Von Veit Medick und Severin Weiland
Berlin - Hans Michael Strepp ist nicht mehr zu erreichen. Nach seinem Rücktritt als CSU-Sprecher ist der 44-Jährige abgetaucht. Kein Wort zum genauen Ablauf seines Abschieds, kein Kommentar mehr zu seiner Intervention beim ZDF. Es ist wie so oft, wenn in der Politik jemand den Hut nehmen muss: Der Gefallene verpasst sich erst mal einen Maulkorb. Bloß raus aus der Nummer.
Strepp ist weg - doch der Schrecken sitzt vielen Christsozialen noch in den Knochen. Nach den zuletzt märchenhaft verlaufenen Wochen ist der Streit über die Anruf-Affäre ein äußerst unangenehmes Rendezvous mit der Wirklichkeit. Der Gegner lebt, die CSU ist angreifbar. Das ist, ein knappes Jahr vor der bayerischen Landtagswahl, keine schöne Botschaft.
In der Partei rumort es. Von einem "Vorgang, der uns noch sehr schaden wird", ist in der CSU die Rede. Den meisten Christsozialen ist klar, dass die Sache mit der Demission des Sprechers noch nicht ausgestanden ist. Die Opposition im Landtag ist fest entschlossen, den Patzer weiter auszuschlachten, in den Gremien des ZDF wird der Fall noch eine Rolle spielen.
Besonders einem drohen schwere Wochen: Alexander Dobrindt. Der Generalsekretär, seit mehr als drei Jahren Horst Seehofers Mann fürs Grobe, steht unter Druck. Mutmaßungen, Strepp habe womöglich nicht auf eigene Faust gehandelt, sondern auf Anweisung aus der CSU-Zentrale, zielen vor allem in seine Richtung. Dass Dobrindt Strepp anstiftete, klingt wie eine wilde Verschwörungstheorie. Aber viele in- und außerhalb seiner Partei trauen es dem eifrigen Generalsekretär zu. Das ist sein Problem.
"Ein angeschlagener Generalsekretär"
Hinzu kommt, dass er in den vergangenen Tagen nicht den souveränsten Eindruck gemacht hat. Anders als Ministerpräsident Horst Seehofer hat Dobrindt, Mitglied im ZDF-Fernsehrat, den Fall unterschätzt. Seehofer brauchte nur wenige Stunden, um nach den ersten Berichten über Strepps Fauxpas Aufklärung zu versprechen. Er sagte die Teilnahme an der Ministerpräsidentenkonferenz in Weimar ab und stellte sich stattdessen einer Debatte im Landtag. Ich nehme die Vorwürfe sehr ernst, so die Botschaft.
Anders Dobrindt. Außer einer knappen Erklärung, in der er am Mittwochnachmittag Strepp voreilig stützte, war vom sonst so forschen Generalsekretär wenig zu vernehmen. So wenig, dass selbst Finanzminister Markus Söder zwischenzeitlich unruhig wurde und ihn am Donnerstagmorgen, kurz vor Strepps Abgang, indirekt ermahnte, tätig zu werden. Dass er damit an Dobrindts Autorität kratzte, nahm er bewusst in Kauf.
Dobrindts unglückliches Agieren in der Causa Strepp ist auch anderen Parteifreunden nicht entgangen. "Er hat das Krisenmanagement verpatzt", kritisiert ein Ex-Minister und stöhnt: "Er war nicht in der Lage zu erkennen, welche Lawine da auf uns zurollt. Wir gehen mit einem angeschlagenen Generalsekretär in den Wahlkampf." Das mag eine besonders drastische Sichtweise sein. Aber klar ist schon: Werbung in eigener Sache hat Dobrindt in den vergangenen Tagen nicht gemacht.
Er selbst verteidigt sich. Vor allem die Mutmaßungen, er stecke in Wahrheit hinter den Versuchen, Berichte über den politischen Gegner zu beeinflussen, nagen an ihm. "Ich habe keine Weisung gegeben", sagte Dobrindt SPIEGEL ONLINE und fügte hinzu: "Ich habe erst am Dienstag von Herrn Strepp vom Telefonat beim ZDF erfahren. Wenn ich davon früher Kenntnis bekommen hätte, dann hätte ich einen solchen Anruf auch nicht geduldet."
Kritiker reiben sich seit Monaten an Dobrindts Amtsführung
Der CSU-Generalsekretär wehrt sich auch gegen Vorhaltungen, er habe zu spät reagiert und sei abgetaucht. Detailliert listet er auf, wie der Ablauf aus seiner Sicht war - von den ersten E-Mails von Strepp an den Vizechefredakteur des ZDF bis zu der von ihm verbreiteten Erklärung. "Am Mittwoch und Donnerstag habe ich in Gesprächen mit dem ZDF versucht, zu einer übereinstimmenden Klärung oder Bewertung des Sachverhalts zu kommen. Am Donnerstagmittag war klar, dass dies nicht möglich war", sagt er. Über das Ergebnis habe er dann Strepp informiert, dieser habe anschließend um seine Entbindung von der Sprecheraufgabe gebeten.
Dass im Fall Strepp Eile geboten war, sieht auch Stefan Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag so. Der Parteisprecher habe einen "kaum entschuldbaren Fehler" begangen. Ob Dobrindt, der zunächst noch Strepp verteidigt hatte, einen Fehler begangen habe? "Meine Erwartung an den Generalsekretär ist, dass er mit den Beteiligten redet und die Sache klärt, das hat er getan", sagt Müller. Markus Ferber, CSU-Europaparlamentarier, rechtfertigt ebenfalls das Vorgehen, ohne dabei auf Dobrindts Rolle einzugehen. "Es geht auch darum, die Partei zu schützen, daher war die Annahme des Rücktritts unausweichlich", sagt er.
Dobrindt geht beschädigt aus der Causa Strepp hervor. Seine Gegner in der Partei, von denen es einige gibt, beäugen seine Amtsführung ohnehin seit Monaten kritisch. Dobrindts Angriffe gegen Griechenland und gegen EZB-Präsidenten Mario Draghi sorgten vor allem unter Europapolitikern der CSU für Kopfschütteln. Mit dem Verbalschlag gegen Draghi - "Falschmünzer Europas" - überzog er selbst aus Seehofers Sicht. "Es hat sich eine Menge an Groll aufgestaut", sagt ein prominenter Christsozialer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Läuft es schlecht, droht er zur Belastung für den CSU-Wahlkampf zu werden. Die SPD in Bayern schießt sich jedenfalls längst auf den Generalsekretär ein. Dobrindt müsse als Mitglied des ZDF-Fernsehrats zurücktreten, fordert Landeschef Florian Pronold. Der Christsoziale sei "untragbar geworden, weil er in der Affäre vertuscht statt aufgeklärt hat".
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema CSU | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH