AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2013

Karrieren Die Brunzkartlerin

Eine 26-jährige Krankenschwester soll für die CSU den Wahlkreis von Karl-Theodor zu Guttenberg erobern. Doch die Region leidet noch unter dem Kater nach dem Abgang des Barons.

CSU-Politikerin Zeulner: "Ich will für meine Region in Berlin etwas erreichen"
Olaf Tiedje/ DER SPIEGEL

CSU-Politikerin Zeulner: "Ich will für meine Region in Berlin etwas erreichen"

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Karl-Theodor zu Guttenberg sonnte sich gern im Glanz seiner Familie.

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Heft 24/2013
50 Jahre nach Kennedy - Barack Obama und die Deutschen

Häufig beschwor er die 800-jährige Geschichte seines Adelsgeschlechts, erwähnte das zugige Familienschloss und einen Stammbaum, zu dem ein Verbündeter der Hitler-Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg und ein Staatssekretär gehören. "Das ist eine ganz tiefe Verwurzelung", sagte er dann.

Wenn Emmi Zeulner von ihrer Familie erzählt, geht es um die "Eiserne Hand", das Wirtshaus ihrer verstorbenen Eltern, um ihren Opa, der dort einmal in der Woche musizierte, und um den Stammtisch mit Bürgermeister und Landrat, wo sie schon als kleines Kind mit der Politik in Berührung kam.

"Ich war der Brunzkartler", sagt sie und lacht. So nennt man beim Schafkopf den Spieler, der einspringt, wenn ein anderer mal pinkeln (Fränkisch: "brunzen") muss.

Zeulner sitzt in einem provisorischen Büro im ersten Stock der CSU-Geschäftsstelle in Lichtenfels. Dunkles Haar, Hosenanzug, fränkisch gefärbte Tonart. Sie hat noch keine Sekretärin, Termine macht sie mit Hilfe eines blauen Smartphones selbst aus. Wenig deutet darauf hin, dass sie am Beginn eines Wahlkampfs steht, auf den bald ganz Deutschland blicken wird: Emmi Zeulner, 26 Jahre alt, Krankenschwester und Studentin, ist die Nachfolgerin Karl-Theodor zu Guttenbergs.

Die Wirtstochter soll in die Fußstapfen jenes großen "KT" treten, auf den sich einst die Hoffnungen der CSU und Bayerns richteten, der politischen Lichtgestalt, die die Republik charmierte, jenes Barons, galant, redegewandt und sicher im Auftreten, der den Krieg Krieg nannte, die Wehrpflicht aussetzte und von Demut parlierte, während er das Blitzlichtgewitter der Boulevardpresse genoss.

Katerstimmung im KT-Country

Kulmbach - das ist KT-Country, und so ganz mag man es hier noch nicht wahrhaben, dass er vorbei sein soll, der schöne Rausch um den schönen Karl-Theodor.

Es herrscht Katerstimmung. Für Emmi Zeulner, das wird schnell klar, ist das keine ganz einfache Angelegenheit.

Zwei kurze Jahre lang, vom Februar 2009 bis zum März 2011, war die Heimat des jungen Freiherrn das Epizentrum der deutschen Politik. Aus dem Schlossbewohner wurde ein Bürgerkönig, und mit ihm machte eine ganze Region Karriere: der väterliche Freund, der Journalisten bereitwillig mit Geschichten aus Guttenbergs Jugend bediente, der Bürgermeister des gleichnamigen Dorfes, der das Familienschloss den Touristen präsentierte, die CSU-Honoratioren, die sich mit Anekdoten über die ersten politischen Laufübungen des Wirtschafts- und späteren Verteidigungsministers interessant machten.

Jetzt ist der Baron Geschichte und seine Heimat wieder das, was sie lange war - eine bayerische Grenzregion mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, ein Landstrich an der Autobahn nach Berlin, von den oberbayerischen Champions-League-Erfolgsregionen so weit entfernt wie von der großen Weltpolitik.

Die CSU spielt wieder in der Regionalliga

Und Bundestagskandidatin ist jetzt "die Emmi", wie sie hier alle nennen.

