Seehofer und die CSU Angriff von innen

Nach dem Wahldebakel versuchte Horst Seehofer Kritik an seiner Person im Keim zu ersticken. Doch nun attackiert Ex-CSU-Chef Huber seinen Nachfolger im SPIEGEL scharf. Der Ministerpräsident dürfte die Abrechnung ernster nehmen, als er zugibt.

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CSU-Chef Seehofer (am Tag nach der Europawahl): "Erwartungsgemäße" Kritik
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CSU-Chef Seehofer (am Tag nach der Europawahl): "Erwartungsgemäße" Kritik


Berlin - Der Absturz erforderte eine schnelle Reaktion. Also präsentierte Horst Seehofer am Tag nach der Europawahl einen Schuldigen für das Debakel: sich selbst. Seehofer übernahm die alleinige Verantwortung für das schlechteste Ergebnis seiner Partei bei einer landesweiten Wahl seit 60 Jahren, intern bot er gar seinen Rücktritt an. Indem der CSU-Vorsitzende persönlich in die Offensive ging, wollte er verhindern, dass andere dies übernehmen und den Chef attackieren.

Seehofers Rechnung ging auf - allerdings nur für eine gute Woche. Im SPIEGEL macht nun Erwin Huber, Seehofers Vorgänger an der Parteispitze, seinem Ärger Luft. Und davon hat sich offenkundig eine Menge angestaut. Huber wirft Seehofer "politische Todsünden" im Europawahlkampf vor, weil er für keine klare Linie gesorgt habe. Zudem greift er frontal Führungsstil und Charakter des Ministerpräsidenten an, klagt über dessen "verletztenden Umgang": "Politik ist kein Schachspiel mit Menschen", sagt Huber.

Das Interview ist eine persönliche Abrechnung (Lesen Sie das komplette Gespräch hier im aktuellen SPIEGEL). Und es ist der kaum verhohlene Aufruf zum Aufstand, auch wenn Huber das natürlich von sich weist. Zwar ruft er nicht zum Sturz Seehofers auf, aber er will dessen Nachfolge schnell geregelt haben. Es soll Schluss sein mit der "Feigheit von vielen", die Seehofer überdominant werden lassen habe: "Die CSU muss die Weichen stellen für die Zeit nach Seehofer", sagt Huber. "Spätestens zur Bundestagswahl 2017 muss die neue Mannschaft stehen."

"Erwin Huber will mich nicht"

Seehofer will davon nichts wissen. Er hat seinen Abschied für 2018 angekündigt und will "auf absehbare Zeit zur Nachfolge-Diskussion nichts mehr" sagen. Betont gelassen weist er Hubers Attacken via "Süddeutsche Zeitung" zurück. Er werde sich von der Kritik nicht aus der Ruhe bringen lassen, sie käme für ihn "erwartungsgemäß", sagt Seehofer. "Der Erwin Huber wollte mich nie. Er will mich nicht."

Tatsächlich gehört Huber nicht zu den Seehofer-Fans in der CSU. Auch steht der Landtagsabgeordnete nicht mehr in der ersten Reihe der Partei. Seehofers Generalsekretär Andreas Scheuer spottet denn auch: "Das Interview kommt auf den großen Stapel der Ratschläge und politischen Klugheiten von Erwin Huber."

So leichtfertig aber dürfte der Parteichef Hubers Ausbruch in Wahrheit nicht abtun. Sein Vorgänger findet bei vielen Christsozialen noch immer Gehör, auch weil er in der Vergangenheit nicht als ewig meckernder Querulant aufgefallen ist. Zudem hat Huber nichts zu verlieren, auch er will bei der Landtagswahl 2018 nicht mehr antreten - gegen Einschüchterungsversuche aus der Parteispitze ist er also immun. Seehofer ahnt wohl auch, dass die Kritik auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Erfolge, wie etwa bei der Landtagswahl, als er die CSU zur absoluten Mehrheit zurückführte, sind in der Stunde der Niederlage schließlich schnell vergessen.

Warnung vor "blutigem Erbfolgekrieg"

Seehofers Hang zum Populismus und seine zahlreiche politischen Volten haben viele Parteifreunde kopfschüttelnd zurückgelassen - wie zuletzt bei der Energiewende: Dass ihr Chef in Berlin erst neuen Stromautobahnen zustimmt, um sich dann daheim an die Spitze der Protestbewegung zu setzten, verstand kaum jemand.

Und dann sind da die persönlichen Verletzungen, die auch Huber jetzt noch einmal beklagt. Seehofer lässt Untergebene seine Macht gerne spüren. Wer das erlebt hat, vergisst es so schnell nicht und wartet womöglich nur auf den geeigneten Moment, um Rache zu nehmen. Zuletzt bekam Seehofer einen Vorgeschmack, als sich die abservierten Hartmut Koschyk und Peter Ramsauer öffentlich über den Umgang des CSU-Chefs mit ihnen beschwerten.

Seehofer ist also gewarnt. Er muss sicher keinen offenen Putsch der von ihm selbst installierten Kronprinzen Markus Söder oder Ilse Aigner fürchten, die auch schon unter seinen Lästereien zu leiden hatten. Aber er weiß: Viele der Unzufriedenen und Gedemütigten haben stillgehalten, weil sich die CSU seit Monaten im Dauerwahlkampf befindet. Nun aber stehen lange drei Jahre bevor, in denen in Bayern nicht gewählt wird. Da kann die Debatte über die Zeit nach Seehofer schnell an Dynamik gewinnen - ob der Parteichef es will oder nicht.

