Von Annett Meiritz
München/Berlin - Es gibt einen Satz von ihr, der einiges aussagt über das Image der CSU und darüber, ob Klischees über die Altherrenpartei noch immer passen. "Willkommen in meiner Welt ;)", schickte Katrin Albsteiger beim letzten politischen Aschermittwoch per Twitter nach draußen.
Die Veranstaltung ist der Jahreshöhepunkt der CSU-Folklore, es gibt viel Bier, viele Zoten, und es gibt auch graubeschopfte Männer, die nach der dritten Maß gerne mal Anzüglichkeiten austeilen. Vorzugsweise gegenüber Frauen.
"Willkommen in meiner Welt", damit kommentierte die CSU-Aufsteigerin einen entsprechend genervten Tweet einer anderen Aschermittwoch-Besucherin. Ja, so ist das eben, schien der Smiley zu sagen. So ist das in einer Partei mit einem Altersschnitt von 58 Jahren und einem Männeranteil von 80 Prozent. Aber dafür weiß kaum einer von denen, wie man ein Smartphone bedient.
Als "Paris Hilton der CSU" betitelt
Die 28-Jährige ist seit einem halben Jahr Landesvorsitzende der Jungen Union Bayern, nach Nordrhein-Westfalen die zweitgrößte Jugendorganisation der Schwesterparteien CDU und CSU. Der Posten gilt als Sprungbrett in der Partei, erstmals wird er weiblich besetzt. Albsteiger steht für den Typ Frau, den die CSU mit ihrem Markenkern nur schwer erreichen kann: feminin, modern, gebildet. Sie könnte dabei helfen, die Christsozialen aus ihrer Identitätskrise zu holen.
Jahrzehntelang erzielte die CSU Wahlergebnisse von über 50 Prozent, doch die uneingeschränkte Macht ist seit 2008 gebrochen, seither beschleunigt sich auch der Mitgliederschwund. Im kommenden Jahr ist der Verlust der Macht möglich, der populäre SPD-Spitzenkandidat Christian Ude bündelt die Opposition zu ungeahnter Schlagkraft.
Extern hat die Partei ein Image-, intern ein Nachwuchsproblem.
Doch kann eine Person die Außenwirkung der Partei verändern? Albsteiger sorgt zumindest dafür, dass man sie wahrnimmt. Bei einem Treffen in München könnte man alle Vorurteile auspacken, die zu blond, Hosenanzug und Salat mit Ziegenkäse passen, aber das wäre wenig originell, nachdem die "Bild"-Zeitung sie bereits als "Paris Hilton der CSU" betitelte.
Außerdem fiel Albsteiger schon auf, als sie noch in Jeans und T-Shirt zu Parteitreffen fuhr. Vor eineinhalb Jahren mischte sie einen Parteitag auf. Eine feste Quote sollte damals dafür sorgen, dass die CSU weiblicher wird. Albsteiger, die damals noch Katrin Poleschner hieß, wehrte sich mit einer forschen Rede. Die Quote kam trotzdem, aber seitdem ist sie in der Partei bekannt als engagierte, junge Konservative.
"Viele Leute kamen damals auf mich zu und sagten: Das war deine Vorstellungsrede für die JU-Spitze", meint sie, "dann wurde ich immer wieder gefragt, ob ich es machen will." Ganz so zufällig, wie sie es beschreibt, ist ihre Karriere nicht. Albsteiger trat mit 19 in die Junge Union ein, dann in die CSU. Sie studierte in Bayern und Australien, landete als Referentin in der Parteizentrale in München. Sie ist Kreisvorsitzende und Gemeinderätin, im Herbst übernahm sie von Stefan Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Abgeordneten im Bundestag, die Führung der Bayern-JU.
Heimatpatriotismus 2.0
Sie präsentiert sich modern und kommunikativ, legt den Draht zum politischen Nachwuchs. Nach Feierabend tigert sie oft auf Parteiveranstaltungen, "denn wer nicht vor Ort ist, ist ganz schnell raus". Zugleich wirkt sie so bodenständig und wertebewusst, dass sie auch bei Parteigranden als Hoffnungsträgerin gefördert wird. Zur Hochzeit gratulierte Edmund Stoiber. Ihr Ehemann, ihre Familie, die schwäbische Heimat, Handball, der Vollzeitjob bei den Neu-Ulmer Stadtwerken - sie ist stolz auf Alltag und Herkunft, aber ohne den altbackenen Touch des "mia san mia".
