Seehofer und Söder bei der CSU Zusammen gerauft

Streit ade bei der CSU: Horst Seehofer wurde mit einem respektablen Ergebnis als Vorsitzender bestätigt, Markus Söder als Spitzenkandidat für die Landtagswahl nominiert. Aber ob das neue Duo wirklich harmoniert?

CSU-Parteitag in Nürnberg
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CSU-Parteitag in Nürnberg

Aus Nürnberg berichtet


Es ist immer dasselbe Spiel an diesen beiden Tagen auf der Nürnberger Messe: Horst Seehofer und Markus Söder sitzen einträchtig nebeneinander in der ersten Reihe vor der Parteitagsbühne, plaudern freundlich miteinander, wenn die Kameras und Fotoapparate auf sie gerichtet sind - als wären die CSU-Parteifreunde tatsächlich ein Herz und eine Seele.

Aber wenn sie nicht mehr gefilmt und fotografiert werden, ist das Bild ein anderes: Dann telefoniert der eine, während der andere in sein Handy tippt, der eine schaut hierhin, der andere dorthin. Man ignoriert sich nach Kräften.

Markus Söder (l.), Horst Seehofer
BARTH/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Markus Söder (l.), Horst Seehofer

Echte Freunde werden Seehofer, 68, und Söder, 50, in diesem Leben wohl nicht mehr. Dafür ist zwischen ihnen zu viel vorgefallen in den vergangenen Jahren. Kurz gesagt: Söder wollte schon lange mehr als nur bayerischer Landesminister sein, genauso lange hat Seehofer zu verhindern versucht, dass dies geschieht. Aber der CSU-Vorsitzende und Noch-Ministerpräsident ist mit diesem Plan gescheitert - und auf dem Nürnberger Parteitag wird dieses Scheitern vollzogen.

Am Ende stehen die beiden sogar nebeneinander auf der Bühne: Zuvor hat Söder seine Bewerbungsrede als Spitzenkandidat für die kommende Landtagswahl gehalten, nun ist Seehofer unter dem tosenden Applaus der Delegierten nach oben gekommen - und nimmt einen Arm seines designierten Nachfolgers im Amt des Regierungschefs, lupft den Arm mehrfach in die Höhe.

Wie nach einem Boxkampf sieht das aus, nur dass Seehofer nicht der Ringrichter ist, sondern der Unterlegene.

Aber er weiß, was sich für ihn im Sinne der Partei gehört: Söder den Rücken stärken. "Er kann das, und er packt das", sagt Seehofer über den künftigen Ministerpräsidenten. "Der Markus ist sehr geeignet für dieses Amt." Falls ihm diese Sätze schwerfallen - er lässt sich jedenfalls nichts anmerken.

Eindruck von Geschlossenheit und Harmonie

Als Parteichef darf die bisher klare Nummer eins der CSU zwar weitermachen, aber schon im ersten Quartal 2018 soll sein Finanzminister ihm als Regierungschef nachfolgen. Ob Söder irgendwann auch nach dem Vorsitzendenamt greifen wird, dürfte vor allem vom Ergebnis bei der Landtagswahl abhängen, das er dann in großen Teilen zu verantworten hat.

Schaun mer mal, sagt man dazu in Bayern. Fürs Erste ist wenigstens der heftige Streit der vergangenen Wochen und Monate beigelegt. Jedenfalls an der Oberfläche. Die Erleichterung darüber ist den Delegierten am Samstag anzumerken. Und sie haben auch mit ihrem Wahlverhalten dafür gesorgt, dass die CSU endlich wieder den Eindruck der Geschlossenheit und Harmonie vermittelt. 83,7 Prozent bekommt Seehofer bei seiner Wiederwahl. Das sind zwar ein paar Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren, aber angesichts des massiven Unmuts, den der Parteichef zuletzt mit seinem Agieren auf sich gezogen hatte, ist das ein sehr ordentliches Ergebnis.

"Kollektive Intelligenz" lautet der Ausdruck, mit dem CSU-Strategen das wohlwollende Ergebnis für Seehofer kommentieren. Man könnte auch sagen: Angst schweißt zusammen.

Denn Söder, der künftige starke Mann der Partei, kann den Delegierten noch so eindringlich Mut zu sprechen, die CSU stark reden und den Freistaat gleich mit dazu: Spätestens mit dem Ergebnis bei der Bundestagswahl haben die Christsozialen ihre legendäre Selbstsicherheit verloren.

