CSU-Spitzelaffäre Ping-Pong-Pauli blockt Beckstein ab

Gabriele Pauli geht auf's Ganze: Urwahl in der CSU, Stoiber weg, Beckstein ins Amt, lauten die Forderungen der Fürther Landrätin in der mutmaßlicher Spitzelaffäre um ihre Person. CSU-Vize Beckstein versuchte, ihren Furor zu bremsen - vergeblich. An der Basis werden die Stimmen gegen Stoiber lauter.

Von , Nürnberg


Nürnberg - Gleich müssen sie rauskommen. Seit bald zwei Stunden sitzen Günther Beckstein und Gabriele Pauli im ersten Stock der Nürnberger CSU-Zentrale in der Jakobstraße beisammen. Beckstein ist nicht nur der stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister Bayerns, hier und heute ist er vor allem der örtliche CSU-Chef. Und da die Landrätin Pauli eingeschriebenes Parteimitglied in Becksteins Bezirk ist, hat er sie zum Krisengespräch gebeten.

Die Fürther Landrätin Gabriele Pauli auf ihrer Pressekonferenz: Ping-Pong mit Beckstein
DPA

Die Fürther Landrätin Gabriele Pauli auf ihrer Pressekonferenz: Ping-Pong mit Beckstein

Es ist der letzte Tag einer Woche, an deren Anfang Gabriele Pauli Spitzelvorwürfe gegen die bayerische Staatskanzlei erhoben hat: Zum Thema "Männerbekanntschaften" und möglichen "Alkoholproblemen" habe Stoibers Büroleiter Michael Höhenberger gegen sie geschnüffelt. Am Freitagmittag tritt Höhenberger zurück - und Gabriele Pauli spricht von einem "guten Tag für die CSU".

Und jetzt, sechs Stunden später, sitzt sie Beckstein in der Jakobstraße gegenüber. Er versteht sie nicht wirklich: nicht ihre Motive, nicht ihr Vorgehen - will aber schlichten. Sie hofft auf seine Unterstützung. Und die Journalisten draußen hoffen auf ein gemeinsames Foto der beiden: Hände schütteln, in die Kamera lächeln, alles wieder gut sein lassen. So was eben. Was man so nach Krisengesprächen machen könnte.

Die Nürnberger CSU-Regie sieht anderes vor.

Man solle doch schon mal nach oben gehen, Beckstein werde gleich was im dritten Stock sagen. Nö, sagen die Fotografen. Sie warten lieber hier. Wegen des gemeinsamen Fotos und so. Klar. Dann eben anders: Beckstein kommt raus, bahnt sich einen Weg durch die Wartenden, sagt hier ein Wort, da einen Satz - und strebt in den dritten Stock. Gabriele Pauli hat man derweil hinter der Tür signalisiert, sie möge doch noch einen Moment warten. Als Beckstein weg ist, darf sie raus. Ein gemeinsames Bild gibt es nicht.

Diese Szene sagt sehr viel aus über den Umgang der CSU-Spitze mit ihrer entschiedensten Kritikerin. Stoibers Leute sind massiv verärgert über Pauli, konnten ihr aber in der gesamten Woche nicht Herr werden. Stattdessen wurde Höhenberger geopfert. Und jetzt trifft sich der gutmütige Franke Beckstein mit der schönen Landrätin. Auf Fotos lächelt man doch nahezu zwangsläufig. Ein grinsender Beckstein, eine glückliche Pauli daneben - das könnte doch auf eine Franken-Verschwörung gegen München hindeuten. Also lieber auf Nummer sicher gehen: keine Freundschafts-Symbolik.

Bayerns Innenminister Günther Beckstein: Gespräch mit Pauli ja, gemeinsame PK nein
DPA

Bayerns Innenminister Günther Beckstein: Gespräch mit Pauli ja, gemeinsame PK nein

Weil Günther Beckstein nicht gemeinsam vor die Mikrofone und Kameras will, macht Gabriele Pauli also ihre eigene Pressekonferenz. Die Journalistengruppe wird gespalten: Die einen folgen Beckstein in den dritten Stock, die anderen Pauli nebenan ins altfränkische "Wein- und Bierrestaurant zum Batzenhäusl" der Familie Steichele.

Es ist ein altes Wirtshaus. Es ist eng, es herrscht Gedränge, Mikrofonmenschen müssen ihre Mikrofonstangen in Position bringen, man stößt sich den Kopf an und die Kaffeetasse des Nachbarn um. Nur die Landrätin ist überhaupt nicht aufgeregt. Ihre Stimme bleibt ruhig, ihre sorgsam aufeinander gelegten Hände zittern nicht. Frisur und Make-Up sitzen perfekt. Man mag nicht glauben, dass diese Frau heute den Rücktritt eines der engsten Stoiber-Vertrauten im fernen München ausgelöst hat. Sie lächelt ihr Lächeln.

Gabriele Pauli beginnt ihre Pressekonferenz als Ping-Pong-Spiel. Weil Beckstein nicht da ist, bezieht sie einfach gleich parallel Position für ihn. Das hört sich dann etwa so an: "Ich meine, Stoiber sollte bei der Landtagswahl 2008 nicht antreten", sagt Ping-Pauli. "Er will, dass wir 2008 den Wahlkampf mit Stoiber führen", kontert Pong-Pauli. Fazit: "Da sind wir uns nicht einig."