Zeulner weiß, dass viele ihrem Vorgänger nachtrauern. Makellos, gute Manieren, Guttenberg schien über dem alltäglichen Politikbetrieb zu schweben. Die kleinste Geste von ihm genügte, um große Gefühle auszulösen. "Wenn Guttenberg bei einem Volksfest an einen Tisch kam und zur Begrüßung einmal klopfte, sagten alle: Ah, der Herr Baron", erinnert sie sich. Von ihr verlangt man mehr. Einen Handschlag pro Person, mindestens.

Nicht, dass sie damit ein Problem hätte.

Zeulner klappert Hebammen und Bürgermeister ab, trifft Freunde und Gegner von Windkrafträdern, hört sich die Nöte von Gemeinderäten an, deren Orte von einer ICE-Strecke zerschnitten zu werden drohen.

Am vergangenen Montag stapfte sie durch einen Kuhstall, Besuch bei der Kreisbäuerin im Weiler Tiefenroth. Es ging um die Agrarförderung, die Reform der Erbschaftsteuer und um die Frage, ob mit Landwirtschaft auch morgen noch Geld verdient werden kann. Der Hofhund spielte mit einem zerknautschten Fußball, ab und zu muhte eine Kuh.

Guttenbergs Schatten ist allgegenwärtig

Guttenberg inszenierte sich am New Yorker Broadway für ein Millionenpublikum als Politiker von Weltformat. Zeulner zückt ihr Handy und fotografiert Kälbchen, "für meine Facebook-Seite".

Sie macht sich Notizen, die Leute mögen sie. Doch am Ende geht es, wie so oft, wieder um Guttenberg. "Der war mal auf dem Dorffest hier", sagt der Bauer. Das ist Jahre her, aber der Baron hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. "Das war schon ein aufgeschlossener Mann." Der Schatten Guttenbergs ist allgegenwärtig.

An der Wand in Zeulners Büroprovisorium hängen noch Fotos, die Guttenberg auf Wahlkreistour zeigen. Die Wege der Wirtstochter haben sich mit denen des Freiherrn nur selten gekreuzt, ein paar Veranstaltungen in der Jungen Union, das war's. "Er konnte Menschen für Politik begeistern", sagt sie.

Lange hat die CSU alles versucht, Guttenberg dazu zu bewegen, wieder in seiner Heimat zu kandidieren. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, der Bezirkschef von Oberfranken, bekniete ihn im vergangenen Jahr, vergebens.

"Die Emmi" hat ihren eigenen Kopf

In einer klandestinen Operation ließ Parteichef Horst Seehofer vor kurzem durch CSU-Leute aus Guttenbergs Heimat vorfühlen, ob der Bürgerkönig a. D.

nicht wenigstens ein bisschen im Wahlkampf mitmachen wolle. Doch sein Werben blieb unerhört. Selbst im fernen Connecticut war Guttenberg nicht entgangen, dass Seehofer ihn bei einer Weihnachtsfeier als "Glühwürmchen" verhöhnt hatte.

Zeulner kennt diese Sehnsucht nach ihrem Vorgänger, aber sie denkt nicht daran, als Guttenberg-Plagiat aufzutreten.

"Die Emmi" hat ihren eigenen Kopf. Mit 26 ist sie die jüngste Direktkandidatin der CSU für die Bundestagswahl; wenn sie über Politik redet, klingt sie so unverfälscht wie der frühe Guttenberg.

Und wie ihr Vorgänger hat sie sich nicht durch die Parteigremien nach oben gedient, sondern beherzt ihre Chance ergriffen, als sie sich bot. Ganz wie Guttenberg setzte sie dabei ihre Herkunft als Waffe ein. Mit einer mitreißenden Rede über ihre Kindheit im Wirtshaus ("Brunzkartler") schlug sie Ende Januar zwei gestandene CSU-Männer aus dem Kandidatenrennen.

Der Guttenberg-Blues hat auch für Fans seine Grenzen

Einer davon war der langjährige Büroleiter Guttenbergs.

Allein die Nähe zum Freiherrn garantiert also auch in Kulmbach keinen Wahlsieg.

Sicher, sie sind ihm hier immer noch dankbar. "Jeder hat sich gern in seinem Glanz gesonnt. So entstand das Sonnenkönigtum", sagt Wolfgang Protzner. Der Historiker im Ruhestand und spätberufene Ökobauer sitzt an seinem Küchentisch, einen Bestellzettel für Saatgut vor sich, daneben ein Glas fränkischen Rotweins.

