss dazu nur einmal hinschauen und zuhören.

Deswegen könnte man der Mehrheit zumindest eines ganz klar vorwerfen: ihre Ignoranz. Das Problem der rechten Gesinnung einiger Leute wird vom Rest kleingeredet, verharmlost. Man schaut weg. Man will es nicht wahrhaben. Stattdessen wird auf andere Sachverhalte verwiesen.

Von daheim lese und höre ich: "Aber die Antifa ist doch auch nicht besser!" Natürlich, Extremismus braucht keiner von uns, besonders keinen gewalttätigen. Hass und Gewalt sind keine Lösung. Aber das tut hier nichts zur Sache. Das sind Probleme in Leipzig, in Hamburg oder Frankfurt. Aber nicht in der Erzgebirgsgegend um Clausnitz. Hier gibt es keine Antifa. Hier gibt es Rechtsextremismus. Und darüber sollte man reden.

Ignoranz oder doch klammheimliche Sympathie für den Mob?

Natürlich waren genug Clausnitzer anwesend. Jeder weiß es. Wie viele, das spielt am Ende keine Rolle, denn das ganze Problem beschränkt sich nicht nur auf ein Dorf. Sehr bezeichnend ist für mich allerdings, dass einige Bekannte wirklich einfach da waren und geschaut haben. Naja, kann ich verstehen, auf dem Dorf ist das ein großes Ereignis. Aber direkt neben dem pöbelnden Mob? Ohne ein Wort zu sagen? Um dann nach Hause zu gehen, als wäre nichts gewesen?

Bildlich gesprochen, man weiß von der Gesinnung des Nachbarn, aber selbst hat man ja sonst kein Problem mit ihm, also lässt man ihn eben mal machen, wie er denkt. Oder, und das ist ein ebenso wichtiger Teil des Problems: Sympathisiert man womöglich gar insgeheim mit dieser Fremdenfeindlichkeit und will es nur nicht öffentlich kundtun? Stattdessen freut man sich darüber, dass es andere lautstark genug tun.

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Rassismus in Sachsen: Das rechte Rätsel
Einige Menschen sagen tatsächlich, sie schämen sich. Aber tun sie das sonst auch, wenn wieder einmal jemand auf der Straße steht und die rechte Hand in die Höhe streckt? Oder schauen sie weg, haben nichts gesehen?

Im November 2004 wurde die NPD in den sächsischen Landtag gewählt. Im letzten Jahr fand der größte Teil der rechten Gewalttaten gegen Flüchtlinge in Sachsen statt. Wer das nicht sehen kann oder nicht sehen will, ist nicht blind, sondern naiv und ignorant.

Vorurteile über die Fremden

In den letzten Monaten habe ich wieder ab und zu mitbekommen, wie von einigen die unglaubwürdigsten Gerüchte und Halbwahrheiten ohne Zweifel aufgenommen werden. Bei Familie, Nachbarn, Freunden. Einige Menschen sind leider anfällig für solche Geschichten, auch wenn sie schon lange in den Medien von offizieller Seite dementiert worden sind. Damit verbunden sind Ängste, Sorgen und Vorurteile, welche dann in manchen Fällen schnell zu fremdenfeindlichen Einstellungen und Aussagen werden. Und leider werden diese Ängste und Vorurteile von bekannten Politikern in Sachsen und auch speziell im Erzgebirge oftmals noch mehr angefeuert, anstatt sie aufzuklären.

Von daher könnte man - versetzt man sich in ihre Lage - viele Menschen in der Gegend in gewisser Weise verstehen, wenn sie Unbehagen beim Gedanken an Nachbarn aus einer fremden Kultur entwickeln. Im Vergleich zum Großstadt-Berliner oder -Münchner lebt man hier ein einfaches, bescheidenes Leben in der idyllischen Abgeschiedenheit auf dem Land. Man geht seinem Alltag nach. Dabei interessiert und tangiert oftmals nun einmal keine Weltpolitik sowie alles, was weit in der Ferne passiert. Warum auch? Muss es ja auch nicht.

Es wäre so gesehen eigentlich alles bestens, würde die Bundesregierung in ihrer Flüchtlingspolitik nicht einfach etwas entscheiden, das einen nun plötzlich doch hautnah betrifft. Und das alles, ohne dass man überhaupt gefragt wird.

Die Missgunst der Dauernörgler

Dass die Koordination und die Verteilung Hunderttausender ankommender Leute eine große Herausforderung ist, braucht man nicht zu bezweifeln. Natürlich kommt es da zu Informationsengpässen. Dass die Bewohner unzufrieden sind, kein Mitspracherecht zu erhalten, ist jedoch auch nicht verwunderlich.

