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30. April 2008, 16:53 Uhr

Clement und Herzog

Anklageschrift der frustrierten Ruck-Redner

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"Mut zum Handeln" wollen Roman Herzog und Wolfgang Clement mit ihrem neuen Buch machen. Doch die prominenten Ruck-Redner fühlen den Zeitgeist gegen sich - ihre Klage ist eine bittere Frage: Wieso nur hat das Land keine Lust mehr auf Reformen?

Berlin - Am Morgen gibt die Bundesagentur für Arbeit einen neuen Tiefstand in der Arbeitslosenstatistik bekannt: 8,1 Prozent. Die Wendung zum Besseren?

Am späten Vormittag sitzen Roman Herzog, Wolfgang Clement und andere aus dem "Konvent für Deutschland" in der Bundespressekonferenz. Sie stellen ein neues Buch vor: "Mut zum Handeln".

Herzog, Clement: Ein "Weckruf" für Deutschland
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Herzog, Clement: Ein "Weckruf" für Deutschland

Der Raum hat keine Fenster. Die Pressekonferenz könnte 1998 sein, kurz vor dem Ende der Kohl-Ära. Oder mitten in der rot-grünen Phase Gerhard Schröders. Sie fällt aber auf den letzten Apriltag 2008, Merkel-Zeit. Der Ex-Bundesarbeitsminister sagt gleich zu Beginn, warum er am Buch mitgewirkt hat. Es sei ein "Weckruf", um Deutschland aus der derzeitigen Reformstarre "zu befreien".

Dann gibt der SPD-Mann noch vier Regeln für eine "Neuorientierung" mit auf den Weg. Eine ist bemerkenswert. Clement hat, als er noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war und später im Bundeskabinett, nicht viel übrig gehabt für die Grünen. Jetzt gibt er sich milde. Mehr Rotation in den Parlamenten will er. Das Prinzip habe er erst so richtig verstanden, als "die Grünen sich davon verabschiedeten". Sagt der Ex-Minister und lächelt in sich hinein.

Die Bürger wollen keinen Ruck - sondern ihre Ruhe

Das Konvent ist eine Art Beratergremium. Manches, was hier gedacht wird, hat auch Eingang gefunden in die Politik. Etwa bei der Föderalismusreform. Er ist vor allem aber eine Art Klagemauer für jene, die nicht mehr aktiv in der Politik sind. Das Buch besteht aus 28 Interviews von Journalisten und Chefredakteuren mit Prominenten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft. Es ist eine Art Selbstgespräch der obersten Etage der Republik. Ein Stell-Dich-Ein der Mahner, wie sie der Bürger Wochenende für Wochenende in den Talk-Shows erleben darf. Herzog und Clement haben noch nicht alle 621 Seiten gelesen, wie sie freimütig bekennen. Auch die anderen Podiumsteilnehmer nicht, nicht Hans-Olaf Henkel, nicht Jürgen Großmann, der Vorstandschef des Energieriesen RWE AG.

Großmann zitiert gleich eingangs Franz Kafka, den Schriftsteller. Ein Buch solle "die Axt in dem gefrorenen Meer in uns sein". Der Saal horcht auf. Dann weist Großmann auf das Werk vor ihm. Es sieht nicht danach aus, als würde es eines Tages noch in Erinnerung sein, wenn die Erinnerung an Kafka noch immer lebendig ist. Der Bürger stelle solche Bücher ins Regal, sagt er. Denn er wolle "keine Axt, er will seine Ruhe". Dann setzt Großmann zu einem Vortrag an. Er dauert lange, sehr lange. In den Schilderungen des Managers wird Deutschland zu einem Land des Stillstands, der Ängstlichen, der Mutlosen und Eskapisten. Was stehe auf der Bestsellerliste seit Monaten? "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling. Sie aber hier auf dem Podium - Großmann weist nach rechts und links - sie wollten nicht weg, "wir wollen hier sein".

Nach so viel Frust kann Thomas Schmid, Chefredakteur der "Welt", immerhin ein klitzekleines Hoffnungsblinken setzen. Seit Roman Herzogs Rede vom Ruck, der durchs Land gehen solle, seien elf Jahre vergangen. "Es hat sich eine ganze Menge getan", konstatiert er.

Anderthalb Stunden geht es durch die Malaise der Republik

Ex-Bundespräsident Roman Herzog aber hat so seine eigenen Erfahrungen mit seiner Ruck-Rede gemacht. Wo er hinkomme, werde er darauf angesprochen, um dann festzustellen, dass die Menschen davon eigentlich nichts mehr hören wollten.

Erst kürzlich hat er, nach der Rentenerhöhung der Großen Koalition, wieder einmal mächtig die politische Debatte aufgemischt. In der "Bild"-Zeitung hat er davon gesprochen, dass am Ende die Älteren die Jüngeren "ausplündern" könnten. Es hat ihm viel Kritik eingebracht, auch aus seiner eigenen Partei, der CDU.

Herzog hat seine Rentenäußerungen nicht im Namen des Konvents getan, das will er zunächst einmal festhalten. "Ich äußere mich, wozu ich es für richtig halte", sagt er trotzig. Er wolle das Wort vom "Ausplündern" gar nicht mehr gebrauchen, plaudert er dann verschmitzt weiter, denn das "Ausplündern" sei ja an sich "ein ganz ehrenwertes Handwerk gewesen". Man müsse aber doch darüber reden können, ob die Älteren die Jüngeren "nicht allzusehr heranziehen".

Fast eineinhalb Stunden lang geht es so durch die Malaise der Republik. Vom Klimaschutz über das neue Fünfer-Parteien-System (Herzog: "Sehe ich mit freundlichem Interesse, aber nicht ohne Sorge") bis zur Kanzlerin (Clement: "Sie ist die Kanzlerin einer Großen Koalition, die nicht entschlossen ist, zu reformieren").

War da noch was? Ach ja, die Hungerkrise. Auch da raunt es düster durch die Welt der Mutigen. Wenn der Anstieg der Lebensmittelpreise so sei wie beim Ölpreis, dann "werden wir ziemlich schnell barfuß im Nachthemd durch die Republik laufen". Sagt Herzog.

Aber noch ist es nicht so weit. Zum Glück. Die Häppchen nach der Buchpräsentation, sie waren kostenlos.


Roman Herzog, Wolfgang Clement, u.a.: Mut zum Handeln, Campus-Verlag, 39,90 Euro

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