Copy-and-Paste-Affäre: "Ärgerlich", "erbärmlich", "gefundenes Fressen"

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Die Publikationen eines EU-Diplomaten, einer Schweizer Journalistin, mehrerer Wissenschaftler - der jetzige Verteidigungsminister zu Guttenberg hat sich für seine Dissertation offenbar querbeet bedient, ohne korrekt zu zitieren. Doch nicht alle der mutmaßlichen Plagiatsopfer sind stinksauer.

Literaturverzeichnis in Guttenbergs Dissertation: "Gänsefüßchen sind nicht schwer" Zur Großansicht
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Literaturverzeichnis in Guttenbergs Dissertation: "Gänsefüßchen sind nicht schwer"

Hamburg - Der Diplomat weiß sofort, worum es geht. Natürlich könne er sich an diese Rede erinnern, sagt Günter Burghardt, ehemaliger Botschafter der Europäischen Kommission in den USA, am Telefon. Es war sein Beitrag zu einer Vortragsreihe an der Humboldt-Universität zu Berlin, am 6. Juni 2002. Eine von vielen, vielen Reden, die Burghardt in mehr als 30 Jahren diplomatischer Karriere gehalten hat.

Vermutlich ist es selbst für einen Granden der Brüsseler EU-Riege ungewöhnlich, auf eine neun Jahre alte Gastrede ("Die europäische Verfassungsentwicklung aus dem Blickwinkel der USA") angesprochen zu werden. Doch Burghardts Worte sind plötzlich wieder hochaktuell.

Sie sollen sich in der 475 Seiten starken Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg wiederfinden - eins zu eins, zudem nicht als Zitat kenntlich gemacht. Der heute 39 Jahre alte CSU-Politiker hatte seine Doktorarbeit 2006 an der juristischen Fakultät in Bayreuth abgegeben. 2007 wurde er mit der Bestnote summa cum laude zum Dr. jur. promoviert. Die "Süddeutsche Zeitung" hatte am Mittwoch von den mutmaßlich kopierten Passagen in Guttenbergs akademischem Meisterstück berichtet.

Unsauber zitiert

Unter den nicht korrekt zitierten Quellen ist auch Sonja Volkmann-Schluck, Redakteurin beim Journalisten-Netzwerk "n-ost". Wie alt war sie, als sie "Die Debatte um eine Europäische Verfassung" bei ihrem Dozenten einreichte? Ein Text, der sich auszugsweise wortgleich in Guttenbergs Dissertation wiederfindet? Da müsse sie erst einmal überlegen, sagt die Wahl-Berlinerin, so lange liege das zurück. 25 war sie damals, und Studentin in München.


Volkmann-Schluck war überrascht, als ihr Name in der Dissertations-Analyse eines Bremer Jura-Professors auftauchte. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE vergleicht sie die fraglichen Passagen und kommt zu dem Schluss: "Guttenberg hat den Absatz tatsächlich eins zu eins übernommen."

Dabei wird ihre Arbeit an mehreren Stellen in Guttenbergs Dissertation korrekt zitiert - bei einer bestimmten Passage aber, bei der es um Zuständigkeiten zwischen EU und den Mitgliedstaaten geht, fehlt plötzlich der Quellennachweis.

"Ärgerlich" sei es, dass der heutige Bundesminister offenbar nachlässig mit der Angabe einer Quelle umgegangen sei. "Warum hat er die Sätze nicht einfach umformuliert? Oder wenigstens als Zitat gekennzeichnet? Das hat er doch bei allen anderen von mir übernommenen Passagen auch gemacht", sagt sie.

Der Minister selbst wehrt sich gegen die Anschuldigungen. "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", erklärte er am Mittwoch. Zumindest im Fall Volkmann-Schluck wäre der Vorwurf "Plagiat" auch übertrieben - hier wurde wohl schlichtweg unsauber zitiert.

"Erbärmlich"

Guttenberg bediente sich aber bei einer Handvoll anderer Wissenschaftler und der Schweizer Autorin Klara Obermüller. Ganze Passagen ihres Meinungsstücks zur Europäischen Verfassung, das Obermüller 2003 für die "Neue Zürcher Zeitung" schrieb, sollen sich in Guttenbergs Arbeit wiederfinden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE äußert sie sich enttäuscht ("Das ist schon lausig von ihm").