Trotzdem, wenn ich so mit einigen Leuten darüber spreche, wirkt deren Aufregung über die ankommenden Flüchtlinge immer noch etwas kindisch. Etwa, wenn ich höre "Ja, aber denen wird doch alles in den Arsch gesteckt! Und wir? Wir müssen sehen, wie wir zurechtkommen!" Und besonders, wenn ich betrachte, wie die Situation davor war, "vor den Flüchtlingen". Denn auch da wurde von einigen Personen schon immer gejammert, gelästert, niemandem etwas gegönnt. Sei es das Arbeitslosengeld der Nachbarn, das neue Auto des Kollegen oder einfach so.

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Flüchtlinge als Geschäft: Clausnitz als Container-Lieferant
Es scheint, als wären einige Menschen von Grund auf regelrecht immer unzufrieden, egal was man ihnen anbietet. Sie sehen, dass es jemand anderem gut geht, und sie wollen es auch. Sie werden vom Neid zerfressen. Aber Neid worauf? Es gibt hier einige, die denken, Flüchtlinge könnten sich auf Grund des "vielen ihnen bewilligten Geldes" teure Markenklamotten in Massen leisten, weil einige von ihnen ein Adidas-T-Shirt aus den Spenden anderer Bürger bekommen haben. Aber noch viel schlimmer: Sie denken tatsächlich, ihr Leben wäre plötzlich schlechter gestellt, weil da ein paar Leute kommen und 500 Meter weiter ein Haus beziehen.

Das Leben keiner einzigen Person ändert sich dadurch, ob diese Wohnungen belegt sind oder nicht. Der eigene Fernseher im Wohnzimmer bleibt der gleiche, egal ob die Flüchtlingsfamilie einen neuen Elektroherd bekommt oder nicht. Und der Fernseher wäre auch der gleiche geblieben, wenn niemand nach Clausnitz gekommen wäre.

Ich habe das Gefühl, dass jene, die so fühlen, nicht in der Lage sind, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, für ihre eigenen Probleme. Sie werden immer unzufrieden sein und sie werden die Schuld dafür nie bei sich selbst suchen, sondern immer bei anderen. Immer. Bei "denen da oben", bei "den Ausländern, den Flüchtlingen, den Andersartigen, die nicht so sind wie wir und die hierherkommen und uns alles wegnehmen".

Die Verdrängung der Realität

Für mich klingt es oft wie Realitätsverdrängung. Denn wenn wir realistisch sind, müssen wir uns alle eines eingestehen - auch jeder, der am Donnerstagabend in Clausnitz war: Uns geht es gut. Uns geht es besser als dem Großteil der Menschheit auf diesem Planeten. Wir leben in einem stets größer werdenden materiellen Wohlstand. Wie viel mehr jeder einzelne besitzt als vor 10, 20 oder 30 Jahren, das könnte man auch zu schätzen wissen, anstatt sich darüber aufzuregen, dass der Rasen des Nachbarn manchmal grüner ist.

Und natürlich, viele von uns mögen in unserem kleinen Alltag gar nichts mit dem zu tun haben, was weit entfernt im Mittleren Osten passiert. Wir mögen nicht für die Unterdrückung von Menschen in anderen Ländern verantwortlich sein. Aber es sind auch unsere Politik und unser ressourcenintensiver Lebensstandard, die Probleme in weiter Ferne produzieren. Die Welt ändert sich und ob wir wollen oder nicht, sie wird es weiter tun. Und egal ob rechte Sympathisanten im Erzgebirge es wollen oder nicht, ihr hochgepriesenes Deutschland trägt auch dabei Verantwortung. Ebenfalls dann noch, wenn viele das nicht wahrhaben wollen.

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Die Realitätsverdrängung spiegelt sich auch in einem anderen Sachverhalt wider, der mich stört. Ich würde annehmen, dass der Großteil der Menschen im Erzgebirge - so wie ich selbst - im eigenen Freundeskreis und in der eigenen Familie Leute kennt, die vor drei Jahrzehnten vorm DDR-Regime nach Westdeutschland geflohen sind. Was hat man diesen damals gewünscht? Dass sie dort wie am Donnerstagabend in Clausnitz empfangen worden wären, dass sie "dorthin zurückgeschickt worden wären, wo sie herkamen", um dann zurück im Osten von der Stasi festgenommen zu werden? Ich glaube nicht.

