SPD-Politiker Hartmann über Drogenaffäre "Ich war tot"

Michael Hartmann hatte eine Lebenskrise. Dann nahm er Crystal Meth und verlor fast alles. Jetzt ist der SPD-Politiker zurück im Bundestag. Zu Besuch bei einem, der neu anfangen will.

Christian Thiel

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Berlin - Michael Hartmann geht jetzt wieder jeden Morgen in sein Büro im Berliner Bundestag. Er nimmt den Eingang ins Jakob-Kaiser-Haus, dann die Treppe in den ersten Stock. Die Mitarbeiter sind dieselben geblieben. Das große Porträt von Willy Brandt hängt wie gewohnt über der Sitzecke.

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Hartmann ist dünner geworden, das fällt auf. Aber ansonsten wirkt alles wie in seinem alten Leben. Doch Hartmanns altes Leben wird so nicht wiederkommen. Die Umzugskisten stehen bereit. Er muss packen. Früher war er der Chef-Innenexperte der Fraktion, jetzt ist er nur noch einfacher Abgeordneter, es geht in ein kleineres Büro. "Ich habe einen Tsunami überlebt, den ich selbst verursacht habe", sagt er.

Im Juli schien Hartmann erledigt. Der Sozialdemokrat war den Berliner Drogenfahndern ins Netz gegangen, die Staatsanwaltschaft ermittelte. Hartmann hatte in der Schöneberger Laubenkolonie Samoa Crystal Meth gekauft. Der Abgeordnete und die Todesdroge, es war eine Geschichte, die die Republik bewegte und ein Licht auf die Abgründe in der Politik warf.

Inzwischen sind die Ermittlungen gegen eine Geldbuße eingestellt. Nach drei Monaten Pause will Hartmann neu anfangen. Wenn er jetzt über seinen Fall spricht, beginnt er im Herbst 2013, der Zeit rund um die Bundestagswahl. Edward Snowdens Enthüllungen dominierten die Nachrichten. Die Geheimdienste gerieten in Aufruhr, die Kanzlerin war nervös, und mittendrin er, der Sicherheitsexperte. Innenausschuss, Kontrollgremium, Interviews. Und über allem schwebte der Wahlkampf. "Morgens war ich meist der Erste, in Wirklichkeit war ich tot", sagt er.

Wie gehen Politiker mit Fehlern um?

Hartmann lief herum wie ein Aufziehmännchen. Wollte alles mitkriegen, überall dabei sein. Hartmann nahm an den Koalitionsverhandlungen teil. Vorratsdatenspeicherung, Anti-Terror-Kampf, Reform der Sicherheitsbehörden. Hartmann war gefragt, nach außen schien er zu funktionieren.

Alles Fassade, sagt er im Rückblick: "Meine Sucht ist Arbeitssucht gewesen. Ich war durch und habe mir das nicht eingestanden." Die Gedanken an damals wühlen Hartmann auf, die Stimme stockt.

"Was trinken?", fragt er.

Sein Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die Frage, wie Politiker mit ihren Fehlern umgehen. Hartmann will offen sein, es besser machen als andere Kollegen. Als Sebastian Edathy zum Beispiel, der sich vor allem als Opfer sieht. "Ich bin kein Opfer der Justiz, ich bin ein Opfer von Michael Hartmann", sagt Hartmann. Er weiß: Bei solchen Sätzen ist die Gesellschaft eher bereit, eine zweite Chance zu gewähren. Auch die eigenen Leute. Vergangene Woche war er in der Arbeitsgruppe Inneres und entschuldigte sich bei den Kollegen. Schön, dass du wieder da bist, sagten sie.

Der Abend in der Bar

Zurück in den Herbst 2013. Wie ausgebrannt Hartmann war, merkte er erst nachts, daheim in seiner Berliner Wohnung. Der Adrenalinpegel sank, die Gedanken flirrten. Wenn es ganz schlimm wurde, ging er in Kneipen. Menschen, Stimmen, Ablenkung.

Eines Abends, so erzählt es Hartmann, konnte er nicht mehr. Er öffnete sich einem Gast in einer Bar. Dieser steckte ihm einen Zettel mit einer Nummer zu. "Für den Notfall, Herr Hartmann." Wochen später griff er zum Telefon und fuhr in die Kleingartenkolonie. Er nahm die Bundestagsfahrbereitschaft. Er zahlte den von der Dealerin aufgerufenen Preis. Dann setzte er sich wieder in die Limousine.

Die Dealerin geriet ins Visier der Fahnder. Hätte er, der Kenner der Szene, das nicht ahnen müssen? Ja, sagt Hartmann. Aber vielleicht habe er damals auch erwischt werden wollen. Unterbewusst. Damit ein Knoten platze. Wer weiß. Er habe das Crystal wenige Male genommen, sagt Hartmann. Wach sei er danach gewesen. Aber ein tagelanger Vollrausch? Verfallserscheinungen? Nein, so weit sei es nicht gekommen.

