Proteste gegen Asylunterkunft in Clausnitz Neue Videosequenz zeigt Fehlverhalten der Polizei

Im sächsischen Clausnitz blockiert eine wütende Meute einen Bus mit Flüchtlingen - dieses Video nannte der Innenminister des Landes beschämend. Jetzt zeigen weitere Szenen, wie unangemessen sich auch die Polizei verhielt.

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Auf Facebook schreibt die sächsische Polizei: "Es ist nicht hinnehmbar für uns, was dort passiert ist". Und: "Wir als Polizei müssen die Neutralität in unseren Einsätzen wahren. Das fällt uns in dieser Situationen wirklich schwer."

"Diese Situation" - damit sind Szenen vor einer Asylunterkunft in der Ortschaft Clausnitz gemeint. Es gibt ein Video, das zeigt, wie am Donnerstagabend rund hundert Personen einen Bus mit Flüchtlingen blockieren. Mehr als anderthalb Stunden lang verhinderte der Mob, dass die Hilfesuchenden die neue Asylunterkunft betreten konnten. Dieses Video ist im Internet inzwischen hunderttausendfach angeklickt worden.

Doch das war nur ein Ausschnitt aus einer längeren Sequenz. Das ganze Video zeigt das Verhalten der Beamten vor Ort - und stellt die Darstellung der sächsischen Polizei auf Facebook infrage.

Nun ist nämlich auch zu sehen, wie die Polizei die Flüchtlinge aus dem Bus mit der Aufschrift "Reisegenuss" zerrt. Ein Junge ist offensichtlich den Tränen nahe, eine Frau mit Kopftuch schimpft und spuckt von innen gegen die Scheibe. Ein Beamter packt dabei einen anderen sichtlich verängstigten Jungen im Nacken und zerrt ihn unter dem Gegröle der umstehenden Ausländerfeinde in die Unterkunft. Der Eindruck, der sich beim Blick auf die Bilder aufdrängt: Die Polizei geht rabiat mit den bedrohten Flüchtlingen um, die umstehende Menge darf ungestraft geifern und die Ankommenden einschüchtern.

Die zuständigen Beamten der Polizei in Chemnitz wollten zu den Videoaufnahmen nicht Stellung nehmen. Das Innenministerium in Dresden ließ eine Anfrage bislang unbeantwortet, äußerte sich jedoch per Pressemitteilung: "Ich habe mir das Video angesehen", so Innenminister Markus Ulbig. "Die Bilder sprechen ihre Sprache. Das Innenministerium wird den Einsatz der Polizeidirektion Chemnitz mit allen Beteiligten umgehend auswerten. Erst dann können wir Konsequenzen ziehen."

Zuvor hatte Sachsens Innenminister die Ereignisse in Clausnitz als "zutiefst beschämend" bezeichnet. Dabei bezog er sich jedoch auf das Verhalten der pöbelnden Demonstranten - nicht auf das Vorgehen der Polizei.

Ein Augenzeuge sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Eine Frau ist im Heim erst mal zusammengebrochen und musste aufgepäppelt werden. Viele Frauen haben geweint. Mir wurde einfach nur schlecht. Ich dachte, ich erkenne die Leute von hier nicht wieder. Das waren keine klassischen Rechtsextremen mit Glatze und Springerstiefel, sondern solche Neurechten."

Die wütenden Leute vor dem Bus hätten geschrien: "Mal sehen, was hier für Ungeziefer aussteigt!", "Weg mit dem Gelumpe!" oder "Asylantengesindel!"

Das widerspricht den Aussagen des Bürgermeisters des Ortes Rechenberg-Bienenmühle. Michael Funke (parteilos) sagte gegenüber der Lokalzeitung "Freien Presse", er schäme sich wegen der Blockade im Ortsteil seiner Gemeinde. Gleichzeitig betonte er: Der Großteil der Menge sei an diesem Abend "nicht auf Krawall gebürstet" gewesen. Gegen Flüchtlinge habe sich der Protest nicht gerichtet: "Es ging um die große Politik und nicht um die Menschen an sich", so Funke.

syd

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