CSU-Triumph in Bayern Die süße Rache des Zweidrittel-Königs

Das Ergebnis könnte deutlicher nicht sein: Die CSU regiert künftig mit einer Zweidrittel-Mehrheit im Parlament, Bayerns SPD verabschiedet sich ins politische Nirwana. Und Edmund Stoiber triumphiert - den Blick stets nach Berlin gerichtet.

Von Dominik Baur, München


Genießt seinen späten Triumph über Gerhard Schröder: Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber
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Genießt seinen späten Triumph über Gerhard Schröder: Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber

München - Aus diesem Aufzug muss er kommen. Vor dem Lift im ersten Stock des Münchner Maximilianeums, dem altehrwürdigen bayerischen Parlamentsgebäude, treten sich die Fotografen und Kameraleute gegenseitig auf die Füße. Alle wollen sie dieses erste Bild des Siegers.

Edmund Stoiber tritt aus dem Lift, geht ein paar Schritte bis zum Saal der CSU-Fraktion und drängt sich durch die Menge. Aus den Lautsprechern dröhnt Queens "We are the champions", junges Parteivolk in Dirndl und Lederhosen skandiert: "Edmund, Edmund!". Bayern hat wieder einen König.

Was man mit einer Übertreibung als Königskrönung beschreiben kann, lässt sich auch in nüchterne Zahlen fassen: Um gut acht Prozentpunkte legte die CSU zu. Knapp 61 Prozent der Stimmen konnte die Partei auf sich vereinen. Die SPD dagegen hat geschafft, was sich die Westerwelle-Liberalen bei der Bundestagswahl feierlich vorgenommen hatten: Auf über 18 Prozent kam die Partei - war darüber allerdings weniger glücklich, als es die FDP gewesen wäre. Auf das schlechteste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte hatten sie sich bereits eingestellt, aber dass sie selbst die prognostizierten 20 Prozent nach unten durchbrechen würden, das übertraf selbst die Alpträume der pessimistischsten Genossen.

Jeden dritten ihrer ohnehin wenigen bayerischen Wähler hat die SPD verloren. Anders die Gemütslage bei den Grünen, der dritten Partei im Landtag: Hin- und hergerissen war man hier zwischen himmelhoch jauchzend angesichts des besten Landtagswahlergebnisses überhaupt - fast acht Prozent der Stimmen - und Zu-Tode-Betrübtsein angesichts der Zweidrittelmehrheit der Schwarzen. Die Freien Wähler verzeichneten mit gut vier Prozent einen beachtlichen Zuwachs, die FDP blieb, wie in Bayern üblich, weit abgeschlagen.

"Sensationell und epochal"

Es ist ein Triumphzug für Stoiber. Der Mann, der gerade eben von den Wählern als erster bayerischer Ministerpräsident eine Zweidrittelmehrheit beschert bekommen hat, schaut nur eben im Fraktionssaal vorbei, um seiner Partei etwas Honig um den Bart zu schmieren. Stolz sei er, "Vorsitzender einer so großartigen Partei" zu sein. Das "sensationelle und epochale Ergebnis" sei nicht "ein Erfolg eines Mannes oder einer Frau" (von welcher Frau spricht der Mann?), sondern der Partei. "Ein ungeheurer Ansporn" sei das Ergebnis, sagt der Triumphator, streckt den Daumen hoch, küsst seine Frau Karin auf die Stirn und zieht von dannen zum nächsten Auftritt.

Kämpfte auf verlorenem Posten: Verlierer Maget
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Kämpfte auf verlorenem Posten: Verlierer Maget

Es ist der süße Geschmack der Rache, den der Zweidrittel-Stoiber an diesem Abend auskostet. Denn fast genau ein Jahr nach der Bundestagswahl, als dem Kandidaten ein paar tausend Stimmen zum Sieg fehlten, weiß Stoiber genau, gegen wen er diese Wahl gewonnen hat: Bestimmt nicht gegen diesen freundlichen Herrn Franz Maget, den in Bayern keiner kennt, sondern gegen den Bundeskanzler, seinen Erzfeind Gerhard Schröder.

Es ist eine späte Rache, und ob sie den Ministerpräsidenten doch noch nach Berlin - sei es ins Bundeskanzleramt, sei es ins Schloss Bellevue - befördert, ist mehr als ungewiss, doch der Triumphator kostet sie aus. Stoiber wirkt für seine Verhältnisse locker und entspannt, nichts ist zu spüren von der Nervosität während des Bundestagswahlkampfes. Die "Äh"-Zähler von damals wären heute enttäuscht.