Ich glaube, dass viele Menschen daheim - so wie ich - Nachbarn haben und hatten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund ihrer deutschen Nationalität aus Polen teils gewaltsam vertrieben wurden, die Furchtbares durchmachen mussten. Hätte man denen, die die Strapazen überlebten, gewünscht, so wie am Donnerstagabend in Clausnitz empfangen zu werden und dann in ständiger Angst zu leben, irgendwann nachts in einem brennenden Haus aufzuwachen? Ich glaube nicht. Es wäre wünschenswert, dass sich einige Menschen genau diese Dinge einmal wieder vor Augen führen, anstatt sie zu vergessen oder gar zu verdrängen.

Das Recht auf eine andere Meinung

Das alles gesagt, muss man trotz alledem noch eines anmerken. Und zwar, dass es nach wie vor vollkommen legitim ist, eine Meinung zu haben. Dass es vollkommen legitim ist, sich ungerecht behandelt zu fühlen und das auch auszusprechen. Dass es vollkommen legitim ist, zu sagen, man selbst möchte nicht helfen, man selbst wolle keine Flüchtlinge unterstützen, zu sagen, man fühle sich unwohl damit, man hätte Bedenken. Unter den ankommenden Flüchtlingen mögen genauso Individuen sein, die viele nicht da haben möchten, wie solche, denen man doch helfen möchte, wenn man sich ihre Lage vor Augen führt. Auch das zu verschweigen, wäre naiv.

Aber auch wenn man ein unüberwindbares, inneres Problem damit hat, dass viele andere von uns diesen Menschen hier Schutz bieten möchten: Dann lässt man es entweder einfach und hält sich heraus. Oder man sammelt Unterschriften, man bietet alternative Lösungsvorschläge, was auch immer. Aber sich mit einer aggressiven Meute am Donnerstagabend ohne Anmeldung zu versammeln, zu hetzen, rechte Parolen zu grölen, Flüchtlinge und Flüchtlingshelfer einzuschüchtern, die Polizei zu behindern? Es gibt Grenzen. Und diese werden bei Vorfällen wie in Clausnitz überschritten.

Der Trotz der geschmähten Demonstranten

In vielen Berichterstattungen sowie sozialen Medien werden die Menschen vom Donnerstagabend angefeindet. Viele Kommentare könnte man wohl in etwa zusammenfassen wie "Schämt euch! Wie könnt ihr nur?! Ihr habt den Namen Eures Dorfes in den Dreck gezogen. Es wird schwer sein, da wieder herauszukommen." Habe ich das Gefühl, dass dies etwas bringt? Um ehrlich zu sein: Nein.

Jenen, die in Clausnitz gemeinsam gegrölt haben - ich glaube, es ist ihnen scheißegal. Ich glaube, sie stehen dazu und sind mehr stolz darauf, als dass sie sich schämen würden. Und ich glaube, jegliche Kritik sehen sie nicht als Grund zum Zweifel, sondern als Bestätigung.

Ein Artikel in "Der Freitag" formulierte dies sehr passend: "Meinungen kann man nicht verbieten. Meinungen muss man bilden. Mit Hass gegen Hass wird das nicht gelingen. (…) Wir vergewissern uns der Richtigkeit unserer Meinung in unserem Umfeld und die machen es genauso. Allerdings in ihrem."

Hoffnung für das Erzgebirge

Was man also tun sollte? Wenn ich ehrlich bin: Ich habe keine Antwort. So wie auch zuvor nicht. Und solange die in Sachsen bestehende und etablierte Politik die Zustände nicht erkennen will, solange sie diese Zustände bewusst kleinredet, solange viele im Rechtsextremismus insgeheim kein Problem sehen wollen, solange wird es sehr schwierig.

Aber es gibt mir zu hoffen, dass es in Sachsen viele Menschen gibt, die diese Missstände verurteilen, die sich damit unwohl fühlen, und die sich fragen, ob es irgendwann möglich ist, sich auch hier überall in einer toleranteren, weltoffeneren Gesellschaft zu Hause zu fühlen.

Ich würde mir wünschen, dass sich viele Menschen daheim fragen: "Machen diese rechtspolitischen Gesinnungen unser Leben besser?" Und dass diejenigen, die diese Frage klar mit Nein beantworten können, sich offen gegen rechtsextreme sowie rassistische Äußerungen und Motive aussprechen. Dass sie dazu stehen. Dass sie sich nicht von plumpen Sprüchen und Ideen einnehmen lassen. Dass sie dazu beitragen, dass Clausnitz und das Erzgebirge ein schöner Ort bleiben. Und keiner, der irgendwann in der braunen Falle versinkt.