Obermüller glaubt nicht an Schlamperei, "es kostet ja keine Mühe, Anführungszeichen zu machen", sagt sie. Den mutmaßlichen Plagiatsversuch des CSU-Stars hält sie für "erbärmlich". Guttenberg habe sich aber "in erster Linie selbst geschadet", ein Diebstahl bei wissenschaftlichen Arbeiten sei zudem ziemlich naiv: "So etwas kommt eigentlich immer irgendwann heraus."

So hohe Wellen Guttenbergs Dissertation hierzulande schlägt, in Brüssel regt die "Copy-and-paste"-Affäre kaum jemanden auf. Diplomat Burghardt arbeitet für eine renommierte Kanzlei, seine freundliche Assistentin verbindet ins Brüsseler Büro. Er hörte am Nachmittag zum ersten Mal von seinen Versatzstücken in Guttenbergs Arbeit und möchte sich die Passagen nun einmal näher anschauen.

Doch selbst wenn sich die Auszüge, wie vermutet, tatsächlich doppeln - "das würde mir auch keine schlaflosen Nächte bereiten". Er wolle sich gar nicht in die Diskussion einmischen, sagt er höflich, aber bestimmt. "Auch wenn die Sache für andere sicher ein gefundenes Fressen ist. Was die einschlägige akademische Seite betrifft, so ist dies ausschliesslich eine Angelegenheit zwischen Doktorand und Doktorvater beziehungsweise der zuständigen Alma Mater. Dem stimme ich voll zu und habe volles Vertrauen in einen sachlichen Ausgang."

Ein deutscher Minister schreibt sätzeweise aus einer inzwischen neun Jahre alten Gastrede ab? Ein führender EU-Diplomat hat in seinem Berufsleben vermutlich Schockierenderes erlebt als das.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Artikels wurde nicht deutlich gemacht, dass Volkmann-Schluck in anderen Passagen der Dissertation einwandfrei zitiert wird - es entstand somit der falsche Eindruck, Guttenberg habe sich ihrer Arbeit bedient, ohne diese als Quelle überhaupt jemals zu nennen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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1. KT, setzen Sechs!
ToRisto 16.02.2011
„Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen“, sagte Guttenberg bei einer Bundeswehrveranstaltung. Er habe angewiesen, dass er von seinen Pflichten entbunden wird, und in seinen Heimatort zurückkehrt und so lange aus der Regierungsbereitschaft genommen wird, bis die Vorwürfe geklärt seien. Schön wär's... Aber soviel Schneid er leider nicht. Bin gespannt wen er jetzt schützt (vulgo rauswirft). Otremba, Wieker, Stefanie? Verflucht wer hat ihn denn da schon wieder falsch informiert? Und überhaupt, wo bleibt denn der Feldjägerbericht? Guttenberg, setzen SECHS!!
2. ....
Pepito_Sbazzagutti 16.02.2011
"Das war keine bahnbrechende These oder besonders herausragend formuliert", sagt sie. Vielleicht ärgert sich Herr zu Guttenberg jetzt, dass er nicht aus einer guten Arbeit abgepinnt hat.
3. Unverständlich
Phantom 16.02.2011
Gutti wusste doch schon damals, dass er mal ganz gross rauskommt. Dann hätte er sich auch denken können, dass sowas ihm eines Tages mal um die Ohren fliegt. Ein bisschen mehr Mühe hätte er sich schon geben können, aber Gutti ist ein Typ der denkt, dass er mit allem durchkommt. Adel verpflichtet!
4. Gespür
Verändert 16.02.2011
Wo ist eigentlich das vielbeschworene Gespür des KT für Volkes Meinung geblieben ? Wer so offensichtlich kopiert, kann doch eigentlich nicht so dumm sein, den Hinweis hierauf als "abstrus" zu bezeichnen.
5. Unverständlich...
StonyBrook 16.02.2011
...trifft es einfach am besten. - handelt sich um Nachlässigkeit, ist unverständlich, wie jemand vergessen kann, eine Einleitung für die eigene Diss zu schreiben (alternativ: wie jemand keinen Anspruch an sich haben kann, das zu tun). - handelt es sich um "normale" Zeitdruck/Schreibfaulheit, wäre eine Kennzeichnung als Zitat und eine kurze Reflexion doch auch möglich gewesen (sofern es sich nur um 3-5 Passagen handelt). Was bleibt? Eitelkeit? Ein Ghostwriter? Mangelnde Kenntnisse wissenschaftlicher Grundsätze?
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