Von Annett Meiritz und Philipp Wittrock, München
Horst Seehofer ist eine imposante Erscheinung. 1,93 Meter misst der Mann. Aber jetzt, hier oben auf der Bühne, das stehend applaudierende Parteivolk zu Füßen, fühlt er sich noch viel, viel größer, so scheint es. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, genießt er kurz. Dann geht der König noch einmal zurück ans Mikrofon. "Ein letzter Befehl", sagt Seehofer. "Beifall einstellen, stehen bleiben: Bayernhymne, Deutschlandlied." Die Halle gehorcht.
Der CSU-Parteitag, der so am Samstagnachmittag zu Ende geht, sollte eigentlich keine Krönungsmesse sein. Die Kür Seehofers zum Spitzenkandidaten hat die Partei extra verschoben, weil die SPD am Tag darauf Münchens Oberbürgermeister Christian Ude offiziell zum Herausforderer ausruft. Und von den Genossen will sich die CSU nicht die Show stehlen lassen. Darum haben die Christsozialen ihr Treffen kurzerhand zum "Arbeitsparteitag" deklariert. Doch auch ohne Wahlen: Selbstbewusst und selbstzufrieden präsentiert sich die bayerische Union in der Münchner Messe. Und über allem schwebt der Chef.
Die jüngsten Umfragen sehen die CSU bei 48 Prozent, die Partei kann wieder von der Alleinherrschaft in Bayern träumen. Der Ude-Schreck ist vergessen, von Wechselstimmung ist im Land wenig zu spüren, das mögliche Dreierbündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern scheint für die Bürger im Freistaat keine echte Alternative zu sein. "Diese CSU ist bärenstark und sie ist wieder da", ruft Seehofer.
Er hat seine Truppe nach Jahren der Entbehrung wieder stabilisiert. Seit dem Absturz des adligen Hoffnungsträgers Karl-Theodor zu Guttenberg ist der Parteichef unangefochten. Und das trotz seines berüchtigten Wankelmuts, der ihm in den Medien den Namen "Crazy Horst" eingebracht hat. Seine Unberechenbarkeit hat Seehofer auch beim Parteitag unter Beweis gestellt - mit einem überraschenden Kursschwenk in der Europapolitik. Nach wochenlangem Griechenland-Mobbing zeigt der CSU-Chef plötzlich Milde und stellt den Hellenen sogar mehr Geld oder Zeit für Reformen in Aussicht.
Seehofer blickt zufrieden auf ein "blühendes Bayern"
Die Kanzlerin freut's. Am Freitag hat sie Seehofer seinen Schwenk mit einem leidenschaftlichen Auftritt gedankt. Doch mancher Parteifreund tut sich schwer mit der jüngsten Volte des Vorsitzenden. Die Kurskorrektur erfolge ohne Not, heißt es nicht nur einmal. Ein Minister lästert über Seehofers "politischen Telemark" - in Anlehnung an den gekonnten Kurvenschwung beim Skifahren.
Den Parteichef stört das Gegrummel nicht. Von einem Richtungswechsel will er nichts wissen. Die CSU habe in der Euro-Krise bislang keine Fehler gemacht, betont Seehofer in seiner Grundsatzrede. Von Wahlkampfatmosphäre ist dabei lange nichts zu spüren, angeblich ganz in Seehofers Sinne. "Wahlkampf können wir nächstes Jahr noch machen", sagt er und mahnt Besonnenheit an. Aber ein bisschen Attacke muss schon sein. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sei "kein Macher, sondern ein Schuldenmacher", überall wo Rot-Grün regiere, "geht es den Menschen schlechter". Die Gegner des CSU-Lieblingsprojekts Betreuungsgeld bezichtigt er einer "unfassbaren Arroganz". Der Rest ist vor allem Selbstlob: "Wir blicken heute auf ein blühendes Bayern."
Vier Jahre ist Seehofer nun Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender - und er fühlt sich stark wie nie. Im Falle eines Wahlerfolgs im Herbst 2013 will der 63-Jährige die gesamte nächste Legislaturperiode im Amt bleiben, auch als Parteichef, das betont er bei jeder Gelegenheit. Und trotzdem wird auf dem Parteitag schon munter spekuliert, wer Seehofer einst beerben könnte. An dieser Debatte ist der Chef nicht unschuldig, im Gegenteil: Er hat sie mitangeheizt, indem er Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner überzeugte, 2013 nach Bayern zurückzukehren. Ein kluger Schachzug: Aigner ist populär in Bayern, und auch die Aussicht, dass sie künftig eine wichtige Rolle im Freistaat spielen könnte, beflügelt die CSU.
Aufmerksamkeit für Aigner, Zukunft für Guttenberg
In München zieht Aigner mit Abstand die größte Aufmerksamkeit auf sich. Sie muss nur ihren Platz in der ersten Reihe verlassen, schon ist sie von Kameras umzingelt. Aigner schwirrt durch die Halle, sie jongliert mit Werbebällen, plaudert am Biojoghurtstand, trinkt Espresso mit den Sparkassensponsoren. Am Stand der Frauenunion lässt man die Ministerin fast nicht wieder gehen. Es ist rappelvoll, jeder will ein Foto von und mit ihr.
Seehofer braucht die 47-Jährige nicht nur, um die CSU jünger, weiblicher und moderner erscheinen zu lassen. Aigner soll im mächtigen Bezirksverband Oberbayern, in dem die CSU zuletzt Rekordverluste einfuhr, wieder an alte Erfolge anknüpfen. Gelingt ihr das, würde sie mit einem Schlag zur Favoritin unter den potentiellen Kronprinzen und -prinzessinnen. Ambitionen haben auch Seehofers Sozialministerin Christine Haderthauer und Finanzminister Markus Söder. Beide beobachten Aigners Rückkehr argwöhnisch, beide halten sich in München auffällig zurück. Aigner bügelt alle Spekulationen konsequent ab, "alles hypothetische Fragen", sagt sie. "Natürlich ist meine Rückkehr in meine Heimat auch ein Risiko. Aber wenn's einem zu heiß ist, sollte man nicht in die Küche gehen."
Aigner ist gewarnt. Wer zu hoch fliegt, den holt Seehofer selbst schnell wieder auf den Boden zurück. Vor ein paar Tagen rüffelte er Söder öffentlich, als der die Abschaffung der Praxisgebühr forderte. Haderthauer enttäuschte Seehofer einst, als er Söder zum Finanzminister machte. Auch der Aigner-Hype darf anscheinend nicht ausufern. Am Rande des Parteitags verkündet Seehofer, sich nach der Wahl 2013 um eine Rückkehr des gestürzten Karl-Theodor zu Guttenberg zu kümmern. Eine "maßgebliche" Aufgabe könne er sich für diesen vorstellen.
Ob das realistisch ist oder nicht - egal. Die Randbemerkung erfüllt ihren Zweck. Sie soll zeigen: Wer auch immer sich in Stellung bringt, sollte sich nicht zu sicher sein. Und wer immer in die nähere Auswahl komme, ihn beerben zu dürfen, entscheide immer noch er selbst, das ist Seehofers Botschaft. Er habe kürzlich einen Spruch gehört, hat der CSU-Chef kurz vor dem Parteitag der "Süddeutschen Zeitung" erzählt. Wer den König beerben wolle, der müsse am Tag dessen Ablebens stark sein, nicht vorher. "Das gefällt mir."
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