CSU-Wahlkampf Im Bierzelt läuft's, in der Stadt nicht so

Ministerpräsident Markus Söder füllt die Hallen, dennoch droht seiner Partei eine Schlappe bei der Landtagswahl. Nun will die CSU mit einem speziellen Programm für Großstädter punkten.

Markus Söder im Bierzelt auf dem Reutberger Josefifest
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Markus Söder im Bierzelt auf dem Reutberger Josefifest

Von , München


Das Publikum im Bierzelt verteilt sich auf verschiedene Zonen, erfahrene Redner wie Markus Söder wissen das: Ganz vorne nehmen die Mandatsträger, Funktionäre und sonstigen Honoratioren Platz. Sie sind schon aus Eigennutz daran interessiert, dass die Veranstaltung gut läuft.

In der Mitte, schon ein bisschen verschwommen im Bierdunst, sitzen gedrängt die Wohlgesonnenen und zuverlässigen Beifallklatscher. Sie freuen sich über einen gelungenen Witz, ein Selfie mit dem hohen Gast oder einen Händedruck. Ganz hinten im Zelt, neben der Ausgabe für das Bier und die Hendl, bleibt auf den Bierbänken noch Platz. Die Leute dort, die muss der Redner fesseln.

Nach den Maßstäben der Bierzelt-Typologie absolviert der bayerische Ministerpräsident derzeit eine Erfolgstour durch den Freistaat: Er tingelt von Dult über Kirchweih zu Dorffest, Dutzende Auftritte quer durchs Land, mit Schwerpunkt Oberbayern. Und meist bekommt er auch einigen Beifall von ganz hinten.

Vierte Dimension

Das Problem für Söder und seine Christsozialen: Zu den bewährten Bierzeltkategorien ist eine vierte Dimension hinzugekommen: Die, die gar nicht mehr hingehen. Die sich abgewendet haben von der CSU. Abgeschreckt von der scharfen Rhetorik auf der einen Seite oder auf der anderen Seite entschlossen, mit der AfD den Protest zu wählen.

Zuletzt lag die CSU in den Umfragen um die 38 Prozent, Tendenz eher fallend. Und wenn in Bayern demnächst die Schulferien zu Ende gehen, bleibt nur noch ein Monat, den Trend zu drehen.

Die CSU mobilisiert immer noch, besonders ihr Ministerpräsident. So etwa im niederbayerischen Landshut, florierende Mittelstadt mit 70.000 Einwohnern, eine Stunde von München entfernt. Den Tross der Limousinen aus der Landeshauptstadt erwartet draußen zunächst eine Gruppe von Protestierenden. "Seenotrettung ist kein Verbrechen", ist auf ihren Plakaten zu lesen, sie skandieren "CSU und AfD, beide tun der Freiheit weh".

"Ich konnte länger schreien, als ich in deren Alter war", sagt Söder zu seinen eigenen Wahlkampfhelfern, die vor einem silbernen Mini stehen. Aufschrift: "Bavaria One. Mission Zukunft. Die junge CSU." Schulterklopfen, Fotos mit den Sanitätern, dann geht es zum Marsch der Blaskapelle hinein durch den Mittelgang in Richtung Bühne.

"Sinnvolle Begrenzung der Zuwanderung"

Söder hält seine derzeitige Standardrede, sie enthält viel Selbstbewusstsein und viel Soziales, aber kaum rhetorische Schärfe. Erst in der Mitte der Rede kommt Söder auf Flucht und Zuwanderung zu sprechen. Er leitet den Themenblock ein mit einem Dank an die Kommunalpolitiker, Kirchen und Flüchtlingshelfer, die dazu beigetragen hätten, dass das Bundesland die Versorgung von einer Million Menschen gut bewältigt habe.

Aber nun: "Wir brauchen eine sinnvolle Begrenzung und Steuerung der Zuwanderung." Straftäter müssten konsequent abgeschoben werden. Söder ruft: "Wir helfen gern. Aber wir dürfen die einheimische Bevölkerung nicht vergessen."

Für die Indigenen Bayerns enthält die Rede viele Schmankerl: Söders Lob auf pflegende Angehörige, diverse Geldleistungen zum Erwerb von Wohneigentum, den Ausbau der Kinderbetreuung.

Dem Landshuter Direktkandidaten verspricht Söder die gewünschte Unterstützung bei der Ausbildung von Hebammen. Ob der "liebe Helmut" denn bald eine brauche?, frotzelt Söder. Und über seine eigenen politischen Ambitionen: "Ich bin jetzt über hundert Tage im Amt. Von mir aus hätte es auch früher losgehen können."

Der Tenor von Söders Wahlkampfrede lautet: "Mein Angebot an Sie ist, Demut mit Kraft in der Politik zu verbinden." Aber reichen spät entdeckte Demut und funktionierende Pointen im Bierzelt für einen Wahlerfolg aus? Die Wahlkampfstrategen der CSU plagen derzeit vor allem Probleme außerhalb der Bierzelte.

Vor allem im Großraum München droht der Partei eine bislang ungekannte Schlappe. Kommende Woche wird Söder einen eigenen München-Plan vorstellen. Darin geht es viel um Verkehr und bezahlbares Wohnen, darum, wie sich Normalverdiener in der Boomregion behaupten können. Wachstum solle mit "Empathie und Struktur" erfolgen, fordert Söder vorab.

