CSU vor Abspaltung Mögen täten sie schon wollen...

...aber trauen sie sich auch zu dürfen? Für die CSU, die treibende Kraft des Streits in der Union, könnte das Auseinandergehen den Untergang bedeuten. Oder einen historischen Triumph einläuten.

Horst Seehofer
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Horst Seehofer

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"Ein Hauch von Kreuth" wehte in den vergangenen Tagen durch die Kommentarspalten der deutschen Medien, in Anspielung auf den berüchtigten Kreuther Trennungsbeschluss, als es die CSU 1976 unter Franz Josef Strauß schon einmal auf die Abspaltung von der großen Schwester anlegte.

Mittlerweile ist aus dem Kreuther Lüftl ein heftiger Sturm geworden, und es könnte sein, dass er tatsächlich die seit Bestehen des Deutschen Bundestages bestehende Fraktionsgemeinschaft von Christdemokraten und Christsozialen aus der politischen Landschaft fegt. Momentan jedenfalls ist kaum vorstellbar, wie sich Angela Merkel und Horst Seehofer doch noch einmal zusammenraufen könnten. Vielleicht ist der Bruch diesmal tatsächlich unvermeidbar. Es ist jedenfalls nicht mehr sinnlos zu fragen: Was wäre, wenn?

Vor den Gefahren so einer Entwicklung wird jetzt eindringlich gewarnt, nicht nur aus der CDU. In einem Gastbeitrag für den "Münchner Merkur" redet der frühere Bundesfinanzminister und CSU-Ehrenvorsitzende seiner Partei ins Gewissen: "Bedenke das Ende!", mahnt Theo Waigel. Ein Auseinanderfallen von CDU und CSU bedeute nicht nur eine Krise der regierenden Koalition, gefährde nicht nur den Status der Union als letzter großer Volkspartei Europas, sondern "könnte der Beginn einer gefährlichen Staatskrise sein".

Woher die genau kommen soll, geht aus Waigels Beitrag zwar nicht hervor, jedenfalls fürchtet er Stimmverluste für die Konservativen: "Wer mit dem Gedanken spielt, eine bundesweite CSU könne 18 Prozent erreichen, während die CDU nur noch auf 22 Prozent kommt, ist blind für die Realität und töricht in der Strategie." Die getrennten Schwestern würden sich, so seine Befürchtung, zur großen Freude der politischen Gegner von links und ganz rechts gegenseitig das Leben schwermachen. Und schon 1976 habe sich Franz Josef Strauß geirrt, als er dachte, große Teile der CDU würden sich ihm und der CSU anschließen. Sie blieben dann doch lieber bei Helmut Kohl.

In der simplen Tatsache aber, dass Angela Merkel so ganz anders ist als Helmut Kohl, könnte heute der entscheidende Unterschied zur damaligen Situation liegen. Es gab große Differenzen zwischen Kohl und Strauß, die größte mag gewesen sein, dass sich der Bayer dem Pfälzer geistig überlegen wähnte. Aber eines trennte sie nie: Die konservative Grundeinstellung. Ganz anders bei Merkel und Seehofer: Von beiden macht keiner den Fehler, den anderen, die andere für dumm zu halten. Aber Merkel steht im begründeten Verdacht, keine echte Konservative zu sein.

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Es gibt unterschiedliche Anekdoten darüber, wie Angela Merkel zur CDU gekommen ist. Nach der Wende engagierte sie sich beim "Demokratischen Aufbruch", der später in der Union aufgegangen ist - und nicht bei der SPD. Angeblich, so lautet eine Variante, soll Merkel selbst erzählt haben, na ja, da habe es damals so einen netten jungen Mann gegeben, da sei sie halt dorthin gegangen. Man stelle sich vor, der nette Junge wäre zufällig in der SPD gewesen: Unser Land sähe heute anders aus.

Wenn es aber ein Zufall war, der Angela Merkel zur Union getrieben hat, wenn es ein weiterer Zufall war, dass sie als eine der letzten Unbelasteten als Vorsitzende infrage kam, als die CDU im Jahr 2000 in der Spendenaffäre zu versinken drohte, dann würde das erklären, warum es oft scheint, als seien ihr die konservativen Inhalte der Partei, deren Chefin sie ist, eigentlich ziemlich egal. Es würde erklären, warum sie die CDU immer weiter in die Mitte gerückt hat, den Stimmengewinn im Auge, die konservative Entkernung in Kauf nehmend. Und das würde bedeuten, dass die CSU jetzt eine historische Chance hätte, diese Lücke zu füllen und die Geschichte umzuschreiben.

Konservativen eine Heimat bieten

Denn es gibt sie ja in großer Zahl, die Konservativen in Deutschland. Sie haben nur niemanden mehr, den sie leichten Herzens wählen können - jedenfalls, sofern sie außerhalb der bayerischen Landesgrenzen leben. Zähneknirschend machen sie ihr Kreuz bei der Merkel-CDU, obwohl ihnen die nicht mehr rechts genug ist. Oder mit Bauchschmerzen bei der AfD, obwohl da auch Nazis mitmachen.