Die Angst geht um

Bayern ist immer noch top, jawoll, die eindrucksvollen Kennziffern dafür beten Seehofer und Söder in ihren Reden herunter. Aber die Menschen im Freistaat scheinen sich nicht mehr sicher zu sein, dass sie deshalb auch weiter in so großer Zahl die CSU wählen wollen wie zumeist seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Angst vor der AfD, die Angst vor dem Schwinden der absoluten Mehrheit, die Angst vor dem Statusverlust der CSU geht in der Partei um. Nur deshalb hat sich Seehofer am Ende mit Söder zusammengerauft, nur deshalb tun die Delegierten jetzt beinahe alles, um endlich wieder einträchtig zu erscheinen.

"Mit dem heutigen Tag läuten wir eine neue Ära in der CSU ein", sagt Seehofer in der Rede, mit der er sich zur Wiederwahl stellt. Wenn es nur schon so weit wäre. Erst mal wird in Nürnberg nur die künftige Machtteilung beschlossen. Was er und Söder daraus machen, wird man sehen.

Der Teilabschied von der Macht fällt Seehofer schwer, das kann er auch auf dem Parteitag nicht verbergen. So emotional hat man ihn selten erlebt, in einigen Momenten wirkt der baldige Ministerpräsident a. D. den Tränen nahe. Er zeigt in seiner Rede noch mal die ganze Bandbreite der CSU auf - "soziale Marktwirtschaft und christliche Soziallehre". Vor allem Letzteres betont Seehofer so deutlich, beispielsweise mit Verweis auf die Defizite im Pflegebereich, dass man es auch als Mahnung an den künftigen Ministerpräsidenten verstehen kann.

"Kann der Markus auch sozial?"

Als hätte Söder das auch so verstanden, sagt er in seiner Bewerbungsrede: "Mancher fragt sich: Kann der Markus auch sozial?" Die Sorge sei unbegründet, findet er und geht dann ebenfalls länger auf die Herausforderungen in der Sozialpolitik ein. Aber die Ausrufezeichen setzt Söder an anderen Stellen. Mit markigen Sprüchen, die mitunter an seine Zeit als CSU-Generalsekretär erinnern.

"Lasst uns die einheimische Bevölkerung nicht vergessen", sagt er mit Blick auf die Milliardenausgaben für die Flüchtlingspolitik. Oder beim Thema innere Sicherheit: "Opferschutz ist wichtiger als Verständnis für die Täter." Auch der Satz, die Christsozialen wollten nicht "Anwälte der taz und der linken Feuilletons sein, sondern Anwälte der Bürger", klingt noch nicht besonders ministerpräsidiabel. Aber die Delegierten reißt Söder mit solchen Aussagen mit, am Ende jubeln sie ihm begeistert zu.

Was ihm noch an Landesväterlichkeit fehlt, macht Söder mit Energie und Tatkraft wett. Seehofer wirkt in Nürnberg dagegen wie der Parteiweise, der den jungen Helden noch ein Weilchen mit Rat und Erfahrung begleiten darf.

Wobei in Berlin ja noch eine Aufgabe auf Seehofer wartet: Gemeinsam mit CDU-Chefin Angela Merkel will er in den kommenden Wochen und Monaten eine neue Koalition mit der SPD auf den Weg bringen - am Ende könnte der CSU-Chef sogar noch mal einen wichtigen Bundesministerposten besetzen.

Seehofer in Berlin, Söder in München - das könnte funktionieren. Aber wer weiß, ob es zu einer neuen GroKo kommt, was vor allem von der Entscheidung der SPD abhängt. Scheitert die Regierungsbildung mit den Sozialdemokraten, drohen Neuwahlen im Bund. Nicht unwahrscheinlich, dass die dann nur wenige Monate vor der bayerischen Landtagswahl anstünden. Aus Sicht der CSU ein äußerst ungünstiges Szenario.

Aber sie wird es wohl nicht in der Hand haben. Was die Partei derzeit tun kann, um voranzukommen, hat sie in Nürnberg geschafft. Oder um mit Markus Söder zu sprechen: "Wir haben ein kleines Stück des Weges zurückgelegt."

