Integrationsbeauftragter Neumeyer "Türken-Martin" mischt die CSU auf

Martin Neumeyer ist in der CSU und trinkt gern Çay, spricht niederbayerisch und feilt an seinem Türkisch. Vor allem aber wehrt sich der Integrationsbeauftragte gegen dumpfe Parolen in seiner Partei. Das passt nicht jedem.

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Politiker Neumeyer: "Ganz starke Typen, aber die haben keine Chance"
Peter Schinzler/ DER SPIEGEL

Politiker Neumeyer: "Ganz starke Typen, aber die haben keine Chance"


Martin Neumeyer ist ein Mann mit einer Mission - und im Hauptberuf Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung. Wochenlang zog er im Frühjahr durch sein Bundesland: um Menschen und Völker zusammenzubringen. Um über Schicksale zu informieren und Hintergründe zu erläutern. "Man muss den Erklärbär machen", sagt Neumeyer. Die Politik habe verlernt, mit den Menschen zu sprechen. "Wir überlassen das denen, die auf komplexe Fragen einfache Antworten haben."

Einfache Antworten? Hier beginnt Neumeyers Problem, denn dafür ist in Bayern eine Gruppierung bekannt, die viele Anhänger und viel Macht hat: seine Partei. "Wer betrügt, der fliegt", die CSU-Parole gegen angeblich kriminelle Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien beispielsweise - Neumeyer würde sie niemals aussprechen. In Gegenteil: Er kritisiert den Spruch als plakativ. Selbst im Bierzelt scheut er heikle Themen nicht. "An den WM-Stadien in Katar klebt Blut der Opfer des IS", sagte Neumeyer auf dem Volksfest Gillamoos.

Das ist nicht das, was CSU-Anhänger am Biertisch hören wollen. Und so sind die Traditionsbewahrer der Partei nicht glücklich mit ihrem Integrationsbeauftragten. 2008 schuf Ministerpräsident Horst Seehofer das Ehrenamt, ohne damit große Aufgaben oder gar politischen Einfluss zu verbinden. Ein wenig Austausch der Kulturen, ein bisschen Kontakte zu diversen ethnischen Gruppen, das sollte es sein.

Die Wahl fiel auf Martin Neumeyer aus Abensberg in Niederbayern, seit 2003 im Landtag. Er hatte in seinem Stimmkreis ein Projekt für Migranten gegründet, ein Mann mit Vorkenntnissen also, aber ohne außergewöhnliche Biografie. Der Sohn eines Braumeisters sitzt im Stadtrat und gilt als guter Katholik, er hat Koch gelernt und als Gastwirt gearbeitet. Das alles klingt nach bayerischer Bodenständigkeit - und damit nach CSU, der Partei der Leitkultur. Neumeyer war 18 Jahre alt, als er in die Partei eintrat.

In der CSU amüsiert man sich über den "Türken-Martin"

Als Integrationsbeauftragter aber wurde er nicht nur Freund, Helfer und Seelsorger der Flüchtlinge und Migranten in Bayern, sondern auch ziemlich unbequem für seine Partei. Neumeyer, so stellte sich heraus, ist ein Fan von kultureller Vielfalt. Der Mann vom Land integrierte sich erst einmal selbst, etwa in die bunte Welt des Münchner Bahnhofsviertels.

In der Landwehrstraße, einen Kilometer lang und ein internationales Gewerbegebiet, fühlt sich Neumeyer zu Hause. In Teestuben, Kfz-Werkstätten und Schneidereien trinkt er Çay und feilt an seinem Türkisch. Neumeyer erzählt gern von seinem arabischen Friseur im Salon "Goethe 8", wo nicht nur vorbildlich geschnitten, sondern auch mal gestritten werde: "Da sitze ich, und hinter mir fliegen die Fetzen, die Menschen sind ein wenig lauter als wir, das macht es spannend."

