CSU in der Krise Das Ende ist nahe

Jahrelang haben Horst Seehofer und Markus Söder mit ihrem Machtkampf um die CSU-Herrschaft Bayern in Atem und die Republik in Geiselhaft gehalten. Sie stritten hart - nun droht der gemeinsame Absturz.

Markus Söder
DPA

Markus Söder

Ein Kommentar von


Die bayerische Landtagswahl ist die wichtigste Wahl der Welt. Wer in Washington herrscht oder Moskau, wer auch immer im Kanzleramt sitzt - all das ist vergleichsweise nebensächlich: Wahre Macht ist nur die Macht in Bayern, im schönsten, großartigsten, besten Bundesland, das jemals vom menschlichen Auge erblickt wurde.

Wer um diese Tatsache nicht weiß, der musste sich in den vergangenen Monaten und Jahren wohl ganz schön gewundert haben: Warum nur ist diese CSU immer so bockig? Warum fordern deren Leute ständig Sachen, bei denen andere nur den Kopf schütteln? Weshalb braucht es eine Pkw-Maut für Ausländer? Weshalb einen staatlichen Zuschuss für die häusliche Kindererziehung? Welchen Grund könnte es geben, bei Kriegsflüchtlingen von "Asyltourismus" zu reden? Was reitet den Bundesinnenminister, immer wieder die Große Koalition an den Abgrund zu treiben?

Die Antwort ist stets dieselbe: Bayernwahl, Bayernwahl, Bayernwahl. Man mag als CSU-Politiker vielleicht ein bundespolitisches Amt innehaben - alles Wollen und Wirken ist dennoch stets nur auf Bayern gerichtet.

Auch die seltsamste Volte christsozialer Politik ließ sich mit dem Wahlgang am 14. Oktober erklären: Die beinharte Opposition Horst Seehofers gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik betonte die Eigenständigkeit der CSU, sein regelmäßiges Einknicken belegte deren dann doch wieder vorhandene verlässliche Koalitionsfähigkeit.

Mal verschärfte Markus Söder den Ton in der Asyldebatte, um potentielle AfD-Stimmen bei der CSU zu halten. Es fruchtete wenig: Bei rechtsgesinnten Wählern kam eine immer radikalere AfD gerade gut an, die bürgerlichen drifteten derweil in Richtung der Grünen ab. Also schaltete Söder um auf eine säuselige Landesvatermelodie und gab den geläuterten Staatsmann. Den nimmt ihm aber auch keiner so richtig ab. Es ist wie verhext. Vom nächtlichen Rücktrittsdramulett bis zur selbstgebauten Weltraumrakete: Sie haben wirklich alles probiert. Aber nichts scheint zu helfen. Und jetzt ist das Ende nahe.

Stimmenfang #67 - Seehofers Kampf: Wie die Bayern-Wahl die Bundespolitik bestimmt

Nun ist schon länger niemand mehr davon ausgegangen, dass die CSU die absolute Mehrheit wird verteidigen können - anderslautende Lippenbekenntnisse ihrer Kandidaten waren nur noch Durchhalteparolen. Längst war klar, wie es nach der Wahl weitergehen würde: Der ungeliebte Parteichef Horst Seehofer würde schnellstens als Schuldiger ausgemacht, aller Ämter enthoben und heim nach Ingolstadt geschickt werden.

Kurzer Prozess nach althergebrachter Tradition der CSU. Zimperlich war sie nie mit Verlierern. Und es wäre ja auch naheliegend, Seehofer zum alleinigen Sündenbock zu machen: Das Irrlicht im Innenministerium strahlt weit über Berlin eine irrationale, verbohrte Kompromisslosigkeit aus, die schon längst nicht mehr als Machtwille imponiert, sondern zunehmend wirkt wie der alles zerstörende Rundumschlag eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat.

Nach jüngster Umfrage ist die CSU nun auf 33 Prozent abgesackt. Das ist ein Wert, den katastrophal zu nennen aus Sicht der Christozialen ein Euphemismus wäre. Damit wäre rechnerisch sogar eine bayerische Regierung ohne die ewige Regierungspartei möglich. Wenn die CSU tatsächlich so tief fallen sollte, dann wird der Partei ein einsamer Schuldiger Seehofer nicht mehr ausreichend sein, das Debakel zu sühnen. Dann muss auch Markus Söder gehen. Und das wohl zurecht.

Video: Warum die CSU diesen Stammwähler verloren hat

SPIEGEL ONLINE

Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte lang hat Söder nach dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten gestrebt. Er war sich für keinen Unsinn zu schade, für keine Boshaftigkeit zu gut, brächte sie ihn nur an die Spitze und Horst Seehofer dem Abgang näher. Am Ende könnte es gerade dieses unbedingte Streben sein, das Markus Söders Karriere beendet, bevor sie für ihn richtig begonnen hat, bevor er sein großes Ziel erreichen konnte, Ministerpräsident und Parteichef in einer Person zu sein: Endlich bayerischer Alleinherrscher.

