Terrorsekte Colonia Dignidad Bundestagsabgeordnete fordern "rückhaltlose Aufklärung"

Was genau geschah in der Colonia Dignidad? 91 Bundestagsabgeordnete stellen jetzt einen Antrag: Die Verbrechen in der deutschen Sektensiedlung in Chile sollen aufgearbeitet und den einstigen Bewohnern geholfen werden.

Plakate mit Opfern in der Colonia Dignidad
REUTERS

Plakate mit Opfern in der Colonia Dignidad

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Es war ein Ort des Grauens: Kinder und Jugendliche deutscher wie chilenischer Herkunft wurden sexuell missbraucht, Bewohner mit Elektroschocks gepeinigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet zu Hunderten gefoltert und zu Dutzenden getötet. Jahrzehntelang blieben die Verbrechen in der deutschen Siedlung Colonia Dignidad, die Sektenführer Paul Schäfer 1961 in Chile gegründet und bis zu seiner Flucht 1997 angeführt hatte, weitgehend unentdeckt. Auch deshalb, weil Führungsmitglieder der Sekte enge Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten hielten und deutsche Ämter und die Botschaft in Santiago de Chile nicht so genau hinsahen.

Nun kommt Bewegung in die Aufarbeitung der dunklen Sektengeschichte: Gleich zwei Anträge zur Colonia Dignidad sollen demnächst im Bundestag abgestimmt werden. Auf ein gemeinsames Schreiben konnten sich die Fraktionen nach wochenlangen Auseinandersetzungen nicht einigen.

Einer der Anträge stammt von der Grünen-Politikerin Renate Künast, der Vorsitzenden des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz im Bundestag. Eine Delegation aus sieben Mitgliedern des Ausschusses war unter ihrer Führung im Herbst vergangenen Jahres nach Chile gereist, um die Colonia Dignidad zu besuchen und mit Zeitzeugen zu sprechen.

"Für die Delegation war am Ende der Reise klar, dass nun endlich eine Aufarbeitung geschehen muss", sagte Künast zum SPIEGEL. "Deutschland hat insbesondere Verantwortung, weil es viele Gründe und Möglichkeiten gab, gegen Zwang und Gewalt zu intervenieren, aber es wurde offensiv weggesehen. Das ist ein beschämender Teil unserer Geschichte."

Deshalb fordern jetzt 91 Antragsteller die Bundesregierung dazu auf, den chilenischen Staat bei der "rückhaltlosen Aufklärung der Geschehnisse" in der Siedlung zu unterstützen, etwa durch technische Hilfe zur Spurensicherung oder Übersetzungen von Unterlagen. Eine "Begegnungs- und Gedenkstelle" soll errichtet und der "Stand der Vermögenswerte" aller Unternehmen, die aus der Colonia Dignidad entstanden sind, erhoben werden. Außerdem sollen nach dem Willen der Antragsteller die früheren Bewohner der Siedlung "Unterstützung bei der Klärung ihrer rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Situation" erhalten. Für Notlagen soll ein Fonds eingerichtet werden, den ein Beirat aus Bundestagsabgeordneten überwachen soll.

Spielplatz in der Colonia Dignidad
DPA

Spielplatz in der Colonia Dignidad

Viele der rund 300 Sektenmitglieder sind mittlerweile wieder nach Deutschland zurückgekehrt, ein großer Teil ist auf Sozialhilfe angewiesen. Den in Chile Zurückgebliebenen stehe "kaum Unterstützung" zur Verfügung, heißt es in dem Antrag.

Ursprünglich sollte der Antrag auch parteiübergreifend von allen Delegationsmitgliedern unterstützt werden. Nun aber haben lediglich Abgeordnete von der Linken und Grünen ihre Unterschrift daruntergesetzt. Der CSU-Abgeordnete Volker Ullrich, der ebenfalls mit nach Chile gereist und dem Künast-Antrag zunächst wohlwollend gegenübergestanden war, sagte dem SPIEGEL: "Wichtig ist mir, dass ein gemeinsam abgestimmter Antrag Aussicht auf Erfolg hat." Deshalb werde die CDU-CSU-Fraktion zusammen mit der SPD einen eigenen Antrag stellen. Dieser befinde sich "in der Endabstimmung".

insgesamt 20 Beiträge
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charlybird 31.03.2017
1. Man sollte in dem Zusammenhang
durchaus auch darauf hinweisen, dass der ehemalige große Vorsitzende einer in Bayern beheimateten Partei ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu Augusto Pinochet pflegte und sich dessen auch nicht schämte. Zu seinen Lebzeiten waren die katastrophalen Zustände bei der Colonia Dignidad bereits bekannt und auch damals schon öffentlich gemacht worden. Und die damalige Bundesregierung hat wenig bis gar nichts unternommen, dieses unglaubliche Konstrukt eines hochkriminellen Nazis in irgendeiner Form aufzuklären.
KlausMeucht 31.03.2017
2. Eines der dunkelsten Kapitel Deutschlands
Paul Schäfer der Sektenführer war ein Kinderschänder und Sadist schlimmsten Ausmasses. Viele der Sektenmitglieder sind als Kinder zur Sekte gestossen, von Deutschland nach Chile gebracht worden und hatten keine Chance sich zu lösen. Wer sich aufbegehren ist gefoltert worden. Es war mehr als nur Totalversagen der Deutschen Behörden. Die Behörden wussten von Schäfers pädophilen Neigungen. Schäfer ist ja nach Chile geflohen um sich der deutschen Justiz zu entfliehen. Trotzdem konnte er viele Kinder nach Chile mitnehmen.
bördeknüppel 31.03.2017
3. Arme FDP !
Da wird der Übervater Hans -. Dietrch Genscher als damals zuständiger Außenminister aber gar nicht gut weg kommen !
Stäffelesrutscher 31.03.2017
4.
Ferner fand der Generalsekretär der Schwesterpartei dieser bayerischen Partei das Leben in dem in ein KZ umgewandelten Stadion von Santiago "bei sonnigem Wetter ganz angenehm". Und Proteste gegen die Pinochet-Diktatur wurden natürlich bei der Fußball-WM 1974 brachial unterdrückt.
53er 31.03.2017
5. Wenn mich nicht alles täuscht,
gehörten zu den Förderern von Paul Schäfer Augusto Pinochet und die deutsche CSU. Besonders FJ Strauß war bei ihm ein gern gesehener Gast. Warum soll aber nun der Steuerzahler für die Schäden aufkommen, die ein deutscher Verbrecher im Ausland verursacht hat?
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