Zum Schluss bleibt mir noch persönlich zu sagen: Ich kenne die Häuser gut, in welchen sich die Flüchtlinge nun befinden. Ich spaziere regelmäßig daran vorbei. In habe einen Teil meines Lebens in diesen Häusern verbracht, bei meiner Großmutter, meinem Onkel und Freunden von mir. Ich wäre froh darüber, wenn diese Häuser einen nützlichen Zweck finden.

Dieser Gastbeitrag ist eine stark gekürzte und überarbeitete Version des Blogeintrags "Ein Kommentar zur 'Schande von Clausnitz' aus der Sicht eines Clausnitzers" von Mirko Lieber, veröffentlicht am 23. Februar 2016. Das Original finden Sie hier.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 224 Beiträge
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Seite 1
hi_ma 25.02.2016
1. Clausnitz wird hier hochgejubelt wie ehemals Sebnitz
Und wird genauso blamabel für die meiden enden. Was ist geschehen. Bürger haben gegen einen Vorgang protestiert. Und? Das dürfen die. Das nennt man Demokratie! Autokratie hingegen ist es, wenn man Meinungsäusserungen unterdrückt. Durch Einschüchterung und Zensur.
branzkuebel 25.02.2016
2. Die Ignoranz der Mehrheit
Ein guter Artikel, der einen aber auch etwas ratlos zurücklässt. Ich sehe das auch so, dass die Ignoranz der Mehrheit das eigentliche Problem ist. Ich hatte mein persönliches Erweckungserlebnis bereits vor einigen Jahren. Ich war mit Geschäftsfreunden aus dem katholischen Münsterland in einem Restaurant in Chemnitz essen. An einem der Nachbartische saßen ein paar junge Männer beim Bier. Als es ihnen zu warm wurde zogen sie die Jacken aus und zum Vorschein kamen schwarze T-Shirts mit der Runen-Beschriftung auf dem Rücken: NPD-Kameradschaft Chemnitz. Meine Gäste schauten sich entgeistert um und nach einer Weile äußerten sie ihr Unverständnis, dass der Kneiper die Jungs nicht einfach vor die Tür setzt. Und dass es scheinbar überhaupt niemanden interessierte von den vielen Gästen. Natürlich gibt es in NRW genauso einen rechten Bodensatz wie in Sachsen. Aber der Unterschied ist, dass man hierzulande seine rechte Gesinnung problemlos in der Öffentlichkeit kundtun kann, ohne jegliche Konsequenz. Das ist das wahre Problem und alle die sich über das grassierende Sachsen-Bashing aufregen, sollten das mal bedenken.
patras 25.02.2016
3. Klar
Bürger haben protestiert. Das gehört in die Kategorie Verharmlosung von rechtem Gedankengut und rechter Form der Meinungsäußerung. Klar, und die 100 Leute repräsentieren das Volk, haben ja laut genug gerufen: "Wir sind das Volk, wir sind das Volk,...." Und was sind wir dann? Ich meine, die überwiegende Mehrheit?
tomxxx 25.02.2016
4. Mal ganz ehrlich...
das Ereignis hätte jederzeit auch in Dortmund, oder, oder, oder passieren können. Das Thema, dass da auch die Flüchtlinge gut nachgelegt haben... ist auch nicht mehr relevant? Aber ohne Einteilung in gut und böse mit 1 klaren Bösen gehts halt nicht mehr! Warum eigentlich?
Luxinsilvae 25.02.2016
5. In der Tat, ...
Zitat von hi_maUnd wird genauso blamabel für die meiden enden. Was ist geschehen. Bürger haben gegen einen Vorgang protestiert. Und? Das dürfen die. Das nennt man Demokratie! Autokratie hingegen ist es, wenn man Meinungsäusserungen unterdrückt. Durch Einschüchterung und Zensur.
... dass ständige Hochjazzen von Clausnitz zeigt, wie sprachlos die Medien hinsichtlich des eigentlichen Themas sind. Gestern versuchte Carmen Miosga völlig über- und aufgedreht in den Tagesthemen den österreichischen Außenminister in den Senkel zu stellen. Man habe "die Seiten gewechselt." Dieser blieb aber ganz ruhig und stellte klar, wer sich in Europa isoliert hat. Danach gab es auf dem ZDF bei Maischberger Herrn Laschet, der allen Ernstes erklärte, Frau Merkel habe ja keine Flüchtlinge eingeladen ("keine Obergrenzen"?), sondern nur auf Budapest (das waren vier Tage im September) reagiert. Kein Wort mehr, zum völligen Freidrehen von Teilen der Politik und der Journallie. Zur Sprach- und Konzeptlosigkeit. Aber bitte, dafür den 14. Artikel zu Clausnitz. So einfach kann man es sich machen.
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