CSU-Nachwuchspolitikerin Albsteiger: Twittern im Bierzelt

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Katrin Albsteiger, die Chefin der bayerischen CSU-Jugend, gibt der Altherrenpartei ein modernes Gesicht. Die 28-Jährige steht für den Typ Frau, mit dem die CSU am meisten Schwierigkeiten hat: feminin, modern, gebildet. Sie soll helfen, die Christsozialen aus ihrer Identitätskrise zu holen.

Bayerns JU-Chefin: Die "Albsteigerin" klettert sich warm Fotos
dapd

München/Berlin - Es gibt einen Satz von ihr, der einiges aussagt über das Image der CSU und darüber, ob Klischees über die Altherrenpartei noch immer passen. "Willkommen in meiner Welt ;)", schickte Katrin Albsteiger beim letzten politischen Aschermittwoch per Twitter nach draußen.

Die Veranstaltung ist der Jahreshöhepunkt der CSU-Folklore, es gibt viel Bier, viele Zoten, und es gibt auch graubeschopfte Männer, die nach der dritten Maß gerne mal Anzüglichkeiten austeilen. Vorzugsweise gegenüber Frauen.

"Willkommen in meiner Welt", damit kommentierte die CSU-Aufsteigerin einen entsprechend genervten Tweet einer anderen Aschermittwoch-Besucherin. Ja, so ist das eben, schien der Smiley zu sagen. So ist das in einer Partei mit einem Altersschnitt von 58 Jahren und einem Männeranteil von 80 Prozent. Aber dafür weiß kaum einer von denen, wie man ein Smartphone bedient.

Als "Paris Hilton der CSU" betitelt

Die 28-Jährige ist seit einem halben Jahr Landesvorsitzende der Jungen Union Bayern, nach Nordrhein-Westfalen die zweitgrößte Jugendorganisation der Schwesterparteien CDU und CSU. Der Posten gilt als Sprungbrett in der Partei, erstmals wird er weiblich besetzt. Albsteiger steht für den Typ Frau, den die CSU mit ihrem Markenkern nur schwer erreichen kann: feminin, modern, gebildet. Sie könnte dabei helfen, die Christsozialen aus ihrer Identitätskrise zu holen.

Jahrzehntelang erzielte die CSU Wahlergebnisse von über 50 Prozent, doch die uneingeschränkte Macht ist seit 2008 gebrochen, seither beschleunigt sich auch der Mitgliederschwund. Im kommenden Jahr ist der Verlust der Macht möglich, der populäre SPD-Spitzenkandidat Christian Ude bündelt die Opposition zu ungeahnter Schlagkraft.

Extern hat die Partei ein Image-, intern ein Nachwuchsproblem.

Doch kann eine Person die Außenwirkung der Partei verändern? Albsteiger sorgt zumindest dafür, dass man sie wahrnimmt. Bei einem Treffen in München könnte man alle Vorurteile auspacken, die zu blond, Hosenanzug und Salat mit Ziegenkäse passen, aber das wäre wenig originell, nachdem die "Bild"-Zeitung sie bereits als "Paris Hilton der CSU" betitelte.

Außerdem fiel Albsteiger schon auf, als sie noch in Jeans und T-Shirt zu Parteitreffen fuhr. Vor eineinhalb Jahren mischte sie einen Parteitag auf. Eine feste Quote sollte damals dafür sorgen, dass die CSU weiblicher wird. Albsteiger, die damals noch Katrin Poleschner hieß, wehrte sich mit einer forschen Rede. Die Quote kam trotzdem, aber seitdem ist sie in der Partei bekannt als engagierte, junge Konservative.

"Viele Leute kamen damals auf mich zu und sagten: Das war deine Vorstellungsrede für die JU-Spitze", meint sie, "dann wurde ich immer wieder gefragt, ob ich es machen will." Ganz so zufällig, wie sie es beschreibt, ist ihre Karriere nicht. Albsteiger trat mit 19 in die Junge Union ein, dann in die CSU. Sie studierte in Bayern und Australien, landete als Referentin in der Parteizentrale in München. Sie ist Kreisvorsitzende und Gemeinderätin, im Herbst übernahm sie von Stefan Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Abgeordneten im Bundestag, die Führung der Bayern-JU.

