Bayerischer Erbfolgekrieg Judgement Day in München

Keiner von der CSU ist in den fortschrittlichen Redaktionen des Landes so verhasst wie Markus Söder. Kann es eine bessere Empfehlung für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten geben?

Horst Seehofer (l.) und Markus Söder
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Horst Seehofer (l.) und Markus Söder

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Ich muss mit einem Geständnis beginnen. Ich bin froh, dass es die CSU gibt. Wo geht es in der Politik so lebendig zu wie in Bayern? Gegen die CSU sind sogar die Grünen, die sich auf ihre Unangepasstheit mächtig was einbilden, ein anämischer Verein.

Auf den Konferenzen richtet sich der Blick regelmäßig nach München. "Was gibt es Neues aus Bayern", fragt die Ressortleiterin und beugt sich vor. Es ist dann die Aufgabe der Kollegen vor Ort, also von Leuten wie mir, die neuesten Entwicklungen im bayerischen Erbfolgekrieg darzulegen.

Als Außenstehender verliert man leicht den Überblick, wenn man eine Folge verpasst hat. Das ist wie bei "Game of Thrones". Die "Süddeutsche" hat neulich ein Schaubild erstellt, welches das Haus Seehofer und das Haus Söder nebst der diversen Verbündeten und Vasallen zeigte. Alle Fans der Serie haben sich das sofort ausgeschnitten und aufgehoben.

Außerhalb von Bayern erfährt die CSU, wie man weiß, nicht nur Zuspruch. Manchmal sind die Kommentare sogar richtiggehend gehässig. Ich glaube, der Grund dafür ist Neid. Oder uneingestandene Bewunderung, was im Ergebnis auf das Gleiche hinausläuft.

Man muss sich ja nur die Riege der Minister ansehen, die andernorts ihren Dienst verrichten. Hand aufs Herz, aber wer kennt den Finanzminister von Hessen oder den des Saarlands? Selbst der Name der saarländischen Ministerpräsidentin fällt vielen nicht auf Anhieb ein. Nehmen Sie dagegen ein Paar wie Horst Seehofer und Markus Söder: Da hat jeder sofort ein Bild vor Augen.

Im Augenblick sieht es so aus, als ob am nächsten Montag die aktuelle Staffel ihren Höhepunkt erreichen würde. Die Landtagsfraktion in München hat eine Abstimmung anberaumt, um sich auf einen Kandidaten für die Wahl 2018 zu einigen. Seehofer wollte das unbedingt verhindern, indem er einen Rat der Weisen mit der Ausarbeitung der Modalitäten bei der Thronübergabe beauftragte. Der schöne Plan ist nun perdu. Aber wer weiß, der alte Fuchs hatte bislang immer noch ein Ass im Ärmel. Man hat auch Tyrion Lannister schon mehrfach totgesagt, dennoch ist er immer noch dabei.

Die meisten Journalisten hassen Söder

Natürlich bin ich für Söder als Seehofer-Nachfolger. Es mag komisch erscheinen, wenn das jemand sagt, der in Hamburg geboren wurde und bis heute nicht weiß, wo Mittelfranken endet und Oberfranken beginnt. Immerhin kann ich für mich in Anspruch nehmen, die Wahl meiner Münchner Adresse von der Nähe zum Geburtshaus von Franz Josef Strauß abhängig gemacht zu haben (die Häuser liegen beide auf der Schellingstraße, nur 12 Hausnummern voneinander entfernt).

Söder wird von den meisten Journalisten gehasst. Wenn die Journalisten es hätten bestimmen können, wäre er nie über das Generalsekretärsamt hinausgekommen. Schon das Umweltministerium haben sie ihm nicht gegönnt; als er ins Finanzministerium wechselte, konnte man das Fluchen der Redaktion bis an die Alpen hören.

Markus Söder
DPA

Markus Söder

Söder sei schamlos in der Verfolgung seiner Interessen, sagen seine Kritiker. Er habe kein Programm für Bayern, sein einziges Programm heiße Söder. Da mag was dran sein. Aber erstens ist sich Bayern selbst genug, da braucht es kein weiteres Programm. Außerdem verkennen die Söder-Hasser, wie ungemein fleißig der von ihnen Verachtete ist. Mit dem Ehrgeiz, den er in den vergangenen Jahren in die Bereisung des Landes steckte, wird er das Amt des Ministerpräsidenten ausfüllen, wenn man es ihm denn anträgt.