Wenn ein Fernsehteam eine Dokumentation über den Freiherrn dreht, wie zuletzt Sat.1, ist Protzner oft tagelang im Einsatz.

Die Familie Guttenberg ist sein Hobby, fast sein Leben.

Doch der Guttenberg-Blues hat auch für Fans wie Protzner seine Grenzen.

"Ich verstehe, dass er das Ministeramt aufgegeben hat", sagt er. "Aber das Bundestagsmandat, das ihm die Bürger hier in so spektakulärer Form gegeben haben, hätte er nicht einfach abstoßen dürfen." Bei der vergangenen Bundestagswahl hatte Guttenberg 68,1 Prozent geholt, das beste Erststimmenergebnis der Republik.

"Schnelles Internet, genügend Ärzte auf dem Land"

Mit Zeulner muss es jetzt eine Nummer kleiner gehen. Sie kann nicht auf Themen von guttenbergschem Format setzen. Der smarte Freiherr machte bella figura auf transatlantischen Konferenzen, feuerte unliebsame Militärs und setzte per Federstrich die Wehrpflicht in Deutschland aus.

Sie sagt: "Schnelles Internet, genügend Ärzte auf dem Land - ich will für meine Region in Berlin etwas erreichen." Die CSU spielt wieder in der Regionalliga. Im Bundestag will Zeulner in den Gesundheitsausschuss.

An einem Montagabend Ende Mai trifft Emmi Zeulner Hebammen. Im Krankenhaus-Café von Scheßlitz stehen Limo und Schnittchen bereit. Kaum einer kennt sie hier. Wahlkampfalltag. Guttenberg hätte bei so einem Termin kurz am Saft genippt, ein wenig mit den Damen charmiert und sich dann rasch zu Wichtigerem verabschiedet. Mehr Performance als Besuch, so war es stets bei ihm. Er hätte glückliche Zuhörerinnen hinterlassen.

Zeulner gibt jeder Frau die Hand, fragt nach ihren Sorgen, schreibt fleißig mit.

Glück hat sie nicht im Angebot. Aber auch keine abgekupferte Doktorarbeit.



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Europa! 13.06.2013
1. Eine sympathische junge Frau
Zitat von sysopOlaf Tiedje/ DER SPIEGELEine 26-jährige Krankenschwester soll für die CSU den Wahlkreis von Karl-Theodor zu Guttenberg erobern. Doch die Region leidet noch unter dem Kater nach dem Abgang des Barons. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/csu-politikerin-emmi-zeulner-will-den-wahlkreis-guttenbergs-erobern-a-905321.html
Ich wünsche der "Emmi" Glück. Solche Frauen braucht die deutsche Politik.
WGG 13.06.2013
2. Schönen Gruß aus Franken
Nicht alle Franken trauern dem Weltmeister im Plagieren nach. Bei Weitem nicht alle.
pedalsteel 13.06.2013
3. optional
"Lichtgestalt, die die Republik charmierte" Ein herrlicher Satz, charmieren? Zudem: mich hat er nicht, ähem, "charmiert". Wie ist es Ihnen ergangen? Oder sollte das heißen: der bundesweit seine Leim-, Schleim- und Gelruten auslegte?
SieLebenWirSchlafen 13.06.2013
4. aha
Zitat von sysopOlaf Tiedje/ DER SPIEGELEine 26-jährige Krankenschwester soll für die CSU den Wahlkreis von Karl-Theodor zu Guttenberg erobern. Doch die Region leidet noch unter dem Kater nach dem Abgang des Barons. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/csu-politikerin-emmi-zeulner-will-den-wahlkreis-guttenbergs-erobern-a-905321.html
Dem Spiegel aus Hamburg ist mal wieder das ferne Bayern näher als die eigene angebliche Haustür ... Bisschen too much Propaganda!
Ze4 13.06.2013
5. Nö
Zitat von Europa!Ich wünsche der "Emmi" Glück. Solche Frauen braucht die deutsche Politik.
Was die deutsche Politik ganz bestimmt nicht braucht, sind weitere CSU-PolitikerInnen. Weniger ist in diesem Fall mehr, auch wenn sie sich optisch abhebt von den üblichen rotgesichtigen Schweinshaxen.
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