Heimatpatriotismus 2.0

Sie präsentiert sich modern und kommunikativ, legt den Draht zum politischen Nachwuchs. Nach Feierabend tigert sie oft auf Parteiveranstaltungen, "denn wer nicht vor Ort ist, ist ganz schnell raus". Zugleich wirkt sie so bodenständig und wertebewusst, dass sie auch bei Parteigranden als Hoffnungsträgerin gefördert wird. Zur Hochzeit gratulierte Edmund Stoiber. Ihr Ehemann, ihre Familie, die schwäbische Heimat, Handball, der Vollzeitjob bei den Neu-Ulmer Stadtwerken - sie ist stolz auf Alltag und Herkunft, aber ohne den altbackenen Touch des "mia san mia".

Albsteiger erinnert im Gespräch an andere CSU-Politikerinnen, die wie selbstverständlich Politik und Familie managen - und an anderer Stelle ultrakonservativ daherkommen und für das Betreuungsgeld kämpfen. Die JU-Chefin sagt von sich, sie sei für ein "relativ modernes Familienbild", ihre eigene Mutter war für einige Jahre Hauptverdienerin. Trotzdem sieht sie die Bemühungen zum Kita-Ausbau kritisch. "Man suggeriert heutzutage viel zu schnell: Ich muss mein Kind abgeben. Und diese Idee finde ich einfach falsch. Weil es die, die zu Hause bleiben, diskreditiert."

Zum Zaudern ist sie nicht der Typ, sie ackert Überstunden, um sich Gleitzeittage für die Partei zu nehmen. Entscheidungen trifft sie meistens schnell. "Ich kann es mir nicht leisten, wochenlang rumzulavieren." Mit Gleichaltrigen, die es anders machen, kann sie wenig anfangen: "Ich kann diese Gleichgültigkeit mancher Menschen meiner Generation nicht verstehen. Es geht doch um ihre Probleme, um ihr Leben. Man kann nicht immer nur kritisieren".

Leute aus ihrem Umfeld sagen, dass Albsteiger klar mit einer politischen Karriere kalkuliert. Noch hält sie sich mit offenen Ambitionen zurück. "Wenn ich feststelle, dass es ohne Mandat nicht geht, dann kann es gut sein, dass ich eines anstrebe." Im bayerischen Landesparlament? "Das würde ich jetzt nicht so fest definieren." Also Berlin als Ziel? "Vom Herzen her" sei München näher als Berlin, sagt sie. "Aber vorstellbar ist das schon."

"E-Mail-Ausdrucker sind auch relevant"

Ob die Junge Union Bayern unter Albsteiger wirklich "frecher, pointierter, streitbarer" wird, muss sich erst zeigen. Vorgänger haben ähnliches versprochen, aber als bayerischer Zweig des Bundesverbands der Jungen Union bekommt man selten Aufmerksamkeit. Zumindest scheint einen der Job auch Jahre später noch zu beschäftigen: Der frühere JU-Chef Markus Söder, inzwischen Finanzminister, regt sich heute noch per Rund-SMS auf, wenn ihm Äußerungen aus der JU nicht passen.

Vom Parteichef selbst hat Albsteiger noch keinen Anpfiff bekommen. "Horst Seehofer will eine freie JU, die auch mal contra gibt. Dann kann er sich auch nicht beschweren, wenn genau das passiert." Tut der 64-Jährige genug dafür, um die Jungen mitzunehmen? "Er versucht es", sagt sie. Seehofer sei "mehr Bauchpolitiker" als Stoiber, "aber er hört zu". Wenn er versucht, Zeitgeist zu demonstrieren, "zitiert er aus Computerzeitschriften". Aber das müsse man verstehen, dass es auch Mühe kostet, sich in Themen einzuarbeiten "die vielleicht nicht gerade in seinem inneren Selbst" liegen, wie Sozialpolitik.

Darum ginge es eben auch im Generationenkonflikt der CSU, sagt Albsteiger: Dass man einerseits "das netzaffine Publikum nicht unterschätzen" darf - aber eben auch nicht das Bierzelt. "Das hat Kultur in Bayern, da gewinnt man die Laufkundschaft", sagt sie und fügt hinzu: "Wir wollen keinen Konflikt gegen die Alten. E-Mail-Ausdrucker sind auch relevant."

Diese Aufmerksamkeit für die Klassiker der CSU scheint Albsteiger zurückzubekommen. In seiner Aschermittwochsrede erwähnte Seehofer die JU-Chefin stellvertretend für die jüngere Generation. Auch Stoiber steuerte gleich in den ersten Sätzen das Thema Zukunft an: "So viele junge Gesichter hier. Das macht mich hoffnungsvoll."