Alleinherrschaft, auch erträumte, hat allerdings ihre Nachteile: Kaum jemand findet so einen allzu strebsamen Regenten besonders sympathisch. Und ganz oben wird die Luft so dünn, dass es schwierig wird, noch einen klaren Kopf zu bewahren.

Das einigermaßen irre Foto, das der Ministerpräsident kürzlich von sich selbst per Tweet verbreitete, ist nur der jüngste, aber höchst eindringliche Beleg dafür, dass sich die Wahlkampfmaschine Söder angesichts der nahenden Niederlage kräftig überhitzt hat: Wer allen Ernstes vor einem überlebensgroßen Portrait seiner selbst posiert, wer sich wie ein Astronaut eines eigens erfundenen Weltraumprogramms inszenieren und sich gleichsam "Bavaria One" nennen lässt und das dann noch eigenhändig und stolz verbreitet - der hat ganz augenscheinlich jede Verbindung zur Normalität seiner Wähler verloren. Markus Söder ist offenbar in seinen ganz eigenen Kosmos entschwebt, davongeflogen wie ein bunter Gasballon: Leichter als Luft.

Zurück bleibt eine CSU, deren zwei größte Talente sich gegenseitig so heftig zum Wohle der Partei bekämpft haben, dass diese Partei schweren Schaden genommen hat. Sie wird sich vollkommen neu erfinden müssen.

In Bayern brechen neue Zeiten an.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:


insgesamt 113 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sven2016 05.10.2018
1. Besser wird es da nicht
Bayern geht es trotz der CSU sehr gut, aber der Fremdenhaß ist trotzdem da. Passt nicht in Sarrazins verquere Statistiken. Keine Sorge. Die CSU findet schnell noch absurdere Spitzentypen für ihre Partei. Das hat noch fast immer funktioniert (Beckstein vielleicht ausgenommen).
rainer82 05.10.2018
2. Eine 4er-Koalition schickt CSU/AfD in die Opposition.
Lindner hat das heute schon angeschoben: Grüne, SPD, Freie Wähler und FDP gemeinsam als Regierung der politischen Mitte. Dann hat sich's ausgesödert in Bavaria. Und die CSU kämpft dann weiterhin mit den Rechtsextremisten darum, wer am schrillsten schreien kann.
brotherandrew 05.10.2018
3. Totgesagte ...
... leben länger. Ich gehe immer noch davon aus, dass nach der Wahl ohne die CSU in Bayern nicht regiert werden kann.
peeka(neu) 05.10.2018
4. And the winner is...
Ilse Aigner. Es zeigt sich manchmal, dass es klug ist, sich im Hintergrund zu halten, wenn eine Niederlage unabdingbar wird. Schwarz-Grün in Bayern wird wohl mutmaßlich von einer Ministerpräsidentin gestaltet werden. Aber warten wir ab, bis der Bär (no name-jokes!) erlegt wurde. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass bei der CSU die Zeit der eher stillen und sachlichen Politiker anbricht. Vielleicht wechselt ja auch Gerd Müller, einer der wenigen über die Parteigrenzen geachteter Politiker.
allenicksschonweg 05.10.2018
5. Selbst schuld!
Ich war Jahrzehnte lang CSU-Wähler und ich werde auch bei dieser Wahl wieder CSU wählen. Warum? Weil die Landespolitik der CSU nach wie vor die beste aller 16 Länder ist. Warum die CSU nicht mehr darauf hinweist, verwundert mich schon sehr. Die Bundespolitik der CSU war im Gegensatz dazu in den letzten Jahren katastrophal schlecht. Und das hat in der Tat etwas mit diesen zwei Alpha-Männchen Seehofer und Söder zu tun, die sich letztlich beide als Versager erwiesen haben. Von daher ist der Denkzettel eines katastrophal schlechten Wahlergebnisses gerechtfertigt; auch wenn ich nicht glaube, dass das Ergebnis so mies wird, dass man an der CSU vorbeiregieren kann. Neu erfinden muss sich die CSU aber nicht: back to the roots langt völlig. Weg mit den Betonköpfen Seehofer und Söder, ein klares, konservatives aber menschliches Profil und etwas mehr Modernität, zum Beispiel durch eine kompromissorientierte Ministerpräsidentin Aigner statt eines machtgeilen Herrn Söder, dann klappts auch wieder mit den Wählern in Bayern! Denn wie gesagt: die Landespolitik war und ist nicht schlecht! Und in der Bundespolitik sollte man endlich mal etwas leiser treten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.