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Busattacke in Clausnitz: Ein Dorf wundert sich

Von , Clausnitz

Busattacke in Clausnitz: Ein Ort im Osterzgebirge Fotos
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Die Clausnitzer fragen sich, was in ihrem Ort passiert ist. Nur wenige verurteilen den Brüllangriff auf Flüchtlinge, die meisten reden das Geschehene klein - auch Heimleiter Thomas Hetze, der AfD-Mitglied ist.

Es gibt viele unschöne Sätze zu hören, wenn man mit den Menschen in Rechenberg-Bienenmühle über die Flüchtlingsbus-Attacke im Ortsteil Clausnitz spricht.

Am schwersten zu ertragen aber ist ihre Verwunderung.

Ein wütender Mob von bis zu hundert Leuten tobte am Donnerstagabend vor einem Bus mit 15 Neuankömmlingen, die in Deutschland Zuflucht suchen. Das Gebrüll verängstigte die Businsassen dermaßen, dass sie sich zwei Stunden lang nicht aus dem Fahrzeug trauten. Schließlich mussten Polizisten sie in ihre neue Unterkunft tragen.

Video: Flüchtlinge berichten, wie sie den Vorfall erlebt haben

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Niemand in dem Erzgebirge-Ort Rechenberg-Bienenmühle streitet ab, dass das so vorgefallen ist. Es gibt - zum Glück - ein Video. Aber warum sich nun so viele Leute aufregen? Warum Reporter in den Ort kommen? Die Einwohner verstehen es nicht. Viel eher verstehen sie schon, dass sich da Leute aufgemacht haben, um Flüchtlingen Angst einzujagen.

Ein Kind gewürgt? "Einfacher Zwang"

Die Männermeute schrie so laut "Wir sind das Volk" und "Haut ab", dass ein Junge vorne im Bus in Tränen ausbrach. Der Junge heißt Ramzi, kommt aus dem Libanon und ist 13 Jahre alt. Sein Bruder, Luai, ist 15. Ihn schleifte ein Polizist im Würgegriff aus dem Bus, weil er nicht aussteigen wollte. Zu sehen ist diese Szene in der langen Version des Videos, und die bringt jetzt auch die sächsische Polizei in Erklärungsnot.

Zuerst standen nur zwei ältere Polizeibeamte da, als der Bus ankam, erzählt einer, der dabei war. Der Mob war da, der Bus mit 15 Menschen kam, und dann ging so lange nichts, bis weitere Beamte kamen und den Bus räumten.

Im Video - Wie die Polizei mit den Businsassen umgeht:

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Die sächsische Polizei rechtfertigt das Gezerre, das Schieben und den Würgegriff als "einfachen Zwang" - das Haus sei nun mal der sicherste Ort gewesen. Der Einsatz sei "verhältnismäßig" gelaufen. Weil sich Businsassen den Beamten widersetzt haben sollen, kündigt der Polizeipräsident sogar Ermittlungen gegen einzelne Flüchtlinge an.

Clausnitz und Rechenberg-Bienenmühle stehen nun auf der langen Liste verrufener, sächsischer Orte. Bei rechtsmotivierten Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte liegt Sachsen bundesweit auf Rang zwei. Solche Taten kommen hier bezogen auf die Wohnbevölkerung etwa doppelt so häufig vor wie im deutschen Durchschnitt. Jeder zehnte Übergriff fand 2015 in Sachsen statt, wo nur jeder zwanzigste Deutsche lebt.

Ein paar Helfer und Anwohner nennen die Geschehnisse von Clausnitz am Samstag scheußlich und schändlich, aber es sind wenige. Die Verantwortlichen - vom Bürgermeister Michael Funke, der die erwartete Ankunft der Flüchtlinge am Donnerstagmittag öffentlich bekannt gemacht hatte, über den Heimleiter Thomas Hetze bis zum Wachdienst - sagen sinngemäß alle das Gleiche: Es werde viel aufgebauscht und übertrieben.

Angst vor Mördern

Nie würde er mit den Flüchtlingen einen Tee trinken, sagt ein Rentner an seiner Haustür unweit des Heims. Die müssten erst ihre Religion ablegen, dann könne man über ein Willkommen reden. Muslime sind für ihn Mörder, die darf es in seinem Sachsen nicht geben.