So geht das dann weiter: "Ich meine, dass die Partei hinter meiner Position steht - er meint, sie stehe hinter seiner." Da sei man sich also "nicht einig". Und: Beckstein habe gesagt, "das Thema" sei für ihn durch die Abdankung Höhenbergers erledigt. Pauli: "Da waren wir uns nicht einig, das ist noch lange nicht aus der Welt geschafft." Stoiber trage "die politische Verantwortung, auch wenn sein Büroleiter abgedankt hat", so Pauli.

Ein bisschen Einigung über die Urwahl

Jetzt aber: "Ansatzweise einig" sei man sich bei ihrer Forderung nach einer Mitgliederbefragung zur Person des CSU-Spitzenkandidaten für 2008 gewesen. Beckstein halte diese Idee für "überlegenswert". Sie habe vorgeschlagen, im Vorfeld des nächsten Parteitags die Basis zu befragen und dann den Parteitag entscheiden zu lassen, sagt Pauli. Und lächelt.

Günther Beckstein lächelt derweil nicht im dritten Stock seiner CSU-Zentrale nebenan. Er witzelt zwar ein bisschen, verkneift sich aber immer wieder ein Lächeln. Natürlich zittern Becksteins Hände auch nicht, aber er wirkt nicht ansatzweise so entspannt wie Gabriele Pauli. Die Widersacherin handele "aus persönlicher Emotionalität heraus", sagt er. Stoiber stelle sich jeder Auseinandersetzung und sei "niemand, der finstere Machenschaften pflegt". Der CSU-Vize bedauert die Ereignisse und den Stil der Auseinandersetzung, der nicht nur Stoiber, sondern auch der CSU schade. Das Verhalten der Landrätin sei indiskutabel: "Es ist völlig ausgeschlossen, dass in einer Art Stasi-System jemandem nachspioniert wird." Das mutmaßliche Spitzel-Telefonat Höhenbergers bezeichnet Beckstein als harmlosen "Tratsch unter Parteifreunden".

Derweil berichtet Pauli in ihrer Wirtsstube von anderen Fällen, in denen CSU-Mitglieder aus ganz Bayern "von übergeordneten CSU-Politikern unter Druck gesetzt" worden seien.. Sie "appelliere an diejenigen, das auch öffentlich zu sagen". Denn schließlich sei sie doch nicht deren Anwalt, "ich habe doch nicht die Aufgabe, das zu beweisen".

Gabriele Pauli will nun in ihrem - und also auch in Becksteins - CSU-Bezirk einen Antrag zur Urwahl des Spitzenkandidaten 2008 einbringen. Beckstein habe da "grünes Licht" gegeben. Pauli sagt, "die Mitglieder brauchen ein Signal, dass es in Zukunft mehr Mitbestimmung in der CSU gibt".

Mit der Forderung steht sie offenkundig nicht allein. Die "Süddeutsche Zeitung" meldet, dass es an der CSU-Basis offenen Widerstand dagegen, dass Stoiber 2008 automatisch wieder als Spitzenkandidat antreten wolle. Für eine Mitgliederbefragung sprachen sich am Freitag beispielsweise der Schweinfurter CSU-Landrat Harald Leitherer und der dortige CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Eck aus. Aber auch andere CSU-Funktionäre äußerten offen Kritik.

Pauli bringt Beckstein als Stoiber-Nachfolger ins Spiel

Was aber, wenn ihr Antrag in den Gremien scheitert? Da runzelt Gabriele Pauli kurz die Stirn, dann lächelt sie weiter: "Jetzt lassen wir mal den Antrag laufen." Doch die Diskussion über Stoiber und mögliche Nachfolgekandidaten, die solle man weiterführen, "unabhängig vom Antrag". Pauli: "Ich habe das die letzten Wochen gemacht, meine Meinung ändert sich nicht."

Interessant in diesem Zusammenhangist , dass sie Beckstein im Gespräch auch in eine brenzlige Situation gebracht zu haben scheint: "Ich habe ihm gesagt, wenn er sich als Spitzenkandidat zur Verfügung stellen würde, dann wäre das eine hervorragende Lösung für uns und das Land." Aber Beckstein habe das zurückgewiesen, "er hat sich solidarisch zu Stoiber gezeigt. Trotzdem sagt Pauli mit Blick auf Beckstein und Seitenhieb auf Stoiber: "Ich find's schön, dass man in der Politik auch unterschiedliche Meinungen haben kann und sich trotzdem versteht."

Wie soll es jetzt weitergehen Frau Pauli, war es das jetzt? Ach, sagt Frau Pauli und streicht sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht, "morgen wird's doch sicher nicht weitergehen, oder? Wir müssen doch noch alle Päckchen einpacken und den Weihnachtsbaum schmücken."

Wenigstens das kann Günther Beckstein dann wohl am Abend nach München melden: Weihnachten soll Ruh' sein.



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