CSU im Rausch Endlich die Sau rauslassen

Jahrelang fühlte sich die CSU von Angela Merkel gedemütigt - jetzt rächt sie sich. In ihrem Furor zeigen die Christsozialen, um was es ihnen geht: nicht um Europa, nicht um Deutschland - sondern allein um die Macht in Bayern.

Horst Seehofer, Mitglieder der CSU-Landesgruppe
MARKUS HEINE/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Horst Seehofer, Mitglieder der CSU-Landesgruppe

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So wenig Union war die Union noch nie. Im Deutschen Bundestag tagen die Fraktionen von CDU und CSU, als seien das keine Schwesterparteien, sondern Konkurrenten. Mehr noch: politische Gegner. Die CDU-Leute scharen sich mühsam um ihre Vorsitzende und Kanzlerin Angela Merkel. Die CSU hingegen befindet sich im Rausch der Revolution, und es scheint kein Halten mehr zu geben. Endlich können ihre Leute die Sau herauslassen, die sie so lange einsperren mussten, um im Bund mitregieren zu können.

Jahrelang haben sich die bayerischen Konservativen von Angela Merkel gedemütigt gefühlt. Die Kanzlerin hat CSU-Ideen wie das Erziehungsgeld oder die Ausländermaut stets zweitrangig behandelt und mit minimalem Elan nur dann vertreten, wenn es unbedingt sein musste. Was sie tatsächlich von den bajuwarischen Anliegen hielt, war dabei immer klar: Zu klein waren die, zu unwichtig für eine Weltenlenkerin ihres Ranges. Die von Anfang an verhasste Flüchtlingspolitik Merkels erhöhte den Druck dann ins Unerträgliche, im Inneren der CSU brodelte es. Jetzt reicht es endgültig. Es droht der Bruch.

Nein, nicht einmal mehr 14 Tage will man der eigenen Kanzlerin geben, eine europäische Lösung im Streit um die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Landesgrenze zu finden. Selbst die Grünen, die als Oppositionspartei doch eigentlich daran interessiert sein müssten, dass die Koalition scheitert, zeigen sich "tief besorgt" um die Stabilität der Regierung. Man könnte angesichts der aggressiven Kompromisslosigkeit ihrer Vertreter von einer Trumpisierung der CSU reden, aber das wäre zu viel der Ehre für den Oberpopulisten im Weißen Haus. Denn "Bayern zuerst" war schon Grundsatz der CSU, als Trump noch längst nicht davon träumte, Präsident werden zu wollen.

Lange war die CSU domestiziert, in ihrem Furor zeigt die bayerische Regionalpartei nun deutlich, um was es ihr eigentlich und hauptsächlich geht und schon immer ging: Nicht um Europa, nicht um Deutschland, nicht um eine stabile Regierung im Bund - allein die Macht in Bayern ist ihr wichtig.

Diese Macht steht auf dem Spiel, denn im Oktober ist Landtagswahl. Also scheint der CSU jedes Mittel recht, das ihr im Wahlkampf nützlich erscheint. Als wolle er die AfD rechts überholen, schürt Alexander Dobrindt die Angst vor muslimischen Zuwanderern und ihrer Religion. Den Rechtsweg würde er für abgelehnte Asylbewerber am liebsten abschaffen. Der deutsche Innenminister Horst Seehofer weigert sich mit fadenscheinigen Begründungen, über Integration auch nur zu reden. Lieber trifft er sich mit dem konservativen Regierungschef aus Österreich, um mit diesem und den Rechtspopulisten aus Italien ausgerechnet eine "Achse" zu schmieden. Und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder verkündet kraft seiner strahlenden Herrlichkeit schon das Ende der Europäischen Union: "Die Zeit des geordneten Multilateralismus" sei vorbei. Sollte Söder als Nächstes die bayerische Grenzpolizei zur Flüchtlingsabwehr auch an innerdeutschen Grenzen aufstellen wollen - es würde nicht mehr weiter verwundern.