Die Droge als Ausweg. Einmal und nie wieder. Das ist seine Version. Es kann natürlich auch anders gewesen sein. In der Regel ist Crystal Meth keine Einstiegsdroge. Aber juristisch ist sein Fall geschlossen. Und für eine längere Drogenbiografie Hartmanns gibt es keine Belege. "Ich hätte vier Wochen in Kur gehen sollen, nicht nach Samoa", sagt er.

"Pass nächstes Mal besser auf, Michael"

Der Weg zurück in die große Politik kann bei Hartmann klappen. Aber leicht wird es nicht. Von einem solchen Bruch in der Biografie, wie er ihn erlebt hat, erholen sich nicht viele. Er macht jetzt eine Therapie. Hartmann ist dankbar, dass er überhaupt eine neue Chance erhält.

"Man sagt, Politik sei ein schmutziges Geschäft. Ich habe das Gegenteil erlebt", sagt er. Der Landesverband hielt zu ihm. Die Bundestagsfraktion auch. Die Idee ist, ihn jetzt in den Europaausschuss zu schicken. Als er am Dienstag vergangener Woche wieder an der Fraktionssitzung teilnahm, begrüßte ihn Thomas Oppermann offiziell zurück. "Pass nächstes Mal besser auf, Michael", sagte der Fraktionschef. Einige Abgeordnete stutzten. "Also präventiv", schob Oppermann hinterher. Lacher, Applaus.

Schritt für Schritt, so will der Rückkehrer es angehen lassen. Er schreibt jetzt viele persönliche Briefe. Um sich zu erklären, auch zu bedanken. An Thomas de Maizière, den Innenminister, hat er schon einen abgeschickt. Auch an Norbert Lammert, den Bundestagspräsidenten. Nun sind die Präsidenten der Sicherheitsbehörden dran. Vor denen ist ihm die ganze Angelegenheit besonders peinlich. Liebäugelt er etwa doch wieder mit der Innenpolitik?

Er winkt ab. Aus dem Feld habe er sich selbst "rausgeschossen", sagt Hartmann. "Damit hadere ich jetzt nicht mehr. Das ist vorbei."

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insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
ornitologe 16.10.2014
1. Interessant
wie sich unsere Gesellschaft darstellt. Lebenskrise, Drogenmissbrauch und anschließend wieder als Abgeordneter und "Volksvertreter" in den Bundestag - mit allen Bezügen. "Fast alles verloren" - wie bitte? Das Einkommen eines Mandatsträgers im BT ist für Otto-Normalverbraucher schon fast ein Vermögen. Was soll uns denn hier aufgetischt werden? Was sich in diesem Land abspielt, ist kaum noch zu ertragen...
ladozs 16.10.2014
2. Freibrief
Als Vertreter des Volkes genießt er wohl einen besonders großen Wiedereingliederungsbonus, den ein normal Sterblicher niemals überreicht bekommt. Gut für Herrn Hartmann, aber in der Sache eigentlich widerlich!
edgarzander 16.10.2014
3. Diese Art von Ehrlichkeit...
...scheint bei der Rehabilitation hilfreich zu sein. Auch bei MdB Schockenhoff hat es funktioniert: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.abgeordneter-im-bundestag-andreas-schockenhoff-outet-sich.09224afb-b438-4a99-bd5b-10c191c1f1d9.html Heute denkt keiner mehr daran. Und Schockenhoff fällt nur noch durch seine Medienpräsenz bezüglich Putinkritik auf.
derblaueplanet 16.10.2014
4.
Zitat von ornitologewie sich unsere Gesellschaft darstellt. Lebenskrise, Drogenmissbrauch und anschließend wieder als Abgeordneter und "Volksvertreter" in den Bundestag - mit allen Bezügen. "Fast alles verloren" - wie bitte? Das Einkommen eines Mandatsträgers im BT ist für Otto-Normalverbraucher schon fast ein Vermögen. Was soll uns denn hier aufgetischt werden? Was sich in diesem Land abspielt, ist kaum noch zu ertragen...
"Was sich in diesem Land abspielt, ist kaum noch zu ertragen..."? Ja, die Geisteshaltung und "Moral" hinter solchen Kommentaren gehört auch dazu!
Thomas Schnitzer 16.10.2014
5.
Zitat von ornitologewie sich unsere Gesellschaft darstellt. Lebenskrise, Drogenmissbrauch und anschließend wieder als Abgeordneter und "Volksvertreter" in den Bundestag - mit allen Bezügen. "Fast alles verloren" - wie bitte? Das Einkommen eines Mandatsträgers im BT ist für Otto-Normalverbraucher schon fast ein Vermögen. Was soll uns denn hier aufgetischt werden? Was sich in diesem Land abspielt, ist kaum noch zu ertragen...
Es riecht nach Neid in dieser Ecke... aber keine Sorge, auch sie haben bei Drogensucht das Recht nach einer Therapie an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren, insbesondere wenn die Sucht aus einem Burnout entstanden ist.
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