Aigner soll in München punkten

Auf den Plakaten für Oberbayern und München, die ab Anfang September gehängt werden, wird der Franke Söder gemeinsam mit Ilse Aigner zu sehen sein, Ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr und Chefin des CSU-Bezirks Oberbayern, des mächtigsten aller Bezirke.

Aigner ist die Politikerin, von der auch Grüne im Hintergrund sagen, dass man eigentlich ganz gut mit ihr könne. Sie distanzierte sich zuletzt vom CSU-internen Machtkampf, nun soll sie auch bei der urbanen Wählerschaft punkten. Das passende Plakat zeigt Aigner und Söder Rücken an Rücken, Textzeile: "Ein starkes Team."

Vor einigen Tagen erklärte Söder die Grünen zum Hauptgegner, in seinen Reden tauchen sie nun als "Bevormundungspartei" auf. Die CSU schmerzt der Höhenflug der Ökopartei in den Umfragen. Doch auch von der anderen Seite zerrt es an der christsozialen Selbstgewissheit. So plädierte ein Erlanger CSU-Stadtrat für Bündnisse mit der AfD, eine Diskussion, die die Parteioberen schnell abbügelten.

So kämpft die CSU kurz vor Beginn der heißen Wahlkampfphase an mindestens zwei Fronten, hinzu kommen Pannen und Geplänkel, wie mit der SPD um zweckentfremdete Wahlkampf-Domains im Internet.

An die absolute Mehrheit glauben außer Parteichef Horst Seehofer derzeit nur wenige in der Partei. Söder verweist regelmäßig auf den negativen Bundestrend. Zum erwarteten Wahlergebnis sagt der Spitzenkandidat der CSU: "Wenn die Union bundesweit bei 28 Prozent steht, können wir nicht 65 Prozent erreichen."

Im Video: Der bayerische Bestimmer - Markus Söder

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insgesamt 33 Beiträge
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tiger-li 30.08.2018
1. Afd nicht grün ist der Gegner
Bemüht man die Statistik fällt auf, dass die Afd etwa so viel gewonnen hat, wie die CSU verloren! Der Spektrum der linken Wähler ist relativ stabil! Sollte die CSU mal schauen, dass sie die Afd klein hält. Wie das geht? Leider keine Ahnung! Solange das Thema Ausländer im Vordergrund steht, gewinnt die AfD. Wir brauchen ein neues Thema ....,
burlei 30.08.2018
2. Die Anbiederung der CSU ...
... an ihr großes Vorbild AfD funktioniert. Die INSA-Umfrage vom 28.08.2018 attestiert der CSU 36% (Forsa vom 13.08.: 38%), die AfD liegt bei 14% (Forsa vom 13.08.: 13%). Die Rechtsnationalisten kommen also auf 50%, die Demokraten (SPD, Grüne, Linke, FW, FDP, Sonstige) teilen sich in die andere Hälfte. Bis zur Wahl kommen bestimmt noch ein paar Dutzend Bierzeltreden dazu, sodass die CSU gut und gerne mit 30, 32% die stärkste Nationalistische Partei Bayerns wird, gefolgt von der AfD, die mit 20, 22% den braunen Bodensatz zu einer Koalition der Nationalistischen Bayrischen Volksparteien beisteuert. Bayern wird wieder da sein, wo Bayern hin gehört: An der Spitze der Bewegung.
issernichsüss 30.08.2018
3. Wir Baden-Württemberger haben Kretschmann,
die Bayern leisten sich einen Söder. Aber um nichts in der Welt würde ein Schwabe oder Badener mit den Bayern tauschen wollen. Woran liegt das? Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit kann man sich eben nicht umhängen wie ein Mäntelchen. Also Herr Söder, schreiben Sie die kommende Bayernwahl ab und bereiten Sie sich und Ihre CSU schon jetzt auf den übernächsten Wahlkampf, mit glaubwürdigeren Themen und ehrlicheren Haltungen, vor!
lausemann 30.08.2018
4. Wird so nichts!
Den Grünen muss die CSU Wähler abnehmen. Naturvernichtung zu Gunsten von unsinnigen Tourismusprojekten (Schneekanonen, Hängebrücken und vieles mehr) schreckt etliche Bürger ab. Vielleicht gewinnt die CSU dadurch nur einige wenige Prozentpunkte hinzu, wäre ja schon was. AFD Wähler kann man nicht überzeugen. Im Gegenteil: jedes Übernehmen von oder Annäherung an Positionen dieser Gruppe, bestärkt sie und potentielle Wähler nur, dass die AFD auch eine demokratische Partei und durchaus wählbar sei.
TardisRocks 30.08.2018
5. Ja im Bierzelt...
... ist Söder stark. Das glaubt man sofort. Liegt doch die Vermutung nahe seine Konzepte entstehen alle nach langen Bierzeltaufenthalten. Passend auch die Passage "Ich konnte länger schreien als ich in deren Alter war" sagt doch eigentlich alles über diesen Mann aus. Statt sich mit den Menschen und damit seinen Wählern auseinanderzusetzen werden Randthemen wie Zuwanderung, das Polizeigesetz oder vor ein paar Jahren der Verkauf der GBW nach Gutsherrenart durchgewunken. Sein Wahlkampf basiert zu 90% darauf irgendwelchen Kommunalpolitikern finanzielle Anreize zu versprechen aber Inhaltlich bewegt man sich bei der CSU schon ziemlich nah an der AfD und was deren Inhalte sind, hat Herr Gauland ja super demonstriert.
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