CSU-Kronprinzen Guttenberg und Weber Zwei Männer, ein Ziel

Der eine Darling des Volkes, der andere Mann der Partei: Wirtschaftsminister Guttenberg lässt sich für seine harte Haltung gegen Staatshilfen in Bayern feiern. Gemeinsam mit Europakandidat Manfred Weber bastelt er an der Zukunft der CSU - und überstrahlt Parteichef Seehofer.

Aus Niederbayern berichtet


Es sind harte Tage für Karl-Theodor zu Guttenberg. Erst kämpft der Bundeswirtschaftsminister einsam für eine Opel-Insolvenz, jetzt hat er mit dem Handels- und Touristikkonzern Arcandor gleich den nächsten Problemfall auf dem Tisch. Und parallel schickt sich die SPD an, gegen den CSU-Mann eine Kampagne à la Kirchhof ("Professor aus Heidelberg") zu fahren. Altkanzler Gerhard Schröder gab mit seinem Wort vom "Baron aus Bayern" schon mal die Richtung vor.

Doch Kommunikationsexperten warnen die SPD vor einem Eigentor. Denn bei den Bürgern kommt der Freiherr aus Franken an. Die CSU-Strategen lassen mittlerweile bayernweit Großplakate mit ihrem Shootingstar kleben - gerade auch wegen seiner skeptischen Haltung in Sachen Staatshilfe für Unternehmen. Guttenberg selbst konnte seine Beliebtheit in den letzten Tagen selbst testen, im bayerischen Europawahlkampf.

Kaum ein Bundesminister ist so jung im Amt derart gefeiert worden.

Da steht er in einem Flecken namens Entschenreuth irgendwo im Bayerischen Wald neben dem Herrn Köppl vor dessen rotlackierten Rasenmähern. Es ist Pfingstsamstag, der Tag nach der zermürbenden Opel-Nacht. Guttenberg strahlt. Draußen, auf dem Hof der Köppl Motor- und Gerätefabrik, will die Blasmusik gar nicht aufhören, den Defiliermarsch für den jungen Bundesminister zu spielen. Die Leute aus dem Dorf klatschen kräftig Beifall.

Guttenberg kriegt einen ganz roten Kopf, weil sich dauernd Leute bei ihm für seine Haltung bedanken, für seinen vorsichtigen Umgang mit Steuergeldern.

Er ist der beste Wahlkämpfer, den die CSU zur Zeit hat. Besser als Parteichef Horst Seehofer. Dabei kandidiert Guttenberg natürlich gar nicht bei der Europawahl. In Niederbayern macht das CSU-Bezirkschef Manfred Weber, den Guttenberg in Köppls Fabrik "meinen Freund" nennt. Die beiden Christsozialen sind nahezu gleich alt - Weber ist 36 - und doch ein ungleiches Team: So auffällig der Adelige in Rhetorik und Habitus, so zurückhaltend und nachdenklich Weber, der innenpolitische Sprecher der Brüsseler EVP-Fraktion.

"Ein kommunistisches Ergebnis"

Doch Weber ist alles andere als ein Leichtgewicht. Er ist Vizechef der CSU-Grundsatzkommission. Und erst an diesem Morgen ist er in einem niederbayerischen Weiler namens Otzing mit nur einer Gegenstimme erneut zum Vorsitzenden des CSU-Bezirks, also zu einem der Parteifürsten gewählt worden. "Ein kommunistisches Ergebnis", spöttelt anerkennend Guttenberg, selbst Vorsitzender in Oberfranken, über Webers 99,5 Prozent. CSU-Chef Horst Seehofer sagt, Weber gehöre "zum Kern der CSU-Führung, mit Sicherheit zu den jungen Leuten, denen die Zukunft der CSU gehört".

Nun ist das bekanntlich Seehofers Masche: die Kronprinzen über den grünen Klee zu loben, um sie in eine Konkurrenz miteinander hineinzureden. So wurde etwa Guttenberg auf dem Politischen Aschermittwoch als "unser Ribéry" tituliert. Nun zeigt die Tour durch die politische Provinz Bayerns aber zwei Verbündete, die ihre Autorität nicht von Seehofers Gnaden ableiten müssen. Während Guttenberg bei seinen Auftritten von Autogrammjägern belagert wird, kann Weber auf die niederbayerischen Parteistrukturen zählen. "Man hat seine eigene Basis", sagt er.

Bei der Wahl am kommenden Sonntag steht er auf Platz vier der CSU-Liste. Kommt seine nur in Bayern antretende Partei über die auch für sie bundesweit geltende Fünf-Prozent-Hürde, dann ist er sicher drin im Europaparlament. "Ist eh klar, dass wir es schaffen", sagt er. Muss er wohl sagen. Entscheidend wird die Wahlbeteiligung sein, die Mobilisierung der Stammwählerschaft. Da aber in Bayern Pfingstferien sind, sorgt man sich in der CSU-Zentrale um die nötigen Stimmen und hat auf eine Briefwahlkampagne gesetzt.

In manchen Gegenden Niederbayerns lag die Wahlbeteiligung vor fünf Jahren bei unter 30 Prozent. Weber sagt, die Europapolitiker müssten mehr polarisieren, anstatt immer nur allein das Friedensprojekt Europa zu loben. Konkret statt abstrakt: "Die CSU ist für EU-Direktzahlungen an die Bauern, die FDP dagegen, wir sind gegen Hartz IV für Asylbewerber, SPD und Grüne sind dafür."

Er führt einen sehr kleinteiligen Wahlkampf, zieht über die Dörfer: "Showveranstaltungen mache ich nicht." Deshalb geht es jetzt immer tiefer hinein in den Bayerischen Wald, nach Schönberg zur Schlosskellerei Ramelsberg. Da haben sich die beiden CSU-Youngster mit der Problematik von Bärwurz und Blutwurz auseinanderzusetzen. Die örtlichen Schnapsbrenner möchten diese beiden Spezialitäten gerne geschützt sehen. "Der Manfred" habe ja bereits geholfen, dass dies auf EU-Ebene geschehe. Aber jetzt sei "der Herr Bundeswirtschaftsminister" gefragt, denn die Sachsen machten auch in Bär- und Blutwurz. Und das sei natürlich nicht fair.

Guttenberg schreibt tapfer alles mit. Opel liegt jetzt etwa zwölf Stunden hinter ihm. Aber der Bürgermeister von Schönberg will es dann doch nochmal erwähnen: "Respekt, Anerkennung und Hochachtung für die Professionalität mit Herz und Verstand, wie sie in dieser Krisenzeit Ihr Amt bewältigen." Er fahre ja übrigens auch einen Opel.

Und die zwei Dutzend Gäste im Raum applaudieren. Guttenberg an der Basis: ein Wahlkämpfer, der umso müder, desto spritziger scheint. Nachzulesen im Gästebuch der Schlosskellerei: "Vom bärigen Blutwurz nahe am Blutsturz, gerade am Laufen, zurück zu dem Haufen."

Zurück zu dem Haufen nach Berlin. Beim letzten Auftritt an diesem Tag, bei einer Rede in Straubing, zu der auf die 300 vorgesehenen Plätze rund 600 Zuhörer strömen und ihm minutenlang stehend applaudieren, da spricht Guttenberg vom "märkischen Treibsand", den man in der deutschen Hauptstadt manchmal unter den Füßen habe.

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