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1.
g0r3 09.03.2012
Zitat von sysopKatrin Albsteiger, die Chefin der bayerischen CSU-Jugend, gibt der Altherrenpartei ein modernes Gesicht. Die 28-Jährige steht für den Typ Frau, mit dem die CSU am meisten Schwierigkeiten hat: feminin, modern, gebildet. Sie soll helfen, die Christsozialen aus ihrer Identitätskrise zu holen. CSU-Nachwuchspolitikerin Albsteiger: Twittern im Bierzelt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819315,00.html)
Ich versuche immer noch verzweifelt zu verstehen, was Menschen unter 60 dazu treibt, sich für die CDU/CSU zu engagieren.
2. Ach wissen Sie
friedenspfeife 09.03.2012
Zitat von g0r3Ich versuche immer noch verzweifelt zu verstehen, was Menschen unter 60 dazu treibt, sich für die CDU/CSU zu engagieren.
das sind die, die wieder irgendwelche altgediente kennen, und sich ein super Auskommen ohne die dafuer noetige Arbeit und Qualifikation erhoffen.
3. Grundgütiger
j.vantast 09.03.2012
Also ist heute nicht etwa Erfahrung, Moral und Verantwortungsbewusstsein für eine politische Karriere nötig, sondern man muss twittern und ein Smartphone bedienen können? Nun erklärt sich bei mir so einiges. Mit derlei Qualifikation kann es ja nur bergab gehen. Ich freue mich über jeden Menschen, der sich politisch engagiert. Aber wenn man der Ansicht ist, Politik könne man per Smartphone erledigen, dann sollte man sich doch fragen wie ernst man es mit der politischen Arbeit meint. Mit der "netzaffinen Welt" kennen sich heute Fünftklässler bestens aus. Taugen die also damit auch zum Kanzler, Minister oder Bundespräsidenten? Irgendetwas wurde da bei der CSU noch nicht ganz verstanden. Mir ist ein verantwortungsvoller, erfahrener "E-mail Ausdrucker" allemal lieber als eine von diesen Jüngelchen oder Mädelchen, die meinen, man führe ein Land heute per Handy und Politik ist eine grosse Spielwiese.
4. PöstchenschieberInnen
HuHa 09.03.2012
Zitat von sysopKatrin Albsteiger, die Chefin der bayerischen CSU-Jugend, gibt der Altherrenpartei ein modernes Gesicht. Die 28-Jährige steht für den Typ Frau, mit dem die CSU am meisten Schwierigkeiten hat: feminin, modern, gebildet. Sie soll helfen, die Christsozialen aus ihrer Identitätskrise zu holen. CSU-Nachwuchspolitikerin Albsteiger: Twittern im Bierzelt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819315,00.html)
Endlich hat auch die CSU eine Vorzeigefrau, die in ihrem Leben noch nie die harte Realität des Berufslebens kennenlernen mußte, bevor man ihr pensionsberechtigte Pöstchen zugeschanzt hat; Andrea Nahles, Kristina Schröder und Silvana Koch-Mehrin sind nicht mehr alleine. Man muß schon komplett realitästbefreit sein, solchen Leuten zuzutrauen, über die Lebensrealität der Bevölkerung zu entscheiden.
5.
Uexkuell 09.03.2012
Zitat von sysopKatrin Albsteiger, die Chefin der bayerischen CSU-Jugend, gibt der Altherrenpartei ein modernes Gesicht. Die 28-Jährige steht für den Typ Frau, mit dem die CSU am meisten Schwierigkeiten hat: feminin, modern, gebildet. Sie soll helfen, die Christsozialen aus ihrer Identitätskrise zu holen. CSU-Nachwuchspolitikerin Albsteiger: Twittern im Bierzelt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,819315,00.html)
Eine 28-Jährige als Nachwuchspolitikerin zu bezeichnen, zeugt nur davon, dass Deutschland vergreist. Das ist wohl so wie mit deutschen Lyrikern, die meist auch als Junglyriker bezeichnen werden, obwohl sie die 50 Lenze schon hinter sich gebracht haben. Man sieht auch kaum junge Unternehmer, die eigenständig ein Unternehmen hochziehen. Und in puncto Internet liegt Deutschland fast ein Jahrzehnt hinter allen anderen zurück. Ich hoffe ja, dass Deutschland nochmal die Kurve kriegt. Aber im Moment sieht es mehr danach aus, als bestünde auch daran kein ernsthaftes Interesse.
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