Die CSU kann diesen Konservativen wieder eine echte Heimat bieten. Der alte FJS-Auftrag, die Mission der CSU ist es, rechts von ihr keinen Platz zu lassen. Wenn Horst Seehofer sich jetzt traut, könnte er diesen Auftrag in triumphaler Weise erfüllen und die politische Landschaft der Bundesrepublik Deutschland mit einem Ruck grundlegend verändern.

Denn sollte Merkel Seehofer als Innenminister entlassen, würde sich die CSU aus der Regierung zurückziehen. Dass Merkel dann mit CDU, SPD und Grünen weiterregiert, wäre, wenn überhaupt, eine Übergangslösung vor schnellen Neuwahlen. Träte die CSU bei diesen bundesweit an, könnte sie der AfD mit einem Schlag den Garaus machen. Eine garantiert nazifreie Rechte gab es in Deutschland schon einige Zeit nicht mehr im Angebot.

Das ist Seehofers historische Chance: Er könnte die AfD zu einer dann lupenreinen Nazipartei schrumpfen und Alexander Gauland am rechten Rand aus dem Parlament purzeln lassen. Das, was Seehofer von der CDU übrig lässt, könnte problemlos mit der SPD fusionieren, mit Angela Merkel als Vorsitzender. Dann wäre auch dieser historische Irrtum geheilt.

Horst Seehofer, Kanzler einer CSU-geführten Bundesregierung - jedenfalls ist das in diesen verrückten Tagen keine vollkommen ausgeschlossene Vorstellung mehr. Doch bedenke das Ende! Ewig wird auch Horst Seehofer nicht regieren. Und dann folgt unweigerlich Markus Söder. Der fränkische Polittourist im Kanzleramt? Da hätten wir dann endgültig die Staatskrise.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Angela Merkel sei nach der Wende der CDU beigetreten. Tatsächlich engagierte sie sich beim "Demokratischen Aufbruch", der später in der CDU aufgegangen ist. Wir haben die entsprechende Stelle angepasst.

insgesamt 91 Beiträge
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Walther Nasskamp 23.06.2018
1. Kandidatensuche
"Träte die CSU bei diesen bundesweit an, könnte sie der AfD mit einem Schlag den Garaus machen. Eine garantiert nazifreie Rechte gab es in Deutschland schon einige Zeit nicht mehr im Angebot." Das ist leichter gesagt, als getan. Woher sollen denn auf einen Schlag die vielen Kandidaten für die CSU außerhalb Bayerns kommen? Auch die CSU wäre nicht davor sicher, zu Beginn ein Tummelplatz für Rechtsaußen zu werden. Diese Erfahrung musste schon Lucke schmerzhaft mit der AfD machen.
citizen01 23.06.2018
2. Die CSU wäre auf jeden Fall die Gewinnerin einer Trennung..
Die Spaltung könnte die CDU, nicht aber die CSU dezimieren. Vielleicht aber motiviert die Angst um Job und Einfluß die CDU-Abgeordneten, endlich Mumm zu zeigen und den Kurs der Kanzlerin noch zu korrigieren. Denn sie sollte es selbst sein, die das aufräumen muß, was sie an Chaos angerichtet hat. Mit der sog. politischen Verantwortung in den Ruhestand zu verschwinden würde ihr Ansehen endgültig ruinieren.
mkdrsdn 23.06.2018
3. Bei diesem Argument ...
... fehlen mir immer zwei Aspekte. Erstens müsste doch die CSU eine bundesweite Parteiorganisation aufbauen, oder? Wie macht sie denn das? Woher nimmt sie denn das Personal? Zweitens müßte sie doch ihr Narrativ ändern? Die CSU geriert sich bisher immer als Garantin für ein bayrisches "mia san mia", welches die Ursache für höhere Sicherheit, Prosperität und Bildung sein soll. Ich bezweifle, daß ein einfaches "wir regieren das ganze Land wie Bayern, dann wird es auch überall genauso schön" einen Bremer Wähler überzeugt. Daran ist schon einmal Stoiber im Bundestagswahlkampf gescheitert. Und all das in einer unglaublich kurzen Frist! Scheitert die Regierung Anfang Juli, dann hat der Bundespräsident 21 Tage, um eine Neuwahl anzusetzen (es sei denn, die Grünen springen in die Bresche). Die Wahl findet dann maximal 60 Tage später statt - Ende September/Anfang Oktober. Macht die CSU dann Bundestagswahlkampf und Landtagswahl in einem Aufwasch? Sorry, aber ich finde das alles absurd.
Pimpampel 23.06.2018
4. Söder als Kanzler
Lieber Herrr Kuzmany: you saved my day!
chainso 23.06.2018
5. merkel ist am ende, weil
mittlerweile selbst vorzeigelinke wie jakob augstein den rücktritt der kanzlerin fordern. merkel wird jetzt in die zange genommen, von rechts und von links. die machen ein sandwich aus ihr. diesen druck kann angela merkel auf dauer nicht standhalten. ist angela merkel erstmal weg, wird sich die CSU nicht mehr abspalten ,weil dann die CDU wieder da hin rücken wird wo sie hingehört. mitte rechts.
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