AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2014

Hadern mit Deutschland Cohn-Bendit beklagt "Unerbittlichkeit und Härte"

Mit der Europawahl verabschiedet sich Daniel Cohn-Bendit aus der Politik. Die Entscheidung, verriet der Grünen-Politiker dem SPIEGEL, stand vorher. Doch auch die in Deutschland mit "viel Unerbittlichkeit" geführte Debatte über seine Schriften zur Sexualität mit Kindern habe ihn "sehr getroffen".

Cohn-Bendit: APO-Ikone, prägende Figur der europäischen Grünen - und zuletzt wegen umstrittener Schriften aus den siebziger Jahren in der Kritik
DPA

Cohn-Bendit: APO-Ikone, prägende Figur der europäischen Grünen - und zuletzt wegen umstrittener Schriften aus den siebziger Jahren in der Kritik


Hamburg - Der Grünen-Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit, 68, äußert sich zum Abschied aus der aktiven Politik zwiespältig über sein Verhältnis zu Deutschland. Dem SPIEGEL sagte der Politiker, der voriges Jahr fürkontroverse Schriften über Sexualität mit Kindern in die Kritik geraten war: "Die Entscheidung zum Rückzug aus der Politik fiel vorher. Aber die Pädophilie-Debatte hat für mich eine Distanz zu bestimmten Kreisen der politischen Öffentlichkeit geschaffen. Da gab es viel Unerbittlichkeit und eine Härte, die mich sehr getroffen hat."

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Zwar fühle er sich nicht ungerecht behandelt und bedauere auch sehr, was er zu dem Thema in den siebziger Jahren geschrieben habe. Doch Cohn-Bendit, der in Frankreich geboren wurde, ergänzte: "Ich habe oft gespürt, dass ich anders ticke. Ich fühlte mich oft sehr allein. Nehmen Sie die Debatte über den Bosnien-Einsatz, den ich als Einziger vehement befürwortet habe. Da habe ich verstanden, dass ich politisch und emotional anders reagiere. Viele Deutsche setzten sich mit dem Nationalsozialismus, Deutschlands Schuld und ihren Großeltern auseinander und wurden dadurch zu Pazifisten. Ich habe ein anderes Verhältnis dazu. Ich bin mit der ersten biologischen Möglichkeit nach der Landung der Alliierten in der Normandie gezeugt worden."

Die einstige Galionsfigur der Studentenproteste in Paris im Jahr 1968 kündigte an, ein Buch über den jüdischen Anteil seiner Identität schreiben zu wollen. Cohn-Bendit: "Das ist für mich sehr schwierig. Bisher verstand ich mich als Jude im sartreschen Sinn: Ich bin Jude, solange es Antisemitismus gibt. Meine Eltern wurden in Deutschland verfolgt, sowohl weil sie Juden waren, als auch weil mein Vater ein linker Anwalt war. Ich kann bis heute Filme über den Nationalsozialismus nicht ertragen, weil in mir immer der Gedanke hochkommt: Wenn ich etwas früher geboren worden wäre, hätte ich einer sein können, der ins KZ kommt."

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