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CO2-Debatte: Verheugen warnt vor Hysterie beim Klimaschutz

EU-Kommissar Günter Verheugen hat sich gegen "hysterischen Aktionismus" in der Klimadebatte ausgesprochen. Europa verursache nur einen geringen Teil des globalen CO2-Ausstoßes, die Autoindustrie dürfe nicht zum Sündenbock gemacht werden. Umweltminister Sigmar Gabriel plädierte für freiwillige Klimaabgaben bei Flugreisen.

Hamburg/Berlin – Verheugen hält den teils hitzig geführten Streit um mehr Klimaschutz für überzogen. Zwar müsse der Klimawandel "an allen Fronten" bekämpft werden, sagte Verheugen der Zeitung "Bild am Sonntag" und fügte hinzu: "Wir dürfen aber auch nicht in hysterischen Aktionismus verfallen." Europa verursache "nur einen relativ geringen Teil der weltweiten CO2-Belastung - Tendenz sinkend", betonte Verheugen. "Und an den C02-Emissionen wiederum haben Pkw einen außerordentlich kleinen Anteil."

EU-Kommissar Verheugen: "Autoindustrie nicht zum alleinigen Sündenbock machen"
DPA

EU-Kommissar Verheugen: "Autoindustrie nicht zum alleinigen Sündenbock machen"

Der Vizepräsident der EU-Kommission äußerte die Sorge, "dass wir die europäische Autoindustrie - ein Kronjuwel der europäischen Industrie - zum alleinigen Sündenbock machen". Er unterstrich: "Die Deutschen waren immer stolz darauf, dass sie die besten Autos der Welt bauen und das zu recht. Deshalb wundere ich mich ein bisschen, dass sie ihre Autos auf einmal verteufeln."

Der SPD-Politiker beklagte: "Wir haben immer diese merkwürdigen Wellen. Vor zwei Jahren hieß es: Jobs, Jobs, Jobs! Jetzt heißt es: Klima, Klima, Klima! In Wahrheit kommt es darauf an, beides zu verbinden: Klimaschutz kann man nur sinnvoll betreiben, wenn man gleichzeitig die eigene Wettbewerbsfähigkeit sichert."

Beim Vorhaben der EU-Kommission, den Kohlendioxidausstoß von Neuwagen auf durchschnittlich 120 Gramm pro Kilometer zu senken, müsse "berücksichtigt werden, dass die Hersteller unterschiedliche Modellpaletten haben", forderte Verheugen. "Was wir vorschlagen, bringt uns in punkto Umweltfreundlichkeit von Autos für lange Zeit an die Weltspitze, denn wir wollen Autos exportieren und nicht Arbeitsplätze. Ich warne deshalb vor einer Politik, die die Produktion größerer Autos aus der EU vertreibt."

Tempolimit 130 auf Autobahnen

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich für ein Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen. "Ich habe nichts gegen ein Tempolimit", sagte er der "Welt am Sonntag" und begründete dies nicht etwa mit dem Kampf gegen CO2, sondern mit der notwendigen Rettung von Menschenleben. Ein Tempolimit würde dazu führen, "dass die schweren Verletzungen, Unfälle, Schädelhirntraumata und Todesfälle deutlich abnehmen. Das ist ein Grund, warum man für ein Tempolimit sein sollte", sagte der SPD-Politiker der Zeitung.

Ein Tempolimit aus CO2-Gründen birgt nach den Worten des Ministers die "ganz große Gefahr, dass die Republik sich darüber streitet und die Autoindustrie sich still und heimlich verdrücken kann". Dies sei nicht sein Weg. Wenn die Automobilindustrie nicht freiwillig die CO2-Emissionen reduziere, werde es ein Gesetz auf europäischer Ebene geben.

Gabriel rief die Deutschen zugleich dazu auf, für ihre Flüge eine freiwillige Abgabe zu zahlen, mit der Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern unterstützt werden. "Flüge lassen sich nicht immer vermeiden. Aber jeder kann etwas dazu beitragen, sie klimafreundlicher zu gestalten, etwa über eine Kompensation bei 'Atmosfair'", sagte Gabriel der "Berliner Zeitung".

Urlaub in Deutschland, um Klima zu schützen

Der Minister will die Fluglinien ferner zum Emissionshandel verpflichten. "Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft setzt sich dafür ein, den Flugverkehr in den Emissionshandel einzubeziehen", zitierte das Blatt den SPD-Politiker.

Die Grünen fordern laut Fraktionschefin Renate Künast zudem eine europaweite Steuer auf Flugbenzin. "Fliegen zum Taxipreis geht doch nur, weil die Fluglinien keine Steuer auf den Treibstoff zahlen, während die umweltfreundliche Bahn dies tut", sagte Künast der Zeitung.

Experten riefen Ferienreisende zum Urlaub im eigenen Land auf. Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, sagte: "Wir sollten für den Klimaschutz auch über unsere Reisegewohnheiten nachdenken. Wer mit dem Flugzeug nach Südostasien reise, sollte wissen, dass dabei mehr als sechs Tonnen Kohlendioxid pro Kopf entstehen."

"Wer etwas für den Klimaschutz tun will, sollte Flugreisen vermeiden und in Deutschland Urlaub machen", mahnte auch der Tourismus- und Klimaexperte des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Manfred Stock. Die Flugzeuge gehören nach den Worten Stocks zu den umweltschädlichsten Verkehrsträgern überhaupt.

hda/ddp/AP

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