Coup der G-8-Kritiker 15 Polizisten gegen 5000 Demonstranten

"Wir sind besser organisiert als die Polizei" - nach dem ersten Tag des Gipfels von Heiligendamm sind viele Demonstranten stolz auf sich: Tausenden war es zur Mittagszeit gelungen, an der Polizei vorbei zum Zaun durchzubrechen.

Aus Heiligendamm berichten Ingo Arzt und


Heiligendamm - Gegen halb zwölf am Mittag ist den Polizisten wohl endgültig klar geworden, was auf sie zukommt: Zu ihrer Rechten an der zentralen Zufahrt zum Tagungsgebiet des G-8-Gipfels in Heiligendamm zieht sich eine endlose Schlange von Menschen durch das weite Haferfeld - sie schwingen Fahnen und singen Lieder. Die Sicherheitsbeamten aus Sachsen-Anhalt fassen ihre Schutzschilder fester und klappen die Visiere ihrer Helme herunter. Den 15 Polizisten in ihren grünen Kampfuniformen stehen jetzt 5000 G-8-Blockierer gegenüber. Nur noch wenige Kilometer sind es bis zur Suite von US-Präsident George W. Bush im Hotel Kempinski.

"Ein großer Erfolg ist das für uns", sagt ein Sprecher der Gruppe "Block G8". Aus Sicht der Polizei ist es genau das Gegenteil. "Ich kann nicht verstehen, wie das passieren konnte", sagt ein Beamter. Die offizielle Lesart der Polizei ist freilich eine ganz andere: Man sei nicht überrascht worden und sei mit "starken Kräften im Einsatz", sagte ein Sprecher der Sondereinheit Kavala.

Aber so nah an den Tagungsort der Staats- und Regierungschefs der mächtigsten Länder dieser Welt sollten die Blockierer niemals kommen - eine sechs Kilometer breite Verbotszone rund um das Tagungshotel war eingerichtet worden. Vergebens.

Bereits zuvor hatten Demonstranten die Autobahn A 19, die unmittelbar am Flughafen Rostock-Laage vorbeiführt, blockiert. "Wir wollten die Kräfte der Polizei auseinander ziehen und möglichst viele Beamte im Bereich Laage binden", sagte ein Sprecher der Blockierer.

Der Polizei hätte spätestens gegen zehn Uhr klar werden müssen, womit zu rechnen war. Beinahe das komplette G-8-Protestlager Reddelich - zwischen Kröpelin und Bad Doberan gelegen - hatte sich auf den Weg gemacht, etwa 8000 Menschen campieren hier in diesen Tagen: Erst ein Stückchen auf der Bundesstraße Richtung Osten, dann bog der Zug Tausender plötzlich nach links in den Wald, in die Wiesen und Felder Richtung Heiligendamm ein. Nach kurzer Zeit schon begleitet von mehreren Hubschraubern. Aber sonst - keine Spur von der Polizei. Zwei Stunden lang.

Ein kurioser Zug: Manche schieben Fahrräder, andere haben Strohballen in roten Netzen verpackt - um in der Nacht besser im Liegen blockieren zu können - einige tragen Fahnen und Transparente. Es hat etwas von moderner Völkerwanderung, "Wahnsinn ist das hier", sagt ein junger Mann mit langen blonden Haaren inmitten eines großen Rapsfeldes, ringsum blüht roter Mohn.

Die Blockierer laufen in fünf Gruppen, nach Farben organisiert, die mit kleinen Fähnchen angezeigt werden. Zudem gibt es kleine Bezugsgruppen, die bestimmte Namen tragen. "Stoiber, wo ist Stoiber?", ruft eine junge Frau, deren Gruppe sich so genannt hat.

"Wir sind besser organisiert als die Polizei", hört man immer wieder. "Na ja, wir haben diese Blockade schließlich drei Tage lang in unserem Camp trainiert", sagt ein Vertreter der IG-Metall-Jugend. Man agiere nach dem "Fünf-Finger-System", könne sich also ausspreizen und wieder zusammen kommen. "X-Tausend mal quer", heiße das Konzept, erklärt er, erprobt bei den Castor-Transporten.

Je näher das Ziel rückt, desto schneller wird das Tempo: "Dieses Adrenalin ist unglaublich", sagt ein Marschierer. Als der Zaun schließlich in der Ferne zu erkennen ist, kommt Jubel auf - doch dann passiert stundenlang nichts. Die Blockade-Leitung verständigt sich mit der Polizei, alles soll friedlich ablaufen. Im Laufe des Tages erreichen schließlich immer neue Polizeieinheiten die Schleuse - aber sehr unkoordiniert. Eine Gruppe Polizisten aus Baden-Württemberg wird vom Flughafen Laage angefordert - von der anderen Seite Rostocks: "Wir mussten über irgendwelche Feldwege fahren, es war total chaotisch", sagt ein Beamter.

Auch als die Polizei gegen 14 Uhr ankündigt, die Blockade einige hundert Meter nach hinter zu verschieben, bleibt es ruhig. Selbst das Auffahren von drei Wasserwerfen einige Zeit später ändert daran kaum etwas. Warum die Polizei das tut, versteht in diesem Moment allerdings niemand. "Es gibt angeblich Steinewerfer unter den Blockierern", sagt ein Beamter.

Alle Zugänge sind blockiert, Journalisten wie Teilnehmer des Gipfels müssen über den Wasserweg zum Tagungsort transportiert werden - das ist das Ergebnis dieses ersten Tages von "Block G8". Jubel brandet auf, als dies über einen Lautsprecher verkündet wird - "Ihr habt es geschafft", ruft der Sprecher. Am Abend wird bekannt, dass die Einsatzkräfte Verstärkung bekommen, unter anderem von Polizeieinheiten aus Berlin.

Die G-8-Gegner können solche Ankündigungen an diesem Tag nicht beeindrucken: "Solange der Gipfel läuft, wird hier blockiert", kündigte der Koordinator des globalisierungskritischen Netzwerks Attac, Sven Giegold, an.

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