CSU-Debakel Ende des bayerischen Absolutismus

Bayerische Verhältnisse - die gibt es nicht mehr. Land und CSU gehen getrennte Wege, die Strauß-Enkel Beckstein und Huber sind gescheitert. Ist der Mythos der Ex-Staatspartei noch zu retten?

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München - Grabesstille herrschte um 18 Uhr auf den Fluren des Bayerischen Landtags. Als ob die Zeit einen Augenblick stehen geblieben wäre.

Es ist das Ende des alpenländischen Absolutismus, das Ende einer Ära. Es ist das passiert, was sich bis vor wenigen Wochen niemand, der sich im Politikbetrieb des Freistaates bewegt, wirklich vorstellen konnte. Die CSU hat ihre absolute Mehrheit verloren, sie steht vor einem Trümmerhaufen, ihre Anhänger sind sprachlos. Und das, obwohl sich das Ergebnis von 43,7 Prozent gar nicht so schlecht liest, wenn man nicht die Zustimmung von weit über 50 Prozent verinnerlicht hat wie die CSU. "Bayern, des san mia" lautete das Credo. Bayerische Ergebnisse waren das früher eben, so was gab es nur im Alpenstaat.

Wallfahrt in Altötting: Die Koordinaten haben sich verschoben
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Wallfahrt in Altötting: Die Koordinaten haben sich verschoben

Zweimal war es den Christsozialen sogar gelungen, die 60 Prozent Marke zu reißen. Bei der letzten Wahl 2003 mit dem Spitzenkandidaten Edmund Stoiber. Und der diktierte damals den Journalisten treuherzig in den Block, dass er sich ernsthaft Sorgen um die bayerische SPD mache, die ja immer schwächer werde. Man brauche schon eine zweite starke Volkspartei in der Opposition, sagte Stoiber. Jetzt hat er vier.

Die Koordinaten haben sich an diesem Sonntag in Bayern verschoben. Das Land und die CSU, längst zu einem Ganzen verschmolzen, gehen plötzlich getrennte Wege. Möglich bleibt zwar, dass die Schwarzen weiterhin den Ministerpräsidenten stellen, wenn sich die FDP zu einer Koalition bereit erklärt. Doch die Selbstherrlichkeit, das Kommando über die gesamte Verwaltung, mancherorts über das gesamte öffentliche Leben, sie sind wohl Geschichte.

Generation Strauß muss abtreten

Die Generation der CSU, die im Windschatten des großen Übervaters Franz Josef Strauß an die Macht rauschte, wird nun abtreten müssen. Günther Beckstein und Erwin Huber, seine letzten Recken, die beide im Rentenalter das FJS-Erbe bewahren wollten, sind damit kläglich gescheitert und müssen gehen. Ob die Nachfolger eine Zeitenwende im Mythos CSU einläuten können, bleibt abzuwarten. Denn in diesem Wahlkampf fehlten ihnen allen vor allem Inhalte. Das Programm lautete mangels neuer Ideen: es geht so weiter, wie es immer war in Bayern.

17 Prozent der Wähler wollten aber nicht mehr, dass es so weiter geht. Deshalb ist auch nicht der Pannenwahlkampf des Tandems Beckstein/Huber schuld an dem schwarzen Debakel. Die Bürger haben sich schließlich nicht für rechte und linke Extreme entschieden bei dieser Wahl. Sie sind in der Mitte geblieben und die CSU-Stammwähler haben denen ihre Stimme gegeben, von denen sie sich mehr Mitsprache versprechen. Denn in letzten fünf Jahren hat sich offenbart, wie weit sich die Regierungspartei von der Lebenswirklichkeit vor allem der Menschen in den Städten entfernt hat.

Noch immer zum Beispiel gelten Homosexuelle im Freistaat als Außenseiter, die nicht wie überall sonst in Deutschland in Standesämtern heiraten dürfen. Noch immer werden durch das großzügige bayerische Konkordat 80 Millionen Euro jährlich an die Bischöfe gezahlt, obwohl viele Steuerzahler deren Kirchen gar nicht angehören. 15 Jahre lang rief Stoiber den Wählern zu, "'Multikulti' wird es mit uns nicht geben!" Da gab es in jeder Schulklasse längst ein Dutzend Nationen, in jedem bayerischen Straßenbahnwagon traf man Menschen aller Hautfarben und Religion.

Bildungsmisere gab den Ausschlag

In ihrem Alleinvertretungsanspruch plante die CSU den milliardenschweren Transrapid, den außer ihrer Führungsspitze niemand wollte und erlitt eine Bauchlandung. Mit der gleichen Hochnäsigkeit entschied sie über eine dritte Startbahn am Münchner Flughafen. Es sieht so aus, als ob es auch dem geduldigen, bodenständigen Untertanen jetzt reicht.

Den meisten Unmut aber verursacht die Misere in den Schulen. Die CSU preist sich ohne Unterlass als Bildungssieger der Republik. Zwei Wochen vor der Wahl, als die Bayern aus den Ferien kamen und zusammen mit dem Schulbeginn der Wahlkampf so richtig Fahrt aufnehmen sollte, zeigte sich den Eltern, Kindern und Pädagogen, dass im reichen Freistaat noch immer die Klassen viel zu groß sind, dass überall Lehrkräfte fehlen, Unmengen Stunden ausfallen, dass auf dem flachen Land Dutzende Schulen geschlossen werden, dass die Mittagsbetreuung noch immer improvisiert ist, dass die Ganztagsschule, die berufstätige Eltern dringend brauchen, noch die Ausnahme ist.

Der Wähler hat den Regenten mit seiner Stimmabgabe diesmal vor allem eines gezeigt: dass er mehr nachdenkt, als ihm die Dauer-Sieger gemeinhin zutrauten. Und deshalb läuft auch der designierte neue Parteivorsitzende Horst Seehofer Gefahr, den Schrumpfprozess fortzusetzen. Seehofer sagte vergangene Woche allen Ernstes, er befürworte natürlich weiterhin den Anbau von Gen-Pflanzen - nur nicht in Bayern. Die Zeiten, in denen das Volk auf solche Manöver reingefallen ist, sind lange vorbei.



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