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Oberster Berliner Drogenfahnder: "Wir wollen die Crystal-Meth-Dealer finden"

Crystal Meth: Berliner Drogenfahnder alarmiert über steigende Fallzahl Zur Großansicht
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Crystal Meth: Berliner Drogenfahnder alarmiert über steigende Fallzahl

Wie professionell sind Crystal-Meth-Küchen? Was macht der Stoff mit Abhängigen? Wie tricksen die Dealer? Antworten von Olaf Schremm, dem Chef der Berliner Drogenfahndung.

SPIEGEL ONLINE: Durch den Fall Michael Hartmann steht Crystal Meth plötzlich im Fokus. Wie groß ist das Problem mit der Droge in Berlin?

Schremm: Berlin ist noch nicht Brennpunkt des Handels mit Crystal. Wir wissen aber durch den Kontakt nach Brandenburg und zu den süddeutschen Ländern, dass das Problem extrem schnell zunimmt. Wir müssen deshalb schon jetzt auf allen Kanälen über die Droge aufklären. Crystal Meth ist sehr gefährlich. Schon nach dem ersten Kontakt besteht Suchtgefahr, zudem setzt der körperliche und seelische Verfall sehr schnell ein. Wir haben selbst erschreckende Fälle erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Schremm: Im Zuge von unterschiedlichen Verfahren haben wir Konsumenten und Händler vernommen. Da war der Verfall teilweise absolut dramatisch. Mitunter waren die Personen gar nicht mehr ansprechbar. Andere sind während der Vernehmung eingeschlafen oder wussten schon nach einer halben Stunde nicht mehr, was sie zuvor ausgesagt hatten. Da wird einem dann klar: Diese Drogen gefährdet die elementaren Bestandteile des menschlichen Daseins.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah gehen Sie mit Ihren Ermittlern an die Szene heran, um Dealer zu finden?

Schremm: Das kommt auf den Fall an. Wir haben es bei diesen Delikten oft mit schweren Formen der Kriminalität zu tun und können zu sämtlichen Mitteln der Überwachung greifen, um unsere Ermittlungen voranzutreiben. Es geht uns nicht um den Konsumenten, wir wollen die Dealer finden, die dieses Zeug nach Berlin bringen und damit viel Geld verdienen. Die nutzen schamlos das Leid der Zielgruppe aus.

SPIEGEL ONLINE: Ein Großteil des in Deutschland verkauften Crystal Meth sickert durch Tschechien ein. Warum schaffen es deutsche Behörden nicht, den Handel einzudämmen?

Schremm: Ganz erfolglos sind wir ja nicht, die Kollegen an der deutsch-tschechischen Grenze machen ihren Job gut. Aber Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer der Stoff teilweise aufzuspüren ist. Auch wir haben zeitweise die kuriosesten Verstecke entdeckt.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Schremm: Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Feuerzeug, das nur zur Hälfte mit Gas gefüllt war, die andere Hälfte war ein Hohlraum, in dem das Crystal versteckt war. Wenn es gilt, die Droge an den Mann zu bringen, werden die Leute erfinderisch. Amphetamine sind noch schwerer zu entdecken. Die können in Flüssigkeiten aufgelöst werden. Da haben sie dann eine Flasche, auf der Hohes C steht, in Wahrheit ist sie voll mit Drogen.

SPIEGEL ONLINE: Michael Hartmann ist Bundestagsabgeordneter. Ist Crystal inzwischen eine Droge für so genannte "Entscheider"?

Schremm: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Der Fall Hartmann hat uns auch überrascht. Er zeigt zumindest, dass Crystal Meth in der Breite der Bevölkerung auf Interesse trifft. Die Konsumenten lassen sich nicht in eine Schublade packen, das geht quer durch alle Schichten. Die Vorstellung, durch den Konsum die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern, ist sicherlich ein massiver Anreiz für manche Konsumenten.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich statistisch belegen, dass die Droge sich auch in Berlin ausbreitet?

Schremm: Ja. Wir hatten 2012 insgesamt 24 Fälle, 2013 hatten wir schon 78 Fälle. Das ist im Vergleich zu den stärker belasteten Bundesländern im Süden noch ein geringes Niveau. Aber vernachlässigen darf man es nicht. Letztes Jahr haben wir insgesamt 700 Gramm des Stoffes sicherstellen können. Die Preise in Berlin pro Gramm Crystal liegen in der Hauptstadt zwischen 70 und 80 Euro. Deshalb ist die Droge eine lohnenswerte Einnahmequelle für Schmuggler oder jemanden, der hier in Berlin als Dealer verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich tatsächlich noch nach einem überschaubaren Problem an. Woran liegt es, dass ausgerechnet Berlin nicht schon längst das Meth-Mekka Deutschlands ist?

Schremm: Das hat sicher einen geografischen Grund. An der deutsch-tschechischen Grenze liegt der Brennpunkt des Handels, von dort ist es ein Stück nach Berlin. Und jeder Drogentransport ist ein Risiko. Vielleicht hat es aber auch einen banalen Grund: Wer sich hier in Berlin berauschen will, hat eine Vielfalt von Möglichkeiten. Hier wird viel geraucht, geschnupft und gespritzt. Da brauchen die meisten gar nicht auf Crystal Meth zurückgreifen.

SPIEGEL ONLINE: Derzeit steht die Dealerin Silke C. vor Gericht. Sie allein soll im vergangenen Jahr versucht haben, rund zwei Kilo Crystal Meth zu verkaufen. Ist das der bislang größte Fall in Berlin?