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Die CSU hat sich in eine Rage geredet wie nach drei zu schnell heruntergestürzten Maß Bier, und man muss sich Sorgen machen, dass nicht bald jemand einen Maßkrug über den Schädel gezogen bekommt. Es könnte so kommen. In der CDU zieht man irritiert die Köpfe ein.

So ein fortgesetztes Delirium Bavaricum kann für Angela Merkel allerdings auch sein Gutes haben: eine reinigende, kathartische Wirkung. Jetzt tanzen sie auf den Tischen und schlagen sich laut brüllend auf die Brust, doch auch dem besten Rausch folgt ein Kater, folgen Ernüchterung und Reue. Sollte diese Regierung noch bis zum Anpfiff am Sonntag überstehen, wenn Deutschland in Moskau gegen Mexiko spielt, dann hat Merkel gewonnen. Dann interessiert sich dieses Land vorerst kaum noch für bayerische Revolutionsfantasien, sondern vorrangig für den orthopädischen Gesundheitszustand Manuel Neuers. Und dann kann die Union ganz still und ohne große Worte einen Kompromiss finden.

Das fällt dann auch viel leichter, wenn man vorher einmal so richtig Dampf ablassen konnte.

insgesamt 306 Beiträge
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Seite 1
nordlys 14.06.2018
1. Typisch
Ein typischer Kuzmany - Merkel will die Welt retten und den anderen politischen Kräften geht es nur um die Macht. Immer wieder erheiternd.
Torfstecher 14.06.2018
2. Mehr Druck in den Kessel bitte.
"CSU im Rausch: Endlich die Sau rauslassen" Haben ja einen echten Sautreiber, die AfD, im Nacken. Das wird eine Wahl in Bayern. Denen geht derzeit A ... so was von auf Grundeis. Nur sind die Wähler lange nicht so blöd, das nicht zu merken. Da kommt noch einiges. Wird so spannend, wie die letzte Bundestagswahl. Wir wäre es mal mit ein paar netten Wählerumfragen? Mehr Druck in den Kessel bitte.
Waldkind 14.06.2018
3.
Frau Merkel und ihre Vasallen haben sich für Europa nie ernsthaft interessiert, siehe ihr Verhalten in Griechenland oder während der Migrationskrise 2015. Um so ironischer, dass sie gerade jetzt die Karte einer "europäischen Lösung" spielt - und ihr die bekannten willfährigen Journalisten auch noch moralisierende Schützenhilfe leisten. Bzgl. der CSU besorgt mich lediglich, dass ihr neuentdeckter Elan hinsichtlich des Grenzschutzes nach der Bayernwahl wohl wieder verpufft sein wird.
franz.v.trotta 14.06.2018
4.
"Nein, nicht einmal mehr 14 Tage will man der eigenen Kanzlerin geben, eine europäische Lösung im Streit um die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Landesgrenze zu finden." Frau Merkel sucht schon seit 2 Jahren, eine europäische Lösung herbeizuführen. Aber sie ist damit gescheitert, nicht ohne eigenes Verschulden.
pragmat 14.06.2018
5. Das Delirium Kuzmanyium
Was Herr Kuzmany in seiner Rage über die CSU "vergessen" hat, ist die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland aus Bundesländern besteht, die ihre verfassungsgemäßen Rechte haben. So ist die territoriale Souveränität des Landes Bayern im Grundgesetz verankert, was bedeutet, dass die Einreise, Aufenthalt und Ausreise von Bürgern und Ausländern eine Hoheitsangelegenheit von Bayern ist. Ein Bundesinnenminister oder eine Bundeskanzlerin kann in dem Zusammenhang nur eine Gesetzesvorlage erstellen, die dann gegebenfalls vom Bundesrat (der Länder) verabschiedet wird. In der Frage der Grenzkontrollen hat dabei jedes Bundesland ein Vetorecht und kann vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, um seine Oberhoheit bestätigen zu lassen. Das alles weiss natürlich Frau Merkel, die es aber darauf ankommen läßt, den Ländern diese Souveränität mit dem Vorwand der Humanität unter Verweis auf eine nicht vorhandene europäische Lösung zu entziehen. Nicht mehr und nicht weniger, Herr Kuzmany.
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