Als Alternative gilt Ilse Aigner. Nichts gegen Frau Aigner, sie ist eine wahnsinnig nette Frau. Nett und a bissl fad. Das einzige, was die Leute an ihr interessiert, ist die Frage, warum sie seit Jahren ohne Partner lebt. Das Privatleben sollte niemanden etwas angehen. Aber so sind sie in Bayern. Hier interessieren sich die Menschen nicht nur für die Affären ihrer Spitzenpolitiker, sie erwarten diese geradezu von ihnen.

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Der andere Kandidat heißt Joachim Herrmann. Herrmann ist bayerischer Innenminister. Wir saßen neulich eine Stunde beisammen, danach dachte ich: Wenn Bayern so werden will Niedersachsen, dann ist Herrmann genau der richtige Mann. Kein Satz, den man so nicht erwartet hätte. Garantiert solide und hundert Prozent pointenfrei. Also im Grunde wie Aigner, nur halt acht Jahre älter und nicht so weiblich.

Wer es nach oben schaffen will, muss sich dem Bierzelttest unterziehen

Die Stärke der CSU ist seit jeher ihre Volksverbundenheit. Wer in dieser Partei etwas werden will, kann sich nicht im Gremienzimmer verstecken. In anderen Parteien reicht es, wenn man den Funktionären imponiert. Es gibt bei CDU und SPD Leute, die als Kanzlerkandidat durchgehen, obwohl sie in ihrem Leben noch nie eine bedeutende Wahl mit Bürgerbeteiligung gewonnen haben. So etwas wäre bei der CSU ausgeschlossen. Deshalb erzielt die CSU bei Wahlen immer noch Ergebnisse, von denen die anderen nur träumen können.

Eine Methode, um sicherzustellen, dass nicht die falschen Leute an die Spitze gelangen, ist der Bierzelttest. Bislang musste sich dem noch jeder unterziehen, der es ganz nach oben schaffen wollte. 5000 leicht angeschickerte Menschen, die sich jederzeit dem Nachbarn zuwenden können, wenn sie der Vortrag langweilt: Das sind keine einfachen Ausgangsbedingungen, wie ich versichern kann. Meine Spitzenzahl liegt bei 1200 Zuhörern in einem Festzelt in Österreich, ich weiß also, wovon ich rede.

Bei der Landtagswahl im nächsten Jahr geht es um die Verteidigung der absoluten Mehrheit. Das ist ein ehrgeiziges Ziel. In der CDU gilt es inzwischen schon als Erfolg, wenn man nur einen statt zwei Koalitionspartner braucht, um sich an der Regierung zu halten.

Wenn man den Bierzelttest entscheiden lassen würde, wäre klar, wie der nächste Ministerpräsident heißt.

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insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
r_dawkins 30.11.2017
1. noch mals für Sie Herr Fleischhauer
Söder ist ein guter Taktiker. Deshalb wird er nicht das Risiko eingehen, vor der nächsten (verlustreichen) Landtagswahl einen führenden Posten anzunehmen, was ihm ja die Verantwortung für die kommende Wahlschlappe bescheren würde. Nein, er ist dankbar für das Bauernopfer Herrmann. Söder denkt sich, soll Herrmann sich doch die Finger verbrennen, nach der Wahl kommt meine Zeit. Wetten?
Freidenker10 30.11.2017
2.
Dachte die Bayern stehen eher auf einen Typus Landesvater der auch ein gewisses Alter und Erfahrung mitbringt und das Profil entspricht nicht gerade einem Söder. Wobei es mir als Nichtbayer vollkommen wuscht ist wer da MP wird! Aber die Zeiten der Alleinherrschaft scheinen vorbei...
rfrische 30.11.2017
3. Gratulation
Absolute Punktlandung!
christian simons 30.11.2017
4. Black Wedding
Herr Fleischhauer, wir sind uns in der Analyse einig, dass Markus Söder hervorragend ins "Game Of Thrones"-Bestiarium passen würde. Die Frage lautet aber: Will man zum Beispiel einen Joffrey Baratheon in der real existierenden Politik haben, nur weil er auf dem Bildschirm für allerlei Kurzweil sorgt?
hackman36 30.11.2017
5. Sehr schön
Endlich wieder mal Politik mit all den Facetten, die Sie interessant machen, und gemacht von klugen Köpfen und einem versierten Autor. Es mag sein, dass es in anderen Bundesländern ruhiger zugeht, aber in Bayern bekommt man noch etwas geboten, für sein Geld und unsere Steuern. Und unterm Strich müssen die in München sich nicht wirklich verstecken, sie haben dieses Land ganz weit nach vorne gebracht, trotz oder wegen Amigos und Vetternwirschaft; unterm Strich sollte das dem Volk eigentlich egal sein, denn letztlich war es offensichtlich doch (auch?) zum Wohl des Volkes und das auch noch mit hohem Unterhalungswert!
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