Schremm: Nach den bisherigen Erkenntnissen: Ja. Das ist der größte Crystal-Fall, den wir bisher hatten. Und das Beispiel zeigt, dass wir nur einen kleinen Teil dessen kennen, was hier in Berlin wirklich passiert. Durch Zusammenarbeit mit Suchthilfen überall in Berlin wissen wir, dass es weit mehr Konsumenten und Dealer gibt, als unsere Zahlen es zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich mit dem Crystal, das Sie als Polizei sicherstellen?

Schremm: Das wird in der Regel asserviert und wenn das Strafverfahren abgeschlossen ist, wird es vernichtet. Unter Aufsicht natürlich. Wir fahren dann zur Berliner Stadtreinigung, bei der es eine Stelle für besonders gefährliche Abfälle gibt. Da werden die Drogen verbrannt. Das verläuft eher unspektakulär.

SPIEGEL ONLINE: Viele haben von der Droge das erste Mal aus der US-Serie "Breaking Bad" gehört, in der ein Chemielehrer zum Crystal-Koch wird. Die Meth-Küchen werden in der Serie mit viel Aufwand betrieben. Ist das tatsächlich so?

Schremm: Na ja. Wir haben im Jahr 2012 mal ein kleineres Labor sichergestellt. Den Aufwand, um ein solches Labor zu betreiben, darf man sich nicht so immens groß vorstellen. Da reichen ein paar Zutaten und relativ wenig technische Ausstattung, um den Stoff herzustellen. Gerade das macht die Droge ja auch so interessant. Sie haben eben nicht die langen Vertriebswege wie bei Kokain oder Heroin, das aus Asien oder Südamerika hierhergeschafft wird. Wie jede andere synthetische Droge, kann man auch Crystal hier vor Ort relativ simpel herstellen.

Das Interview führten Veit Medick und Paul Middelhoff

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1.
gfh9889d3de 10.07.2014
Zitat von sysopDPAWie professionell sind Crystal-Meth-Küchen? Was macht der Stoff mit Abhängigen? Und wie tricksen die Dealer? Im Interview berichtet der Chef der Berliner Drogenfahndung Olaf Schremm über den Kampf der Polizei gegen die gefährlichen Kristalle. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/crystal-meth-berliner-fahnder-warnt-vor-ausbreitung-der-droge-a-980267.html
Und was tut er dagegen?
2. Breaking Bad
dolfi 10.07.2014
Grossen technischen Aufwand? In Breaking Bad wird das grosse Drogenlabor auch erst dann gebaut, als der "Held" (Walter White) das Angebot erhält, das Crystal grosstechnisch herzustellen. Zuvor wird das im Schul-Labor gepanscht, danach in einem umgebauten Wohnmobil. Das es billig und sehr einfach herzustellen ist, sollte die Polizei wirklich extrem beunruhigen. Das kann schon jeder Gymnasiast zu Hause zusammenbrauen.
3. Immer der gleiche falsche Ansatz...
ralfrichter 10.07.2014
Am Ende wird doch zumeist der kleine Endkonsument kriminalisiert,die Hintermänner und den Kartellen der OK kommt man damit doch nicht bei,die sitzen weiterhin sicher und "kochen"fleissig weiter... Die ganze Drogenpolitik muss auf den Prüfstand,der Bevölkerung wird immer vorgegaukelt man habe alles im Griff,das ist lächerlich. Man kann doch heutzutage jede Droge erwerben und die sind verfügbar. Da nutzt auch keine Nadelstichpolitik der Fahnder,hinzukommt,dass synthetische Drogen in jeder Garage hergestellt werden können und dann erst schon auf dem Markt befindlich,beschlagnahmt werden kann. Die Strafandrohung beim Erwerb von Drogen hat versagt also müssen andere Wege her aber das wäre für unsere eindimensionalen Politiker mal wieder eine völlige Überlastung ihrer Vorstellungskraft..
4.
maledicto 10.07.2014
Zitat von sysopDPAWie professionell sind Crystal-Meth-Küchen? Was macht der Stoff mit Abhängigen? Und wie tricksen die Dealer? Im Interview berichtet der Chef der Berliner Drogenfahndung Olaf Schremm über den Kampf der Polizei gegen die gefährlichen Kristalle. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/crystal-meth-berliner-fahnder-warnt-vor-ausbreitung-der-droge-a-980267.html
Das kommt davon, wenn Haschisch und Marihuana mit solchen Drogen gleichgesetzt werden.
5. Wundert mich
rainer_d 10.07.2014
dass sie diesen Hartmann nicht als V-Mann benutzt haben. Büro verwanzen, Privatwohnung verwanzen, Handy anzapfen, Compi trojanisieren und schauen, wie weit das geht. Als Bundestagsabgeordneter hätte er vielleicht sogar Kontakt zu den Hintermännern bekommen können.
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ZUR PERSON
Olaf Schremm ist Leiter des Rauschgiftdezernats des Berliner Landeskriminalamts. Ob Heroin, Kokain oder Crystal Meth - Schremms Leute schwärmen aus, wenn es gilt, in der Hauptstadt gefährliche Drogen aufzupüren und Dealern und Konsumenten auf die Schliche zu kommen. Über die Ausbreitung und Wirkung der synthetischen Droge Crystal ist der Dezernatsleiter derzeit besonders alarmiert.


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