Im Video: Videoanalyse zum Parteitag: "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"

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e.pudles 16.12.2017
1. Wie lange
wird Seehofer Vorsitzender der CSU sein? Wenn man so die bewegten Bilder von Seehofer sieht muss man annehmen, dass es um seine Gesundheit nicht zum besten steht. Auch seine Antworten kommen immer schwerfälliger daher. Deshalb vermute ich, dass er innert den nächsten 2 Jahren von seinem Posten zurüktritt und somit einen astreinen Abgang hat. Eine Lösung, welche all Beteiligten zufriedenstellen wird. Dann wird Söder nebst MP auch noch Vorsitzender und alles hat in Bayern wieder seine Ordnung und nimmt den gewohnten Gang.
kuac 16.12.2017
2.
Das ist eine Zwangsehe zwischen den beiden. Die beiden haben sich auch nie gemocht. Es kann nur dann funktionieren, wenn Seehofer In Berlin und Söder in München bleibt und gegenseitig keine Ratschläge erteilen. Schwer vorstellbar.
klausbrause 16.12.2017
3.
Zitat von e.pudleswird Seehofer Vorsitzender der CSU sein? Wenn man so die bewegten Bilder von Seehofer sieht muss man annehmen, dass es um seine Gesundheit nicht zum besten steht. Auch seine Antworten kommen immer schwerfälliger daher. Deshalb vermute ich, dass er innert den nächsten 2 Jahren von seinem Posten zurüktritt und somit einen astreinen Abgang hat. Eine Lösung, welche all Beteiligten zufriedenstellen wird. Dann wird Söder nebst MP auch noch Vorsitzender und alles hat in Bayern wieder seine Ordnung und nimmt den gewohnten Gang.
O ha. Noch ist der Herr Dr. Söder nicht Ministerpräsident. Und bei den letzten Wahlergebnissen im Paradies kann da ja noch einiges passieren. Und selbst wenn ER es würde, zwei Jahre im Paradies können eine sehr lange Zeit sein.
henry.gerwien 16.12.2017
4. Armer Horst
Man bekommt ja fast Mitleid, wenn man den politischen Abgesang von HS mit ansehen muss. An Söder wird offensichtlich, wie unsympathisch sich beide sind. Alleine von diesem Parteitag müsste Seehofer Magengeschwüre bekommen, dieses Schmierentheater mitmachen zu müssen. Mit Söder wird Deutschland deutlich finsterer und unmenschlicher, soviel steht fest. Bin gespannt, wo sich der gekaufte Dr. (CZ) Scheuer verdingen wird. Würde mich nicht wundern, wenn der seinem Herrn untreu wird, sobald sich der Wind dreht. Man kann nur erschrecken, wenn man diese bayerisch-katholische Doppelmoral mit anschauen muss.
k.Lauer 16.12.2017
5. es ist nicht zum Aushalten
wie die Vorgänge in der CSU um Uneinigkeit, Chaso, Intrigen und sonstiger angehäufter Dramaturgie von allen Medien thematisiert wird und mit Analysen, Meinungen und Prognosen unterfüttert als der letzte Hype verkauft wird. Liebe Leute: was sich hier tut ist die natürlilchste Sache der Welt. Ein alternder verdienter CSU-Chef und MP des wichtigsten Bundeslandes ist ein kranker, verschlissener Mann, der seit längerer Zeit schon seinen Rückzug angekündigt hat, möchte gerne einen ehrenvollen Rückzug aus der Politik und bleibt in der Hängepartie um die neue Regierungsbildung deshalb noch ein blißchen länger im Amt, was ihm niemand verwehrt. Dass er Söder als MP, den er persönlich (wahrscheinlich wegen der Indiskretion um sein fremdgängerisches, nicht folgenloses Verhalten) nicht mag und ihn als MP-Nachfolger verhindern will, kann man auch verstehen. Es wäre aber zu komisch, wenn sich die bayerischen CSU daheim sich darum eetwas scheren würde, denn schließlich wollen sie ja wieder als MdL ihre Existenzgrundlage behalten und wie in der Vergangenheit wieder groß rauskommen. Weswegen die ganze Geschichte ganz undramatisch ihren ganz natürlichen Lauf genommen hat. Und was den ganzen Medienrummel eigentlich nicht rechtfertigt. Denn: es geht hier um keinerlei politische Zerwürfnisse und Richtungsentscheidungen, sondern nur um rein personelle Fragen und um wirklich nicht mehr. Wohingegen bei der SPD und bei den GRÜNEN es um wichtige Auseinandersetzungen - Flügelkämpfe und Grundsatzentscheidungen geht.
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