Koschyk und Ramsauer CSU-Politiker rechnen mit Seehofer ab

Öffentliche Kritik am Chef ist in der CSU eigentlich tabu, den Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk schert das nicht. Er wirft Horst Seehofer vor: Sein Umgang mit Führungskräften entspreche nicht christlichen Grundsätzen. Auch Peter Ramsauer ist verärgert.

CSU-Politiker Koschyk (Archivbild): "In dreiminütigem Telefonat abgefertigt"
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CSU-Politiker Koschyk (Archivbild): "In dreiminütigem Telefonat abgefertigt"


München - Wahlen wirken disziplinierend, das war in den vergangenen Wochen immer wieder von CSU-Leuten zu hören. Dahinter steckte die Überzeugung, dass in der Partei trotz mancher Unzufriedenheit Ruhe bis zur Europawahl am 25. Mai herrschen würde. Schließlich wolle niemand den Erfolg bei der Abstimmung gefährden. So weit die Theorie, die Praxis sieht anders aus.

Bei Hartmut Koschyk, dem oberfränkischen Bundestagsabgeordneten, muss der Frust so tief gesessen haben, dass er seinen Ärger jetzt rausließ - und der trifft mit voller Wucht Parteichef Horst Seehofer. Koschyk, der nach der Bundestagswahl überraschend sein Amt als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium verloren hatte, kritisierte die Personalführung Seehofers. "Der Umgang des Parteivorsitzenden mit Führungskräften entspricht nicht dem, was man von einer Partei mit christlichen Grundsätzen erwarten darf", sagte Koschyk der "Nürnberger Zeitung". Er sei damals von Seehofer "in einem dreiminütigen Telefongespräch abgefertigt worden", so Koschyk. "In keinem Wirtschaftsunternehmen, das etwas auf sich hält, wird heutzutage noch derart mit Führungspersonal umgegangen." Die CSU benötige "dringend eine Führungs- und Umgangskultur nach christlichen Maßstäben".

Gegenüber dem "Nordbayerischen Kurier" sagte Koschyk, dass er sich "gerade vom Parteivorsitzenden einen menschlich anständigen Umgang mit Parteifreunden" wünsche. Es dauerte nicht lange, bis Ex-Verkehrsminister Peter Ramsauer nachlegte: "Den Worten Koschyks ist nichts hinzuzufügen", sagte der Parteivize der "Welt". Ramsauer rief dazu auf, die Parteiregeln zu beachten. Der CSU-Vorstand habe zuletzt einen Verhaltenskodex beschlossen: "Dieser braucht auch im internen Miteinander nur umgesetzt werden."

Trotz der Erfolge der CSU bei der vergangenen bayerischen Landtags- und der Bundestagswahl ist die Stimmung in der Partei nicht gerade euphorisch. Es gibt gleich mehrere Gründe dafür: So wird inzwischen auch in der Partei Seehofers unklarer Kurs in der Energiepolitik kritisch gesehen - einerseits betont Seehofer, mit ganzer Kraft die Energiewende zu unterstützen, andererseits macht er Politik gegen große Windräder im Freistaat und unterstützt Gegner der umstrittenen Stromtrasse, die von Sachsen-Anhalt nach Bayern führen soll. Zuletzt rutschte die Partei bei der Kommunalwahl unter die 40-Prozent-Marke und schwächelte vor allem in den Großstädten.

Vor allem aber regt sich bei einigen in der Partei Unmut gegen Seehofers harten Umgangston gegenüber Parteifreunden. Regelmäßig traf es in der Vergangenheit Hans-Peter Friedrich, der zuletzt wegen der Edathy-Affäre als Minister zurückgetreten war. Auch Ramsauer wurde regelmäßig gerüffelt. Wie Seehofer nach der Bundestagswahl seinen damaligen Minister fallen ließ, empfanden viele als unfreundlichen Akt. Ramsauer revanchierte sich schon zuletzt mit einer kaum verhohlenen Attacke gegen Seehofer. Der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie warnte vor einem Moratorium des Netzausbaus: "Wer jetzt ein Moratorium des Netzausbaus fordert, der fordert auch ein Moratorium des Atomausstiegs", hatte Ramsauer der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt - zuvor hatte Seehofer den Netzausbau in Frage gestellt.

