CSU-Politiker Söder zur Wertedebatte "Wir wollen doch nicht zurück in die fünfziger Jahre"

Was ist heute noch konservativ? Eine Gruppe jüngerer Unionspolitiker will eine Wertedebatte wiederbeleben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt CSU-Generalsekretär Markus Söder vor einer Vernachlässigung der Stammwählerschaft. Nur mit ihrer Hilfe sei die Union auf Dauer auch mehrheitsfähig.


SPIEGEL ONLINE: Herr Söder, Sie haben sich kürzlich mit anderen Politikern der jüngeren Generation aus CDU und CSU getroffen, um die konservative Frage neu zu stellen. Würden Sie sich selbst als Konservativen bezeichnen?

Söder: Ja, ich bin ein konservativer, ein wertkonservativer Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Was verstehen Sie als 40-Jähriger darunter?

Söder: Aufgeklärt und modern sein, aber sich dabei an bewährten Leitbildern orientieren.

SPIEGEL ONLINE: Unter der Generation der 30-bis 40-Jährigen ist das Signet aber nicht gerade en vogue. Wer sich als konservativ bezeichnet, erntet doch erst einmal scheele Blicke.

CSU-Generalsekretär Söder: "Es gibt eine christliche, konservative Alternative"
DDP

CSU-Generalsekretär Söder: "Es gibt eine christliche, konservative Alternative"

Söder: Das glaube ich nicht. Das Wertkonservative ist wieder im Kommen, auch und gerade unter den Jüngeren. Der kulturelle Bruch, den die 68er in Deutschland vollzogen haben, bietet keine Zukunftsperspektiven. Deren Grundideologie einer radikalen Egalität in allen Lebensbereichen trägt auf Dauer nicht. Der Wunsch nach Werten, nach Grundkonstanten im Leben, ist wieder stärker geworden. Vor allem wenn Kinder kommen, werden viele wieder konservativ, obwohl sie es selbst nicht zugeben würden.

SPIEGEL ONLINE: Die Gruppe der jüngeren Unionspolitiker, zu der neben Ihrer Person auch der baden-württembergische Fraktionschef Stefan Mappus und der Chef der Jungen Union, Philipp Mißfelder, gehören, will bis Ende August ein Papier vorlegen. Ist das eine Gegenposition zur Liberalisierung der Union unter der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel?

Söder: Nein. Es ist doch normal, wenn sich Jüngere in der Union treffen und austauschen. Und wenn Deutschland scheinbar nach Links rückt, ist es umso wichtiger, dass wir klar machen: Es gibt eine christliche, eine konservative Alternative. Mit Edmund Stoiber verlässt einer der letzen großen Konservativen die politische Bühne. Wir wollen demonstrieren, dass es auch Junge in der Union gibt, die den Begriff des Konservativen für die Zukunft übersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat also Frau Merkel die konservativen Wurzeln vernachlässigt?

Söder: Angela Merkel ist eine sehr erfolgreiche Kanzlerin und Parteivorsitzende. Ich freue mich, dass sie unsere Initiative positiv sieht, weil damit die Union insgesamt gestärkt wird. Es ist wichtig, dass in einer Volkspartei ein breites Spektrum vertreten ist. Auch in der großen Koalition müssen wir unsere Identität behalten. Franz Josef Strauß hat immer gesagt: 'Eine Partei muss Alternative bleiben und darf nie nur bloße Variante werden'. Das heißt, wir müssen immer auch an unsere Kernwählerschaft denken. Neue zu gewinnen ist wichtig, aber dabei dürfen wir nicht die alten verlieren. Das Beispiel Frankreich zeigt, dass man mit einem klaren Bekenntnis zu konservativen Werten Wahlen gewinnen kann.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren hat man aber den Eindruck, die Union setze vor allem auf die Mitte.

Söder: Das ist wichtig, ganz klar. Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns nicht im Nirvana der politischen Mitte verlieren. Die Union muss auch für die demokratische Rechte und Patrioten die politische Heimat bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Führt das nicht zu großen Spannungen, die irgendwann aufbrechen, vielleicht sogar zu einer Neugründung rechts von der Union führen?

Söder: Das dürfen wir nicht zulassen. Wir sind eine echte Volkspartei, in der jeder seinen Platz findet. Deshalb gibt es in der Union keine streitenden Flügel, wie bei der SPD oder den Grünen. Wir haben ein gemeinsames Wertefundament, mit dem sich jeder identifizieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie um die Verankerung der Union in der Gesellschaft?

Söder: Wenn die Union dauerhaft bei 40 plus x bleiben will ...

SPIEGEL ONLINE: ... bei den letzten Bundestagswahlen kam sie gerade einmal auf 35 Prozent ...

Söder: ... dann ist es umso wichtiger, das ganze bürgerliche Lager abzudecken. Wir müssen unsere eigenen Wurzeln benennen und nicht aus Angst vor der 'political correctness' dem Zeitgeist hinterherlaufen. Wir müssen mit klaren Standpunkten die konservativen Themen besetzen - Innere Sicherheit, Bewahrung der Schöpfung, Integrationspolitik, Patriotismus.

SPIEGEL ONLINE: Konservativ könnte aber auch interpretiert werden nach dem Motto: Da wollen vor allem Männer ihre Positionen sichern. Ein Problem der Union ist doch gerade die mangelnde Bereitschaft der jüngeren Frauen in den Städten, CDU/CSU zu wählen. Wirkt eine Wiederbelebung des Konservativen nicht abschreckend auf junge Frauen, die damit eine überholte Familienpolitik identifizieren?

Söder: Im Gegenteil. Wir wollen doch nicht zurück in die fünfziger Jahre oder ins Mittelalter! Wir sind keine Reaktionäre oder Strukturkonservativen! Wir sind für Krippenplätze und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das darf aber nicht zu einer Benachteiligung der Familien führen, die ihre Kinder selbst erziehen. Beide Lebensentwürfe verdienen unsere Unterstützung.



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