CSU-Politiker attackiert Mozart-Inszenierung "Psychische Gewalt gegenüber vielen Gläubigen"

Weltweit wurde die Berliner Opern-Selbstzensur kritisiert. Auch Bayerns CSU-Fraktionschef Herrmann hält die Absetzung von "Idomeneo" aus Angst vor Islamisten für einen Fehler. Doch die Inszenierung selbst findet er noch schlimmer: Ein Stück, in dem Jesus, Buddha und Mohammed geköpft werden, sei von vornherein fragwürdig.

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Berlin - Noch im April empörte sich Herrmann massiv über den Musiksender MTV, der mit der Papstsatire "Popetown" auf Sendung ging und in Zeitschriftenanzeigen mit einem vom Kreuz herabgestiegenen Jesus warb, der freudig vorm Fernseher sitzt: "Lachen statt rumhängen." MTV, so Herrmann damals, gebe den christlichen Glauben "in besonders herabsetzender Weise der Lächerlichkeit preis".

CSU-Fraktionschef Herrmann: "Psychische Gewalt gegenüber vielen Gläubigen"
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CSU-Fraktionschef Herrmann: "Psychische Gewalt gegenüber vielen Gläubigen"

Fünf Monate später folgt die nächste Glaubensoffensive des mächtigen, gerade 50-jährigen CSU-Mannes, der in Bayern auch den Beinamen "Panzerkreuzer Potemkin" trägt. Im aktuellen Streit um die Mozart-Aufführung "Idomeneo", die an der Deutschen Oper Berlin wegen angeblicher Gefährdung durch islamistische Kräfte abgesetzt worden war, setzt Herrmann wiederum einen eigenen Akzent.

Während die Kanzlerin, der Bundesinnenminister und viele andere Unionspolitiker die Absetzung durch die Intendantin Kirsten Harms verurteilten, ließ Herrmann eine schriftliche Presseerklärung versenden, in der zwar eingeräumt wird, dass es ein Fehler gewesen sei, eine Oper aus Angst vor islamistischer Gewalt abzusetzen. "Besser wäre es aber gewesen, die Berliner Neuenfels-Inszenierung der Mozartoper Idomeneo schon früher zu hinterfragen", so Herrmann. Mit abgeschlagenen Köpfen von Christus, Buddha und Mohammed zu provozieren, möge zwar zur Kunstfreiheit gehören, sei "aber trotzdem zugleich Verhöhnung und psychische Gewalt gegenüber vielen Gläubigen". Herrmann, der auch als einer der möglichen Nachfolger von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber im Gespräch ist, plädierte zugleich dafür, den Widerstand gegen islamistische Gewalt wieder mit mehr Respekt vor den religiösen Gefühlen aller Mitmenschen zu verbinden.

Dagegen sprach Stoiber heute in einem Interview der "Bild" von einem "Riesenfehler", die Oper abzusetzen: "Statt einzuknicken, hätten Polizeikräfte die Berliner Oper schützen müssen. Diese Kultur der Ängstlichkeit ist falsch. Wenn die Freiheit bedroht ist, braucht sie notfalls auch die Bereitschaft zur Verteidigung und zur Auseinandersetzung mit ihren Gegnern", so der CSU-Chef.

Herrmann scheint sich isoliert zu haben mit seiner Stellungnahme. Wie schon beim Angriff auf MTV ziehen die meisten eigenen Leute bei Herrmann nicht mit. Der bayerische CSU-Landtagsabgeordnete und Leiter der Fraktionsarbeitsgruppe "Islam", Martin Neumeyer, erklärte am Donnerstag gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Kunst hat gewisse Freiheiten, darf kritisieren, darf provozieren." Man müsse der "Freiheit der Kunst ihren Weg lassen", so Neumeyer. Deshalb sehe er die "Idomeneo"-Inszenierung "nicht ganz so streng wie unser Fraktionsvorsitzender Herrmann". Eine Gesellschaft müsse eine solche Oper aushalten.

Dagegen zeigte sich der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler, zugleich Vorsitzender des Unterausschusses für Auswärtige Kulturpolitik und als Querdenker bekannt, erfreut über die Erklärung Herrmanns: "Das hat mir gefallen und ist ganz mutig, weil es ja gegen den Strich ist". Weiter empfahl Gauweiler denjenigen, die sich im aktuellen Opernstreit äußerten und die Absetzung des Stücks kritisierten: "Lest das Libretto!" Als "kleine Fußnote am Rande" merkte Gauweiler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE an: "Bei Mozart wird niemand geköpft, sondern durch eine Stimme aus dem Himmel ein Mord verhindert." Die Köpfungs-Szene sei eine Erfindung der Deutschen Oper Berlin und ihres Regisseurs Hans Neuenfels.

Aus der Unionsfraktion widersprach hingegen der kultur- und medienpolitische Sprecher Wolfgang Börnsen der Einschätzung Herrmanns. "Es hat ja bereits eine breite Diskussion bei der Erstaufführung des Neuenfels-Stücks 2002 gegeben. Damals wurde die Freiheit der Kunst höher bewertet als die Frage der Beeinträchtigung religiöser Gefühle", erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete gegenüber SPIEGEL ONLINE. Börnsen, der sich das Stück damals angesehen hatte, räumte ein, dass es "für Menschen mit hoher Religiosität mit Sicherheit eine schmerzhafte Erfahrung" sei. Vordergründig scheine die Inszenierung von Neuenfels religiöse Gefühle zu verletzen, "in Wahrheit aber ist sie der Versuch, extreme Religionsausübung und ihre gewalttätigen Auswüchse und Religionskriege zu hinterfragen". Er könne verstehen, dass Herrmann mehr Respekt vor religiösen Gefühlen anmahne. "Aber in der aktuellen Debatte geht es in erster Linie um die Meinungsfreiheit - darum, was wir sagen, darstellen, aufführen dürfen." Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, "dass wir durch vorauseilenden Gehorsam uns den Auseinandersetzungen entziehen wollen", so Börnsen.

In der bayerischen SPD wurde Herrmanns Vorstoß genüsslich gekontert. "Soll denn künftig jede kritische Inszenierung vorher einem politischen Gremium - und in Bayern dann wohl am besten einem der CSU - vorgelegt werden, damit aus Sicht Herrmanns alles passt", fragt der SPD-Fraktionsvize im bayerischen Landtag, Thomas Beyer. "Dann wären wir nicht mehr weit weg von der Zensur. Deshalb kann man nur ganz entschieden davor warnen, mit dem Hinweis auf die Religionsfreiheit die Freiheit der Kunst einzuschränken, wie dies offenbar Herrn Herrmann vorschwebt", erklärte er gegenüber SPIEGEL ONLINE.

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