Blickrichtung Deutschland

Ein solches Wahlergebnis hat selbst Stoibers Mentor und der wohl mächtigste aller bisherigen bayerischen Landesfürsten, Franz Josef Strauß, nie erreicht. Mit 125 von 180 Sitzen im Landtag ist Edmund Stoiber nun mit einer Machtfülle ausgestattet wie keiner seiner Vorgänger. Im Landtag kann die CSU nun ziemlich ungehemmt schalten und walten. Die ohnehin bescheidene Rolle der Opposition wird noch weiter schrumpfen. Nur die Verfassung können die Christsozialen ohne Zustimmung des Volkes nicht ändern.

Natürlich wollte keiner damit gerechnet haben. Zweidrittel-Mehrheit? Nein, niemals, verkündeten CSU-Politiker in den vergangenen Wochen bei jeder Gelegenheit. Das sei völlig irreal - ein erbärmlicher Wahlkampftrick der Opposition. "Er hätte es nicht in den kühnsten Träumen zu hoffen gewagt", behauptet Stoiber auch jetzt noch. Und ganz der verantwortungsvolle Landesvater fügt er hinzu: "Es wird uns in keiner Weise übermütig machen, im Gegenteil."

Und gleich darauf ist er wieder bei seinem Lieblingsthema: dem "absoluten Misstrauensvotum gegenüber der Bundesregierung, gegen Rot-Grün", das die Wahl bedeute. Auch das Signal an die CDU sei eindeutig: "Wir sind stark." Und dann redet er noch ein bisschen vom "Erfolgsmodell Bayern". Die Blickrichtung ist klar: Deutschland, nicht Bayern.

Keine schöne Leich

Und die SPD? "A schöne Leich" nennt man in Bayern eine würdevolle Beerdigung, doch der Bayern-SPD, Gott hab sie selig, wird im Maximilianeum gerade mal ein drittklassiges Begräbnis zwischen Tür und Angel zuteil. Immerhin: Ein paar sollen bei der "Wahlparty" der Sozialdemokraten geweint haben, als die ersten Hochrechnungen bekannt wurden. Die Gesichter sind auch eine Stunde später noch betreten, ansonsten halten sich die Genossen an ihren Biergläsern fest. Franz Maget ist eifrig damit beschäftigt, den Journalisten zu erklären, dass davonzulaufen jetzt ganz falsch wäre, man in den nächsten Tagen das Ergebnis genau analysieren werde und das Wahldesaster der SPD freilich eine "Auswirkung einer beispiellos schlimmen Lage im Bund" sei.

Während Maget auf die ARD-Schalte wartet, steht ein paar Meter weiter Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, der SPD-Politiker mit den höchsten Sympathiewerten in Bayern. Etwas verloren nippt er an seinem Bier, bis sich eine ältere Dame auf ihn stürzt: Der OB möge sich doch mal bitte um die vielen Fahrräder kümmern, die in der Maximilianstraße die ganzen Zugänge zu den Geschäften verstellten, fordert die Frau von dem sichtlich genervten Stadtoberhaupt. Vor der Tür steht derweil mit hochrotem Kopf SPD-Veteran Hans-Jochen Vogel, zupft an seiner Breze herum und räsoniert darüber, dass es das Verkehrteste wäre, die Reformpolitik jetzt einzustellen. Außerdem habe ihn Alfons Goppel seinerzeit mit einem besseren Ergebnis geschlagen, als es jetzt Stoiber erzielt habe, betont Vogel - als sei er stolz darauf.

Wenn auch der Triumph der CSU deutlicher ausgefallen ist, als viele gehofft oder gefürchtet hatten: Eine wirkliche Überraschung hatten die bayerischen Wähler traditionell nicht zu bieten. Bleiben die Fragen, die Stoibers Freund und Feind vor der Wahl wirklich bewegt haben: Wird der gescheiterte Kanzlerkandidat nach diesem Ergebnis auf einem zweiten Anlauf bestehen? Oder erliegt der Ministerpräsident vielleicht doch der Versuchung, auf wesentlich einfachere Art und Weise in die Geschichtsbücher einzugehen, als erster Bundespräsident der CSU? Antworten lieferte dieser denkwürdige Sonntag nicht.

Mag sein, dass Stoiber selbst noch keine hat. Er ist es gewohnt, dass Überraschungen seinen Weg nach oben begleiteten: der plötzliche Tod von Ziehvater Strauß, der jähe Sturz von Amigo Streibl, der klare Sieg über den Erzrivalen Waigel. Nächsten Sonntag feiert der Ministerpräsident seinen 62. Geburtstag. Dass es das einzige Ziel des ehrgeizigen CSU-Chefs ist, sich mit 67 Jahren als geachteter Landesvater in den Ruhestand zu verabschieden, das mag kaum einer glauben. Doch erstmal labt sich der Ministerpräsident an der Gewissheit, es Gerhard Schröder gezeigt zu haben. Alles andere wird sich geben. Als Stoiber den Fraktionssaal verlässt, erfüllt Louis Armstrongs Stimme den Raum: "What a wonderful world".



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