Verschont bleibt von Seehofers regelmäßigem Tadel kaum eine der CSU-Führungskräfte. Zuletzt bekam dies Bayerns Justizminister Winfried Bausback zu spüren: Die Justizvollzugsanstalt Landsberg, wo Uli Hoeneß demnächst seine Strafe absitzen wird, hatte Ende März 150 Journalisten ihre Räume präsentiert - Seehofer war verärgert: Hoeneß solle wie jeder andere Häftling behandelt werden, sagte die stellvertretende bayerische Regierungschefin Ilse Aigner nach einer Kabinettssitzung und fügte unmissverständlich hinzu: "Es war die Bitte des Ministerpräsidenten, dass staatliche Stellen künftig nicht mehr dazu beitragen, dass hier Tür und Tor geöffnet werden."

Ob Seehofer bereits auf Koschyks scharfe Kritik reagiert hat, ist nicht bekannt. An diesem Mittwoch wird er ihn nur schwer erreichen können: Koschyk feiert seinen 55. Geburtstag, sein Handy ist ausgeschaltet. Mitarbeitern zufolge möchte er nicht gestört werden und den Tag mit seiner Familie verbringen.

hen



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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
hauptsache_dagegen 16.04.2014
1.
Passt doch - immerhin widerspricht die Politik der CSU ebenfalls christlichen Grundsätzen, welche eindeutig in der Bibel stehen. Und zwar regelmäßig. Die große Schwester übrigens genauso; dies hier soll gewiss kein Bayern-Bashing sein.
MrSelfDestruct 16.04.2014
2.
Na, wenn schon die eigenen CSUler mosern..... Die folgen ja ansonsten blind.
gog-magog 16.04.2014
3.
Zitat von sysopDPAÖffentliche Kritik am Chef ist in der eigentlich CSU tabu, den Bundestagsabgeordneten Hartmut Koschyk schert das nicht. Er wirft Horst Seehofer vor: Sein Umgang mit Führungskräften entspreche nicht christlichen Grundsätzen. Auch Peter Ramsauer ist verärgert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/csu-hartmut-koschyk-wirft-horst-seehofer-unchristlichen-stil-vor-a-964726.html
Hat Herr Koschyk denn wirklich etwas anderes erwartet, als das, was die CSU schon seit ihrer Gründung praktiziert? So neu kann ihm das doch nun wirklich nicht sein. Aber eines stimmt wirklich: mit Christentum hat das Treiben Seehofers und seiner Schergen nun wirklich nichts zu tun. Für das Volk übrigens auch nicht.
stieper 16.04.2014
4. Alleinherrschet
Die CSU war doch eigentlich immer schon eine Partei, in der einzelne Personen nahezu allein und völlig unangetastet über die Köpfe des Parteivolkes und sämtlicher Gremien hinweg regiert haben (FJS !!). Seltsam, dass sich dies alle immer wieder gefallen lassen und keine Meinung zulassen, die nicht vom Chef vorgegeben wurde. Führungsstärke heißt eben nicht alleiniger Machtanspruch !
rofldub 16.04.2014
5.
Endlich regt sich da unten mal was. Wer weiß, vielleicht gibt es ja demnächst entweder einen neuen CSU-Führer, oder bis auf Seehofer wird einfach mal die Führungsriege gewechselt. Zweiteres wäre dem Wende-Horst auf jeden Fall zuzutrauen. Schnell weg mit den unliebsamen Parteigenossen, die ihm nicht blind folgen wollen. Ging ja mit einem aus Bayern schon mal schief.
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