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Flüchtlingsunterkunft: Fremdenhass in Clausnitz

Die libanesische Familie um Ramzi, Luai und ihren Vater Majidi erklärt, sie sei vor Salafisten aus dem Libanon geflohen. Vater und Söhne hatten Angst vor muslimischen Mördern, genau wie der sture Herr, der die Straße runter wohnt. Sohn Luai, seit drei Monaten in Deutschland, übersetzt für seinen Papa.

Vorgestern noch im Würgegriff eines deutschen Polizisten, lacht er wieder und ist stolz auf seine Sprachkenntnisse. Doch abends, erzählt er, weint er sich in den Schlaf, wenn er Bilder von seiner Mutter sieht, die noch im Libanon getrennt von der Familie lebt.

Während die vier Syrerinnen, drei Libanesen, zwei Afghanen und sechs Iraner in den kleinen Wohnblocks am Ortsrand beisammensitzen, steht Heimleiter Thomas Hetze in der offenen Haustür, an der sich die brutale Szene am Donnerstag abgespielt hat. Er lächelt und schaut drein wie ein rosiger Jugendherbergsvater. Alles in Ordnung hier? Hetze sagt, dass er hier nichts über die Unterkunft und die Bewohner sagen darf. Verbot vom Landratsamt.

Dabei ist der Mann Hobbypolitiker, andernorts redet er gerne und viel - und dabei auch viel krudes Zeug: Heimleiter Hetze, zuständig für das Wohl von Flüchtlingen in einem feindseligen Ort, ist Mitglied der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD).

Nur von irgendwem gehört

Es existiert ein Redemanuskript Hetzes, die Ansprache hielt er Anfang November auf einer AfD-Kundgebung. Darin warnt er vor einem "ungezügelten 100.000-fachen Einmarsch von Wirtschaftsflüchtlingen". Dahinter stehe ein "amerikanischer Masterplan", der auf "Destabilisierung des Nordens von Afrika und des Nahen Ostens" abziele. So sei ein "Flüchtlingsstrom" entstanden, der Europa schwächen solle. Hetze sorgt sich laut Redemanuskript, weil "die oberste Regierung absichtlich gegen Deutschland und deren Einwohner arbeitet".

Zweimal wollte der Ingenieur Hetze Bürgermeister werden, zuletzt 2015 auf FDP-Ticket. Dieselbe örtliche FDP, die im November die AfD-Vorsitzende Frauke Petry einlud, um in einem Gasthof nur wenige Hundert Meter von Hetzes Wohnhaus entfernt zu sprechen. "Herbstoffensive" nannte die AfD das damals.

Auf den Straßen von Clausnitz hört man von Bürgern immer wieder Variationen von Hetzes Rede. "Die Amis", "der Islamismus", "die Berliner Politik", pauschale Verschwörungsmuster erklären hier alles, was nicht passt. Und alle haben nur von irgendwem von der Schreiattacke vom Donnerstagabend gehört, keiner will da gewesen sein. Und aus dem Ort, aus Rechenberg-Bienenmühle, waren die Krakeeler ganz sicher nicht. Die meisten seien wohl angereist.

Die Linie hält Bürgermeister Michael Funke nicht durch. Er sagt SPIEGEL ONLINE, er sei am Donnerstagabend an der Unterkunft gewesen, "um die Leute zu empfangen". Alles werde nun "viel dramatischer dargestellt als es eben ist". Er habe nur "zehn, vielleicht ein paar mehr" von den Krakeelern gekannt. Also doch rassistische Clausnitzer Bürger, keine Krawallmacher aus der Umgebung?

Funke hat keine Zeit mehr. Durch den Haustürspalt sagt er noch: Er habe Gäste.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Sachsen sei bei rechten Straftaten führend und jeder vierte Übergriff bundesweit finde dort statt. Diese Angabe beruhte auf Recherchen der "Tageszeitung" ("Fremdenfeindliche Gewalt in Deutschland: Sachsen ist Spitzenreiter"). Auf Basis der beim Bundesinnenministerium geführten Statistik belegt Sachsen nach dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen Rang zwei bei Übergriffen auf Flüchtlingsheime. Wir haben uns entschlossen, die Stelle den amtlichen Zahlen anzupassen.

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