Huber jedenfalls warnt Seehofer schon mal, die Übergangsphase "allein nach seiner persönlichen Lebensplanung" zu gestalten: "Aus der Geschichte weiß man, wie blutig Erbfolgekriege sein können."



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eryx 01.06.2014
1.
Seehofer ist mir alleine schon deswegen suspekt, weil er ständig merkwürdig kichert, wenn er meint besonders schlagfertig zu sein. Und natürlich ist und bleibt er einfach nur ein Populist. Gab es denn in seinen langen Jahren als Minister irgendein nennenswertes Projekt? Oder als Ministerpräsident?
hotgorn 01.06.2014
2. Seehofer holte das beste für diese Partei herraus
Für Seehofer waren wohl Prozent wichtiger als Politik und gerade Linie. Was wäre wenn sich Seehofer nicht an die Spitze der Stromtrassengegner gestellt hätte entlang der Route gab es hauchdünne Ergebnisse bei der Regionalwahl aber da war die Anti Partei AfD noch gar nicht in den Startlöchern. Sprich der Populist Seehofer hat das beste Ergebniss für seine scharfrechts Partei geholt. Was hätte Huber gemacht mehr links geblinkt mehr nach rechts geschlittert oder einfach nichts gesagt und schauen was passiert und sich den Skandalen um Atommüll, Bayern LB zockende, korrupte oder rechenschwachen Landräten nicht annehmen das wäre bei Huber genauso wie unter Seehofer. Wer den Machtapparat nicht will muss schon einer anderen Partei die Stimme geben.
Eppelein von Gailingen 01.06.2014
3. Seehofer, Hubers Pfeile sitzen dieses Mal tief und gefrieren das gekünstelte Lachen
Was Huber anmahnt ist der fehlende Schneid Betroffener, also wachrütteln der Gedemütigten, endlich öffentlich ihren Unmut, oder gar die Wut über diesen weiteren Paladin neben dem Stoiber vom Hlg. FJS, ausbrechen zu lassen. Bezeichnend, wie der neue Generalsekretär von Seehofers Gnaden den Erwin Huber Kommentar ablegt. Der Schuss kann ganz leicht nach hinten los gehen und wird es hoffentlich. Der gekaufte Dr. Scheuer fällt mit seinem Installateur oder Mentor, wenn der abgesägt werden sollte. ---Zitat--- *Nach dem Wahldebakel versuchte Horst Seehofer Kritik an seiner Person im Keim zu ersticken. Der Ministerpräsident dürfte die Abrechnung ernster nehmen, als er zugibt.* Der Absturz erforderte eine schnelle Reaktion. Also präsentierte Horst Seehofer am Tag nach der Europawahl einen Schuldigen für das Debakel: sich selbst. Seehofer übernahm die alleinige Verantwortung für das *schlechteste Ergebnis seiner Partei bei einer landesweiten Wahl seit 60 Jahren, intern bot er gar seinen Rücktritt an.* Indem der CSU-Vorsitzende persönlich in die Offensive ging, wollte er verhindern, dass andere dies übernehmen und den Chef attackieren. ---Zitatende--- Es ist billig, wenn Seehofer einfach sagt: *"Erwin Huber will mich nicht"* Es sind wohl auch viele Parteizugehörige die ihn nicht wollen. Von den Wählern, die ehemals blind diese herunter gewirtschaftete CSU gewählt haben, mögen mindestens 20 - 25% die Person nicht und 10 -15% die gesamte Partei nicht mehr. Das scheinen die selbstherrlichen *ZWEI*, wie Stoiber und Seehofer entweder zu übersehen, oder sie halten still, wie Geflüchtete hinter dem Gebüsch ~ nur nicht auffallen und gepresst atmen. Auffällig ist, ein Erwin Huber wurde gerade von Stoiber und Seehofer mit Schuld an der BLB-Milliarden-Verlustrechnung allein verantwortlich gemacht. Während sich bisher der Stoiber gnadenlos wie immer von der Verantwortung drückte. Denn das Debakel ist nur seine Schuld, was mittlerweile erwiesen ist (siehe das Recherchebuch "Wahn und Willkür"). Machen wir uns nichts vor, Seehofer kann in puncto Intelligenz seinem Vorgänger als Parteivorsitzender nicht das Wasser reichen. Das ist in Bayern hinreichend bekannt, wer Erwin Huber aus seinem engeren Tätigkeitsfeld im Finanzministerium kennt. Der Mann ist kein Plärrer oder Lautsprecher, der kann geduldig warten bis seine Zeit angebrochen ist. Leute, es wird interessant. Neulich hat ein Forist mich darauf aufmerksam gemacht, wörtlich: "Den Seehofer müsst ihr Bayern schon selbst entsorgen". Wer wartet noch?
cvdheyden 01.06.2014
4. Nachher weiß man es immer besser
....Herr Huber. Wenn Sie mal vor der Wahl die Klappe aufgemacht hätten, dann wäre vielleicht was passiert. Aber so kann man nicht erwarten, dass es besser wird in Ihrem Ministerpräsidentenwahlverein in Bayern. Schauen Sie auf die SPD, die zerlegt für gewöhnlich Ihre Führungskräfte vor der Wahl und wenn das nicht klappt, dann eben danach, weswegen eine SPD sich selten länger an der Macht hält.....
ashrak2014 01.06.2014
5. optional
Wieder ein Bauernopfer für die CDU, er hat gewagt Kritik zu äußern und seine Unteressen zu vertreten, übrigends hat auch die CDU einen auf die Nase bekommen, denn die SPD hat gewonnen und auch die AFD.
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