In der CSU amüsiert man sich über den "Türken-Martin" und seine Begeisterung für fremde Kulturen. Politischer Einfluss wurde ihm verwehrt, seine Kritik am Leitantrag der Partei ignoriert, der Migranten vorschreiben wollte, Zuhause Deutsch zu sprechen. Zuletzt allerdings hat sich das ein wenig geändert. Das Flüchtlingsthema kocht hoch - und da braucht auch Seehofer jemanden, den er als Experten vorzeigen kann. "Türken-Martin" nämlich. Der Integrationsbeauftragte soll künftig ein Büro in der Staatskanzlei bekommen.

Die Plätze für Flüchtlinge aus Syrien drastisch aufstocken

Bei einem Vortrag vor Referendaren in Landshut entpuppt sich der Niederbayer als leidenschaftlicher Reisender in Sachen Toleranz. Den angehenden Lehrern erzählt er von den Menschen, die er getroffen hat: von Victory aus Guinea, einem Mathematiklehrer, der über den hohen Zaun der spanischen Exklave Melilla in Marokko klettern will. Oder von Hassan Ali Djan, einem jungen Afghanen, der sich in München als Essenausfahrer durchgeschlagen hat, "der einzige Muslim, der Schweinshaxen liefert".

Auch von seinen Besuchen bei jesidischen Flüchtlingsfamilien, deren Töchter von Kämpfern des "Islamischen Staats" entführt und verkauft worden waren, erzählt Neumeyer: "Das sind ganz starke Typen, aber sie haben keine Chance mehr in ihrer Heimat, und wenn du da rausgehst, dann musst du weinen, mamma mia." Und von der Abschottungspolitik der EU am Mittelmeer. "Das kann doch nicht wahr sein", ruft Neumeyer, "die EU kontrolliert jeden Olivenhain per Satellit, aber sie sieht angeblich nicht, wenn ein Schiff mit 800 Menschen einen Hafen verlässt."

Neumeyer forderte von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), er müsse die Plätze für Flüchtlinge aus Syrien drastisch aufstocken. "Das ist unsere Pflicht als Menschen und als Christen." Wegen solcher Sätze erhält Neumeyer sogar Morddrohungen, einmal wurden die Reifen an seinem Auto aufgeschlitzt. Was ihn nicht bremst: "Ach was, dann werf' ich die halt weg, ist nicht wichtig. Aber bei den Syrern mach ich weiter, volles Rohr. Auch gegen meine eigene Partei."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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in_peius 14.06.2015
1. Dieser Mann...
ist vermutlich das "Christlichste", was die CSU je hervorgebracht hat. Klar, dass er sich damit mehr Feinde als Freunde macht...
asirion 14.06.2015
2. der letzte edle bayer
die CSU ist schon lange zur groessten peinlichkeit Deutschlands verkommen. schoen zu hoeren, dass es dort doch noch eine vernuenftige Minderheit gibt
yvowald@freenet.de 14.06.2015
3. Ewig-Gestrige
Die Mehrzahl der CSU-Mitglieder scheint noch immer zu den "Ewig-Gestrigen" zu gehören. Aber es gibt Lichtblicke, wie Martin Neumeyer unter Beweis stellt. Lange, viel zu lange war die CSU der politische Arm der Katholischen Kirche in Bayern. Inzwischen ist bei CSU- und Kirchenmitgliedern Ernüchterung eingekehrt. Nicht zuletzt die Missbrauch-Skandale durch katholische Kleriker haben vielen blindlings "Gläubigen" die Augen geöffnet. Es gibt Negativentwicklungen, aber es gibt auch gute, hoffnungsvolle Entwicklungen. Die CSU scheint in eine liberalere Richtung zu driften - hoffentlich.
kaypee 14.06.2015
4. Respekt
Respekt Herr Neumeyer, da hat wohl jemand den Parteinamen "Christlich-Soziale Union in Bayern" wörtlich genommen!
fe-nerbahce 14.06.2015
5. Hut
Ab vor diesem Mann. Vielleicht der einzige, der auch nur ansatzweise christliche Werte in der CSU vertritt. Weiter so!
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