Albsteiger erinnert im Gespräch an andere CSU-Politikerinnen, die wie selbstverständlich Politik und Familie managen - und an anderer Stelle ultrakonservativ daherkommen und für das Betreuungsgeld kämpfen. Die JU-Chefin sagt von sich, sie sei für ein "relativ modernes Familienbild", ihre eigene Mutter war für einige Jahre Hauptverdienerin. Trotzdem sieht sie die Bemühungen zum Kita-Ausbau kritisch. "Man suggeriert heutzutage viel zu schnell: Ich muss mein Kind abgeben. Und diese Idee finde ich einfach falsch. Weil es die, die zu Hause bleiben, diskreditiert."
Zum Zaudern ist sie nicht der Typ, sie ackert Überstunden, um sich Gleitzeittage für die Partei zu nehmen. Entscheidungen trifft sie meistens schnell. "Ich kann es mir nicht leisten, wochenlang rumzulavieren." Mit Gleichaltrigen, die es anders machen, kann sie wenig anfangen: "Ich kann diese Gleichgültigkeit mancher Menschen meiner Generation nicht verstehen. Es geht doch um ihre Probleme, um ihr Leben. Man kann nicht immer nur kritisieren".
Leute aus ihrem Umfeld sagen, dass Albsteiger klar mit einer politischen Karriere kalkuliert. Noch hält sie sich mit offenen Ambitionen zurück. "Wenn ich feststelle, dass es ohne Mandat nicht geht, dann kann es gut sein, dass ich eines anstrebe." Im bayerischen Landesparlament? "Das würde ich jetzt nicht so fest definieren." Also Berlin als Ziel? "Vom Herzen her" sei München näher als Berlin, sagt sie. "Aber vorstellbar ist das schon."
"E-Mail-Ausdrucker sind auch relevant"
Ob die Junge Union Bayern unter Albsteiger wirklich "frecher, pointierter, streitbarer" wird, muss sich erst zeigen. Vorgänger haben ähnliches versprochen, aber als bayerischer Zweig des Bundesverbands der Jungen Union bekommt man selten Aufmerksamkeit. Zumindest scheint einen der Job auch Jahre später noch zu beschäftigen: Der frühere JU-Chef Markus Söder, inzwischen Finanzminister, regt sich heute noch per Rund-SMS auf, wenn ihm Äußerungen aus der JU nicht passen.
Vom Parteichef selbst hat Albsteiger noch keinen Anpfiff bekommen. "Horst Seehofer will eine freie JU, die auch mal contra gibt. Dann kann er sich auch nicht beschweren, wenn genau das passiert." Tut der 64-Jährige genug dafür, um die Jungen mitzunehmen? "Er versucht es", sagt sie. Seehofer sei "mehr Bauchpolitiker" als Stoiber, "aber er hört zu". Wenn er versucht, Zeitgeist zu demonstrieren, "zitiert er aus Computerzeitschriften". Aber das müsse man verstehen, dass es auch Mühe kostet, sich in Themen einzuarbeiten "die vielleicht nicht gerade in seinem inneren Selbst" liegen, wie Sozialpolitik.
Darum ginge es eben auch im Generationenkonflikt der CSU, sagt Albsteiger: Dass man einerseits "das netzaffine Publikum nicht unterschätzen" darf - aber eben auch nicht das Bierzelt. "Das hat Kultur in Bayern, da gewinnt man die Laufkundschaft", sagt sie und fügt hinzu: "Wir wollen keinen Konflikt gegen die Alten. E-Mail-Ausdrucker sind auch relevant."
Diese Aufmerksamkeit für die Klassiker der CSU scheint Albsteiger zurückzubekommen. In seiner Aschermittwochsrede erwähnte Seehofer die JU-Chefin stellvertretend für die jüngere Generation. Auch Stoiber steuerte gleich in den ersten Sätzen das Thema Zukunft an: "So viele junge Gesichter hier. Das macht mich hoffnungsvoll."
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